Mainz: „BREAKING WAVES“ (Missy Mazolli) – 15.6.2026

Julietta Aleksanyan, Brett Carter. Foto: Andreas Etter
Missy Mazolli (Jg. 1980), geboren in Landsdale (Pennsylviana) und aktuell Professorin für Komposition am Bard College in Annandale on Hudson (New York) ist eine erfolgreiche und viel gelobte US-amerikanische Komponistin. „Breaking the Waves“, basierend auf dem gleichnamigen Film von Lars von Trier aus dem Jahr 1996, kam 2016 an der Oper von Philadelphia (Pennsylvania) heraus und wurde inzwischen vielfach nachgespielt. Das Libretto stammt von dem erfahrenen, aus Kanada stammenden Librettsten Royce Vavrek.
Die Handlung spielt in einer streng calvinistischen Gemeinde auf der entlegenen Isle of Skye in Schottland. Die junge Bess McNeill heiratet ihre große Liebe, den Norweger Jan Nyman, der auf einer nahegelegenen Bohrinsel arbeitet. Die Beziehung der beiden lebt stark von der körperlichen Anziehung. Die berufsbedingte längere Trennung überstehen sie, in dem sie sich am Telefon gemeinsamen Geschlechtsverkehr vorstellen. Bei einem Unfall auf der Plattform, bei dem es ihm noch gelingt, seinen Kollegen und Trauzeugen Terry zu retten, wird Jan schwer verletzt und nach Skye gebracht. Es stellt sich heraus, dass er querschnittsgelähmt ist und sich vom Kopf abwärts nicht mehr bewegen kann. Er fordert Bess auf, mit anderen Männer zu schlafen, und ihm dabei zu berichten; das werde ihm gut tun und ihm am Leben erhalten. Bess hat Schuldgefühle, weil sie Gott um Jans vorzeitige Rückkehr von der Bohrinsel gebeten und zudem in der Kirche gelernt hat, eine Frau habe ihrem Mann zu gehorchen. Sie überwindet sich und erfüllt Jans Auftrag. Von ihrer Kirchengemeinde und ihrer Familie wird sie wegen Prostitution verstoßen. Einzig der Hausarzt Dr. Richardson bemüht sich um Bess, die auch ihm Avancen macht. Er überlegt, sie in die Psychiatrie einzuweisen, entscheidet aber, Jan zunächst einmal ans Festland zu verlegen. Bess lässt sich mit zwei brutalen Matrosen ein, die sie so schwer misshandeln, dass sie an den Verletzungen stirbt. Zur Beerdigung erscheint Jan, der wie durch ein Wunder wieder gehen kann, und man hört über dem Meer Kirchenglocken, obwohl die Kirchengemeinde selbst keine Glocken besitzt.
Wie kann und soll man als Regisseur diese Geschichte erzählen? Offensichtlich geht es um männliche Gewalt, weibliche Opferbereitschaft und um religiösen Fundamentalismus. Missy Mazollis Musik müsste eigentlich bei der Interpretation helfen. Sie wird vom Phiharmonischen Staatsorchester Mainz unter dem Gastdirigenten Dirk Kaftan zwar sorgfältig ausmusiziert, doch setzt sie erstaunlich wenig Akzente – außer dass der Gemeindegesang der fundamentalistsich gesinnten Kirchengemeinde bedrohlich klingt, und eine Melodica eingesetzt wird, deren Klang an das auch Schifferklavier genannte Akkordeon erinnert und damit ein maritimes Milieu andeutet. Atmosphärische Naturbilder oder seelische Konflikte, wie man sie etwa beim Benjamin Britten findet, sucht man vergeblich. Was man hört, ist im Grunde auskomponierte Auswegslosigkeit. Das passt zu einem deprimierenden Szenario, das wie zwangsläufig abläuft und keine Handlungsspielräume kennt. Im Verlauf gibt es eine kurze Phase, in der Rockmusik als Fremdkörper von außerhalb per Lautsprecher zugespielt wird. Der Klang der Kirchenglocken am Ende erwächst nicht aus der Partitur, sondern erklingt ebenfalls aus der Tonkonserve. Das wirkt musikalisch so aufgesetzt wie die an Wagners „Tannhäuser“ erinnernde Erlösungsszene im Handlungsverlauf.
Regisseur Krystian Lada schlägt sich achtbar bei dieser schwierigen Aufgabe. Er verzichtet auf drastische Sex- und Gewaltsszenen, zeichnet ansonsten aber konsequent die Beziehungsstrukturen nach. Der calvinistischen Unsinnlichkeit der Kirchengemeinde, die auf das vorgeblich „reine“ Wort Gottes hört und neben dem übliche Bilderverbot sogar ein Glockenverbot etabliert hat, setzt er zusammen mit Bühnenbildnerin Annette Murschetz und Kostümbildner Adrian Bärwinkel eine geradezu römisch-katholische Bildsprache entgegen. Bess erscheint stets im weißen Brautkleid, Jan pflückt ihr zur Hochzeit von der Wiese weiße Lilien, die im herben Klima von Skye gar nicht gedeihen, und zeigt nach Jans Unfall ewig lang sein blutverschmiertes Gesicht in vergrößerter Live-Aufnahme, als würde man einem Unfallpatienten nicht das Gesicht säubern. Diese Stilisierung ins Märtyrerhafte passt zwar zum verklärenden Ende, aber nicht zum Milieu der Handlung.
