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MAINZ: 6. SINFONIEKONZERT – Luigi Nono, Alma Mahler; Franz Schubert

25.04.2022 | Konzert/Liederabende

Mainz: 6. Sinfoniekonzert –  Luigi Nono, Alma Mahler; Franz Schubert -23.4.2022

Immer wieder erfreulich ist, wenn der Spielplan des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz sich mit dem Opernspielplan berührt. Nachdem im Mainz Luigi Nonos Oper „Al gran sole carico d’amore“ herauskam, gibt es nun beim 6. Sinfoniekonzert der Saison im Großen Haus des Staatstheaters das Opus 1 des Komponisten zu hören: Die „Variazioni canoniche – sulla serie dell’op. 41 di Arnold Schönberg“. Diese „kanonischen Variationen“ bedienen sich der selben Zwölftonreihe wie das Melodram „Ode an Napoleon Bonaparte“ für Streicher, Klavier und Sprechstimme, das Schönberg 8 Jahre zuvor im US-amerikanischen Exil auf einen anti-napoleonischen Text von Lord Byron aus dem Jahr 1814 geschrieben hatte. Die Ode war ein Plädoyer für Freiheit und gegen Tyrannei und wurde von Schönberg 1942 auf Hitler bezogen. Nonos Variationen wurden 1950 in Darmstadt, damals schon „Mekka der Neuen Musik“, unter der Leitung von Hermann Scherchen uraufgeführt. Sie stießen auf Protest – wahrscheinlich deswegen, weil die Mehrheit der in Darmstadt versammelten Komponisten und Interpreten nach den Jahren des NS-Regimes an einen von jeglicher Politik freien Neuanfang der Musik glaubte und die im Titel enthaltene politische Anspielung durchschaute. Nono besaß, so schrieb später sein Kollege Giacomo Manzoni, eine moralische Sensibilität, die „sich nicht in rein technisch-theoretischen Verfahren erschöpfen konnte, wie sie in Darmstadt (…) vorherrschten.“

 Am Pult des Mainzer Orchesters steht als Gastdirgent wieder einmal Peter Hirsch, der sich hier schon oft um die Musik des 20. Jahrhunderts verdient gemacht hat. Im Programmheft finden wir einen Text, den er selbst über Nonos „Variationen“ verfasst hat. Er weist darauf hin, dass Nono die als Basis der Komposition benutzte Zwölftonreihe anders verwendet als Schönberg. Er betone mehr die Halbtonreibungen „und mit ihnen das Ätzende, scharf Reibende“ des Klangs. Allerdings ist der Beginnt des Stückes zart und leise. „Es ist, als müsse sich die Musik ihren Weg in die Welt erst suchen“, sagt Hirsch, „kein machtvolles Beginnen, eher ein Zögern.“ Erst dann kommen  Zuspitzungen und Zusammenballungen, und auf diese folgt wieder ein zeitweiliger Rückzug ins Distanzierte und Geheimnisvolle. Hirsch stellt eine andere oder zusätzliche Vermutung an, was damals den Anstoß der Hörer erregt haben könnte: Aus der zunehmenden kontrapunktischen Verdichtung der Musik sticht unerwartet, als „expressiv-überschießender“ Aufschrei, ein Sopransaxofo-Solo hervor, „wie es seinerzeit als unerhört galt.“ Im Jahr 2022 freut man sich dagegen eher über diese Intensivierung des Ausdrucks, nachdem man lange einer Wanderung kleinerer musikalischer Gesten durch das abwechlungsreich besetzte und umsichtig geführte Orchester folgen durfte.

