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MAILAND/ Teatro alla Scala: DIE WALKÜRE am 3.3.2026)

04.03.2026 | Oper international

Von Dr. Eric Alexander Hoffmann

“Die Walküre“ in der Regie von David McVicar und unter der musikalischen Leitung von Alexander Soddy im Rahmen des 1. Scala-Ring-Zyklus beeindruckt mit einer luxuriösen,  hochkarätigen Besetzung, bleibt für mich in ihrer Gesamtwirkung aber dennoch hinter der von mir erwarteten Wucht zurück. Entscheidend geprägt wird der Abend durch eine überragende Sieglinde und ein finales Vater-Tochter-Tableau von seltener Intensität und Güte.
Mit Günter Groissböck als Hunding, Okka von der Damerau als Fricka, Michael Volle als Wotan, Vida Miknevičiūtė als Sieglinde und Camilla Nylund-Saris als Brünnhilde ist die
Besetzung über alle Zweifel erhaben und absolut herausragend. Dennoch muss ich sagen, dass mir als Gesamteindruck die Wucht fehlt, die ich in anderen Häusern schon so oft erlebt habe.
Das fängt vielleicht mit David Butt Philip an, der für mich nicht so der hundertprozentige Siegmund ist. Er singt die Partie lyrisch schön und ausdrucksstark, aber von der Kraft dann doch nicht so, dass es mich aus den Socken gehauen hätte. Was Ausdauer, Intensität und Volumen anbelangt, kommt er im Vergleich zu für mich maßstabsetzende Interpretationen wie etwa von Andreas Schager kommt er noch nicht heran: Er singt die Partie schön und gefällig, aber ohne jene Attacke, die einen als Zuhörer wirklich umhaut.
Vida Mikneviciute ist als Sieglinde da schon ein anderes Kaliber und mehr nach meinem Geschmack. Dramatisch zugespitzt, zugleich lyrisch fein zeichnend und darstellerisch mit
großer Agilität, gehört sie aktuell zu den herausragenden Interpretinnen dieser Rolle; es gibt für mich nicht viele Sängerinnen, die diese Partie derzeit überzeugender verkörpern.
Günter Groissböck ist als Hunding eine echte Kapazität, mit dunkel grundierten Tiefen, die jede seiner Szenen zu einem Highlight machen. Seine Autorität auf der Bühne setzt einen
markanten Kontrapunkt zu dem inzestuösen Liebespaar. Okka von der Damerau zeichnet eine durchaus sympathische, menschlich berührende Fricka, die gekonnt zwischen verletzter Ehefrau, kühler Strategin und unnachgiebiger göttlicher Instanz balanciert und damit den zweiten Aufzug wirkungsvoll erdet.

Alexander Soddy
führt das Scala-Orchester sicher durch den weitgespannten Partiturbogen und legt hörbar Wert auf Transparenz, sauber austarierte Mittelstimmen und eine klare Zeichnung der Leitmotive. Jedoch von meinem Platz aus – zentral in der Loge, aber etwas zurückgesetzt in der dritten Reihe – wirkt der Gesamtklang jedoch für meine Ohren etwas gedämpft und gebremst. Der gesanglich insgesamt sehr starke Eindruck des Abends wird zudem durch die Leistung des Orchesters ein wenig getrübt. Das Scala-Orchester erwischt an diesem Abend nicht seinen besten Tag: Immer wieder sind Unsauberkeiten, insbesondere in Hörnern und Bläsern, zu hören, und es stellt sich für meinen Geschmack deutlich zu selten jenes spezifische Gespür für den raffiniert überwältigenden Wagner-Ton und Klang ein, wie man ihn von anderen Orchestern in Berlin, Wien und New York gewöhnt  ist, von Bayreuth ganz zu schweigen. Einzelne Patzer mögen überall vorkommen, aber in dieser Häufung waren sie an diesem Abend auf diesem Niveau für mich doch überraschend.

Zum eigentlichen Höhepunkt des Abends gehören für mich Wotan und Brünnhilde: Die große Abschiedsszene ist musikalisch wie darstellerisch absolut herausragend und für mich das unangefochtene Highlight der Aufführung. Michael Volle und Camilla Nylund erweisen sich hier als kongeniales Duo, das zu dem Besten zählt, was man derzeit in dieser Szene erleben kann; selten sieht man Sängerinnen und Sänger, die selbst so sichtbar von Musik, Text und der existenziellen Situation ergriffen sind.
Was zunächst als harte Konfrontation zwischen Gott und einstiger Lieblingskämpferin beginnt, wandelt sich immer stärker zu einer sanften, zärtlichen und zutiefst menschlichen Begegnung zwischen Vater und Tochter. Im Kern ist die Abschiedsszene eine groß angelegte Liebesszene. Wie Wagner dabei das Siegfried-Motiv immer wieder unmerklich einblendet und wie raffiniert Brünnhilde ihrem Vater in die Verhandlung hineinmoderiert, dass nicht irgendein x-beliebiger Mann sie erretten darf, sondern ein ganz besonderer, eben Siegfried – besitzt fast „Game of Thrones“-Dimensionen, besonders dann, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Brünnhilde zuvor Sieglindes Leben gerettet hat, im Wissen um das ungeborene Kind, das einmal ihr eigener Retter und Geliebter sein wird, gewinnt dieser Moment eine psychologische und dramaturgische Tiefe, die Volle und Nylund an der Scala gesanglich wie darstellerisch herausragend ausloten.
So bleibt der Eindruck eines Abends, dessen sängerische Qualität über weite Strecken höchsten Ansprüchen genügt, während der Orchesterklang (und die Saalakustik?) bei mir nicht immer zur gewohnten und erwarteten wagnerschen Überwältigung führte. Doch gerade in Sieglindes Szenen und im grandios gestalteten Abschied zwischen Wotan und Brünnhilde zeigt sich, welches Potential dieser Scala-Ring besitzt – und lässt mich hoffen, dass die Drogen Wagner und Ring doch noch ihre volle Wirkung entfalten

Dr. Eric Alexander Hoffmann

 

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