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MAINZ: Das 6. SINFONIEKONZERT  unter Pawel Kapuła mit Weinberg und Dvořák – sensibel und klug gestaltet:

23.03.2026 | Konzert/Liederabende

Mainz: Sensibel und klug gestaltet: Das 6. SINFONIEKONZERT  unter Pawel Kapuła mit Weinberg und Dvořák 21.3.2026

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Foto: Anneliese Schürer

 Was sagte mein Sitznachbar nach zweieinviertel Stunden: „Ein spektakulärer Dirigent!“ Er meinte Pawel Kapuła, der erstmals beim Philharmonischen Staatsorchester Mainz gastierte. So ganz trifft es dieser visuelle Begriff nicht. Der schlanke junge Mann (Jg. 1992), seit 2021 Erster Gastdirigent der Pommerschen Philharmonie Bydgoszcz, ist optisch keine Aufsehen erregende Erscheinung, sondern eher ein sauber arbeitender Handwerker am Pult. Was ihn in seiner polnischen Heimat bekannt gemacht hat, sind sicherlich seine gründliche und fantasievolle Programmwahl und seine Interpretationkunst.

Nach Mainz brachte Kapuła zwei Werke von Mieczysław Weinberg mit, dessen Oper „Die Passagierin“ in der Saison 2024/25 in Mainz auf die Bühne kam und beim Publikum auf großes Interesse stieß. Neu für die Mainzer Hörerschaft waren nun die „Polnischen Weisen“ op. 47 Nr. 2 und das „Konzert für Violoncello und Orchester c-moll“ op, 43.  Die „Polnischen Weisen“ fallen als kunstvolle Verarbeitung von Folklore in dieselbe Kategorie wie Johannes Brahms’ „Ungarische Tänze“ oder Antonin Dvořáks „Slawische Tänze“. Sie sind abwechlungsreich, präsentieren in der Abfolge „Introduktion – Kujawiak – Krakowiak – Mazurka “ populäre Tanztypen, sind fein gearbeitet und im Großen Haus des Mainzer Staatstheaters angenehm zu hören. Dem wirkungsvollem Finale merkt man Weinbergs Erfahrung mit Film- und Unterhaltungsmusik an. Mit diesen Genres verdiente er in Russland unter dem Stalin-Regime seinen Lebensunterhalt, während seine Hauptwerke unter Aufführungsverbot litten. Mit op. 47,1, der „Rhapsodie über moldawische Themen“, versuchte Weinberg der Doktrin des Sozialistischen Realismus gerecht zu werden, die einen volksnahen, optimistichen Tonfall verlangte. Nachdem ihm angelastet wurde, er habe die moldawische Volksmusik nicht authentisch genug wiedergegeben, rettete er sich 1950 mit den „Polnischen Weisen“ vorläufig auf die sichere Seite; immerhin war er ja als gebürtiger Pole hier Experte. Trotzdem war er nicht sicher vor Stalins Verfolgungswahn. 1952 wurde er inhaftiert, erfuhr  aber nach dem Tod des Diktators das Glück der Freilassung.

Das Cellokonzert op. 43 entstand eigentlich 1948, blieb aber in der Schublade, bis Weinberg es 1955 wieder herausholte und in Umfang und Besetzung erweiterte. Als Solokonzert ist es ein interessanter Fall, denn von der Idee des gemeinsamen Musizierens und Wetteiferns zwischen Soloinstrument und Orchester ist nicht viel übrig geblieben. Stattdessen spielt das Soloinstrument fast ständig – bis auf wenige Spielpausen, in die das Orchester eher symbolisch und mehr oder weniger störend hineinfunkt. Es ist nicht wie bei Frederic Chopin, der in seinen Klavierkonzerten nach einer konventionellen Einleitung dem Tasteninstrument schlicht das Feld überlässt, sondern man hat – jedenfalls nach der eindringlichen Interpretation des Gastsolisten Friedrich Thiele –  den Eindruck, dass Cello spiele gegen das Orchester an, gar über das Orchester hinweg – abgeschirmt von der Außenwelt, ganz einer grüblerischen-expressiven  Innenwelt hingegeben. Wie Thiele auswendig über vier unterschiedliche Sätze (Adagio – Moderato – Allegro – Allegro) alle technischen Schwierigkeiten bewältigt und dabei die Spannung hält, ist bewundernswert. Im leise verklingenden Schluss scheint besondere Bedeutung zu liegen: Der Solist ist nicht mehr allein, sondern die Cellogruppe des Orchesters begleitet ihn ins Verklingen hinein. Seine Cello-Kollegen nimmt Thiele in die erste Zugabe mit, ein Arragement des „Feuertanzes“ aus Manuel de Fallas Ballett „Der Liebeszauber“ für vier Celli. Als zweite Zugabe hören wir ein Solostück: Weil Thieles kleine Tochter zum ersten Mal im Konzertpublikum sitzt, spielt er für sie und alle anderen eine delikate Cello-Version des „Marschs“ aus der Klaviersammlung „Musik für Kinder“ op. 65 von Sergej Prokofiew.

Mit Antonin Dvořáks 8. Sinfonie nach der Pause erleben wir einen weiteren Wechsel der Komponisten-Perspektive. Die Konzerteinführung im Parkett mit Konzertdramaturgin Elena Garcia und dem Gastdirigenten in englischer Sprache war angesichts des sich hinter dem Vorgang kräftig einspielenden Orchesters nur mühsam zu verfolgen. Aber so viel wurde doch deutlich: Kapułas Interpretation geht von der Perspektive des Naturliebhabers Dvořák aus, der in seinem Sommerhaus im mittelböhmischen Vysoká u Příbramě an der Sinfonie arbeitet und dabei hineinkomponiert, was er an akustischen und inneren Eindrücken hört – ähnlich wie später Gustav Mahler in seinen Sinfonien. Wir hören Vogelstimmen (immer wieder aufscheinend in den wunderbar aufspielenden Holzbläsern), Volksfestszenen mit Tanz, Rufen und Gesang, überbordende Lebensfreude (mit orgiastisch überdrehtem Blech) oder eine altbackene Prozession (geführt von seriösen Celli und begleitet mit ironisch sekundierendem Fagott), die dann im fröhlichen Dorfleben aufzugehen scheint. Dazwischen tauchen bedrohlich-düstere Momente auf – womöglich Reminiszenzen an die blutigen Kämpfe der Hussitenkriege, wie sie schon Smetana musikalisch heraufbeschworen hat? Schließlich ist fast keine Landschaft unschuldig, wenn man bedenkt, was die Menschen in und mit ihr angestellt haben. Im melancholisch dahinschwingenden Walzer des Scherzos gerät die Musik plötzlich ins Stocken, als ob den Tänzern das Herz stockt. Und immer wieder holt Kapuła interessante Nebenstimmen, markante Begleitrhythmen und widerspenstige Synkopen heraus, die man in anderen Interpretationen so noch nicht gehört hat. Wo sonst großzügig und flächig gemalt wird, formt Kapuła mit feinem Pinsel liebevolle, pfiffige und widerspenstige Details. Lästige, unhöfliche Erscheinungen wie einzelne Hustensoli und Handy-Klingeltöne aus dem Publikum fügen sich als Umweltgeräusche beinahe schon wieder in dieses Panorama ein. Eine spektakuläre Interpretation also? Eher anschaulich, sensibel und klug, so dass einem mit den Ohren auch die Augen aufgehen! Langer Applaus und etliche Bravo-Rufe zeigen: Die Botschaft ist angekommen.

Andreas Hauff

 

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