Dass Gustav Mahlers spätere Ehefrau Alma auch komponierte und bei Alexander von Zemlinsky Unterricht nahm, ist zwar keine Neuigkeit. Zu hören sind ihre Kompositionen allerdings aber fast nie, und außer einigen Klavierliedern ist davon anscheinend nichts mehr erhalten. Mahler wollte nicht, dass seine Frau komponierte, denn er befürchtete „ein eigentümliches Rivalitätsverhältnis“ und dass sie nicht in der Lage sein werde, ihm zum richtigen Zeitpunkt „die Kleinigkeiten des Lebens ab(zu)nehmen“. Ein Jahr vor seinem Tod, nach einer schweren Ehekrise, korrigierte er seine Ansicht und sorgte 1910 für die Publikation und Uraufführung von 5 Liedern seiner Frau. 1915 und 1924 veröffentliche Alma Mahler dann noch einmal 4 bzw. 5 weitere Lieder. 1995 haben die beiden britischen Komponistenbrüder David und Colin Matthews die komplette Sammlung von 1910 und zwei der 1915 herausgekommenen Lieder für Orchester- statt Klavierbegleitung arrangiert. Nacheinander erklingen „Die stille Stadt“ (Text von Richard Dehmel), „Laue Sommernacht“ (Text von Otto Julius Bierbaum), „Licht in der Nacht“ (Bierbaum), „Waldseligkeit“ (Dehmel), „In meines Vaters Garten“ (Text von Otto E. Hartleben), „Bei dir ist es traut“ (Text von Rainer Maria Rilke) und „Erntelied“ (Text von Gustav Falke).

Verena Tönjes, seit der Saison 2020/21 neu im Opernensemble, begeht ihr Debüt im Sinfoniekonzert. Mit angenehmem Timbre, klarer Artikulation, nuancierter Stimmgebung und guter Phrasierung hinterlässt die junge Mezzosopranistin einen ausgezeichneten Eindruck. Dennoch macht einen die Aufführung nicht so recht glücklich. Trotz der artikulatorischen Prägnanz ist der Text nur bruchstückweise zu verstehen, denn immer wieder werden Passagen vom Orchester überdeckt. Da es sich um poetische Texte handelt, die nicht allgemein geläufig sind, kann man sich als Hörer die fehlenden Wörter auch nicht einfach zusammenreimen. Dem wäre nun leicht durch den Abdruck der Gedichtvorlagen im Programmheft abzuhelfen. Das würde auch erlauben, sich ein Gesamtbild der einzelnen Lieder zu machen und sie innerlich nachklingen zu lassen. Es ist mir wirklich unverständlich, warum Staatsorchester und Staatsphilharmonie zum wiederholten Male viel künstlerische Arbeit und Energie investieren, aber dann mit Papier und Text geizen, die dem Hörer das Resultat deutlich näher bringen würden. In diesem Fall kommt hinzu, dass die zum Teil vielgliedrigen Lieder  unterschiedlich lang sind, der Dirigent aber nicht genügend zwischen Spannungspausen innerhalb eines Liedes und den Pausen zwischen den Liedern unterscheidet. So weiß man manchmal nicht einmal, wo ein Titel aufhört und der nächste beginnt. Auch die Orchesterfassung als solche erscheint mir nicht unproblematisch. Sie ist ansprechend und abwechslungsreich, und sie zeigt gut, dass Almas Kompositionen sich stilistisch zwischen Wagner und Strauss, Zemlinsky und Gustav Mahler bewegen. Aber sie überlädt die eher intimen Klavierlieder mit orchestralem Gewicht und musikhistorischem Ballast.

Eigenartig gerät nach der Pause die Interpretation von Franz Schuberts Großer C-Dur-Sinfonie. Peter Hirsch legt sie ganz von der musikalischen Konstruktion her an. Er fügt Baustein an Baustein,  Phrase an Phrase, Satz an Satz. Unerbittlich drängt er vorwärts, lässt kaum Luft zum Atmen und stellt damit auch  hohe technische Anforderungen. (Die meistert das Orchester bravourös.) Das ist analytisch nicht uninteressant zu hören, wirkt aber erstaunlich flächig. Neben- und Begleitstimmen bleiben unterbelichtet, immer wieder drängt sich das Blech in den Vordergrund, und die zwei Generalpausen im Finale kommen ganz unmotiviert. Einem Teil des Publikums und einem Teil des Orchesters gefällt diese Konzentration aufs Technisch-Virtuose offensichtlich sehr gut. Mir nicht, und ich bin ziemlich sicher, Luigi Nono hätte sie auch nicht gefallen.

Andreas Hauff

 

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