Wirklich glücklich mit dieser Lesart ist Lada aber offensichtlich auch nicht gewesen, denn er hat mit Hilfe des Theaters einen Freiwilligen-Chor von ungeschulten Frauenstimmen als „Ensemble der Mainzer Frauen“ zusammengestellt und die Handlung des Stückes durch einen gesprochenen Prolog und einen gesungenen Epilog erweitert; zu letzterem hat Mazzoli auch die Musik geschrieben, so dass das Staatstheater tatsächlich die Uraufführung einer neuen Mainzer Fassung vermelden kann. Im Prolog tritt eine Frau nach der anderen persönlich vor und holt aus zu persönlichen Aussagen über Heimat, Familienstand oder Partnerschaft, wird aber nach wenigen Sätzen von einem Mitglied des sie umstehenden, düster gekleideten Herrenchors fortgerissen, bis Julietta Aleksanyan, die Darstellerin der Bess, allein übrigbleibt und die eigentliche Opernhandlung beginnt. Kurz vor Schluss umsorgen die Frauen dann die schwerverletzte Bess, und ganz am Ende singen sie eine Abwandlung des Liebesmottos von Jan und Bess. Statt „Mein Körper ist eine Landkarte, deren Wege du zeichnest,“ heißt es nun (hier in deutscher Übersetzung des gesungenen englischen Originaltextes): „Mein Körper ist eine Landkarte, deren Wege ich selbst zeichne.“ Nicht weibliche Opferbereitschaft soll nun am Ende stehen, sondern weibliche Selbstbehauptung, nicht das Pathos der Oper, sondern die ungeschulte Stimme „aus dem Volk“.

Julietta Aleksanyan und Ensemble. Foto: Andreas Etter
Beim Hinausgehen schließlich bietet die Aufführung eine weitere Lehre aus dem Stück an. Im Theaterportal ist Bess’ weißes blutbeflecktes Hochzeitskleid mit seiner überlangen Schleppe ausgestellt, Daneben hängen Zitate aus Bibel und Koran, die die Unterdrückung von Frauen legitimieren. Im Kontrast dazu ist auf der hinterem Umschlagseite des Programmhefts eine wichtige wichtige Aussage von Bess zu lesen, „Man kann nicht in ein Wort verliebt sein. Man kann nur einen Menschen lieben“. Das Problem ist aber nicht Religion als solche, sondern eine fundamentalistische Religion, die das Wort wortwörtlich nimmt und nur die Worte gelten lässt, die die eigene Moralvorstellung legitimieren, die nicht nachdenkt, nicht abwägt, nicht diskutiert. Hat bei den Calvinisten von Skye niemand die Episode von Jesus und der Ehebrecherin im Johannes-Evangelium gelesen, die in dem berühmten Satz gipfelt „Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“?
Julietta Aleksanyan hat wie man im Progammheft-Interview nachlesen kann, mit Bess eine Rolle übernommen, die ihr sehr fernlag. Sie hat sich bewundernswert eingefühlt. Brett Carter als Jan verzichtet entgegen seiner Stilisierung zum Schmerzensmann auf jede Theatralik. Tim-Lukas Reuter spielt überzeugend Jans raubeinig-herzlichen Freund Terry, der ihm auf dem Krankenbett ziemlich hilflos gegenübersteht. Karina Repova als Bess’ Schwägerin und Nancy Weißbach als Bess’ Mutter merkt man den Schmerz an, die strenge Kirchenzucht über die verwandtschaftlichen Bindungen stellen zu müssen. Yoonki Baek macht aus dem Arzt Dr. Richardson eine undurchsichtige Figur: Seine Stimme und sein Auftreten wirken nüchtern und hart, sein tatsächliches Handeln eher sensibel. Die Aufführung ist erstaunlich gut besucht, auch von ziemlich viel jüngeren Leuten. Berührungsängste gegenüber zeitgenössischer Musik oder der Thematik des Stückes halten sich offensichtlich in Grenzen. In der Pause höre ich einen Satz mit, den ich gut nachvollziehen kann:„Ich finde es ganz gut, aber der1. Akt könnte doppelt so schnell laufen,“ Der weit überwiegende Teil des Publikums erscheint nach der Pause wieder. „Wir ziehen das jetzt durch!“ sagt meine Sitznachbarin. Das trifft auch mein Empfinden. Am Ende gibt es langen Beifall – auch von mir, kaum für das Stück selbst, aber sehr wohl für das enorm engagierte Ensemble und für den Mut des Theaters, „Breaking Waves“ auf den Spielplan zu setzen.
Andreas Hauff

