Aus den Trümmern der vorherigen Welt: McVicar inszeniert an der Scala den Ring des Nibelungen als postapokalyptische Dystopie mit happy end
Von Dr. Eric Alexander Hoffmann
Die Götterdämmerung ist ein stimmig erzählter, visuell mitunter spektakulärer, musikalisch hochklassiger Abschluss des neuen Ring, der seine eigene postapokalyptische Welt konsequent zu Ende denkt.
Mit Klaus Florian Vogt als Siegfried, Camilla Nylund als Brünnhilde, Günther Groissböck als Hagen, Russell Braun als Gunther, Christa Mayer in einer Doppelrolle als Erster Norn und -als Einspringerin für die kurzfristig erkrankte Nina Stemme – als Waltraute und Johannes Martin Kränzle als Alberich, ergänzt durch Olga Bezsmertna als Gutrune/Dritte Norn, Szilvia
Vörös als Zweite Norn, Lea-Ann Dunbar als Woglinde, Svetlina Stoyanova als Wellgunde und Virginie Verrez als Flosshilde steht ein durchweg hochkarätiges Ensemble auf der Bühne.
Alexander Soddy entwickelt mit dem von Abend zu Abend besser werdenden Orchester der Scala einen transparenten, klar strukturierten Wagner‑Klang, in dem die Leitmotive plastisch hervortreten und die großen Steigerungen – vor allem in Siegfrieds Trauermarsch – eine mitreißende Wucht entfalten. Gleichzeitig bleibt der Klang nie bloß überwältigend, sondern behält eine analytische Durchhörbarkeit, die den Sänger:innen viel Raum zur Textgestaltung lässt.
Regisseur David McVicar und sein Team (Bühne: McVicar/Hannah Postlethwaite, Kostüme: Emma Kingsbury) führen die bereits in Rheingold, Walküre und Siegfried etablierte Bildwelt
konsequent fort. Der Brünnhilden‑Fels bleibt das der Länge nach aufgeschnittene Frauengesicht; das gemeinsame Schlafgemach als gewölbte Hand, die an ikonische Darstellungen der Venus in einer Muschelschale erinnert.
Wenn Siegfried getarnt und in Gestalt Gunthers im zweiten Auftritt in diesen Safe Space eindringt und diese Hand zerstört, ist das keine bloße Effekthascherei, sondern ein klares Symbol: Das gemeinsame Zuhause, der Schutzraum der Liebenden, wird buchstäblich zerschlagen – und mit ihm das fragile Gefüge aus Vertrauen, Identität und Erinnerung, auf dem Brünnhildes neues Menschsein bislang beruhte.
Die neue Gibichungen‑Szenerie schlägt optisch eine Brücke zu Hundings Hütte, erweitert sie jedoch zu einem quasi tribalistischen Macht- und Kulturzentrum. In der Mitte liegt wieder der längs aufgeschnittene Globus, der bereits zuvor als Bild der verwundeten Welt aufgetaucht ist; hier wird er zum Herrschaftszeichen eines Stammes, der auf den Ruinen einer untergegangenen Zivilisation lebt und aus den Trümmern einer untergegangenen Zivilisation versucht, eine neue Dynastie aufzubauen.
Auffällig ist der neu erworbene Wohlstand: Goldene Stickereien, fein gewebte Teppiche und elaborierte Schmuck‑Masken zeugen von wiedererwachter Handwerkskunst, die auf der alten Nibelungen‑Schmiedekunst aufbaut und sie verfeinert. Doch die prunkvolle Oberfläche steht in brutaler Spannung zur im Hintergrund aufgeschichteten Knochenwand – ein drastisches Memento, dass all dieser Reichtum durch Krieg und Gewalt erkauft wurde.
Die ausrangierten Strom‑ und Telegrafenmasten, die nun als Totempfähle dienen, markieren den Übergang zu einer neuen, archaisch‑tribalistischen Religion. An den Masten sind hoch oben an der Spitze Masken zu Ehren der Götter befestigt. Unten an den Pfählen liegen Opfergaben, mit denen die Götter besänftigen werden sollen – bis hin zu Kinder‑ und Tieropfern. Seit die alten Götter die Welt verlassen haben – in der “Götterdämmerung” kommen sie gar nicht mehr vor – haben sich die Menschen ihre eigenen neuen Götter geschaffen.
Gleichzeitig bleibt im Hintergrund die große goldene Schädelmaske aus Nibelheim präsent, sodass die Bühne eine echte Übergangswelt zeigt: Die Relikte des alten Systems sind noch sichtbar, während neue Riten und Machtstrukturen entstehen. Dass sich die Krieger ihre Uniformen offensichtlich aus den Kostümresten vergangener Kriege zusammengesucht haben, unterstreicht das Bild eines proto‑militaristischen Stammes, der auf den Trümmern der Weltgeschichte operiert.
An dieser Bühne lässt sich buchstäblich die Entstehung einer neuen Kultur ablesen: von groben Resten alter Technik hin zu verfeinerter Schmiedekunst, von nackter Überlebensgewalt hin zu ritualisierter Opferpraxis und kunstvoller Stickerei. Die Frauen der Gibichungen sticken Goldornamente, die so fein ineinander greifen wie Wagners Leitmotive, die in Soddys Interpretation klar konturiert und zugleich eng verwoben erscheinen.
Das Faszinierende dieser Regie-Konzeption ist, dass sie ohne aufgesetzten philosophischen, metaphysischen oder sonstigen Überbau auskommt und doch eine reflektierte Geschichtserzählung anbietet, ausgehend von der These, dass es auch vorher schon eine Zivilisation gegeben hat, die untergegangen ist.
Die riesigen, schon im Rheingold auf dem Grund des Rheins liegenden Stein‑Hände – damals noch neu und frisch – sind nun geborsten, die Finger sind abgebrochen und tragen deutliche Zeichen des Verfalls: ein eindrucksvolles Sinnbild für den langen Zeitraum, der seit dem Prolog vergangen ist.
Und auch die Rheintöchter haben schon bessere Zeiten gesehen. Sie begegnen Siegfried nicht als kindlich‑verspielte Wasserwesen, sondern eher wie gealterte Hüterinnen eines längst kompromittierten Schatzes.
Klaus Florian Vogt zeichnet einen lyrischen, hell timbrierten, jugendlich-kraftvollen Siegfried, der in dieser Inszenierung als naiv‑unreflektierter Held besonders scharf gegen die brutal pragmatische Umgebung abgesetzt wird. Sein Tod im dritten Aufzug – auf dem schwarzen Schieferboden der sonst leeren Bühne – erhält eine fast nüchterne, aber dafür umso erschütterndere Selbstverständlichkeit. Siegfried stirbt allein. Dass sich auch Wotan noch von ihm verabschiedet, macht die Szene nur noch emotionaler und radikaler. Mit Siegfried stirbt ja nicht nur ein Held, sondern eigentlich das Prinzip Hoffnung.
Der musikalische Kulminationspunkt bleibt für mich dann auch Siegfrieds Tod, samt Trauermarsch, den Soddy ohne bloßes Fortissimo‑Pathos, dafür mit stetig wachsendem Klangdruck aufbaut, der mich auch dieses Mal wieder aus den Socken gehauen und mir komplett den Stecker gezogen hat.
Brünnhildes Schlussgesang gerät dank Camilla Nylund zu einem emotional überwältigenden Finale, umso bemerkenswerter, als sie den Abend mit leichter Indisposition beginnt, sich aber von Akt zu Akt steigert. Ihr “Ruhe du Gott!” ist mehr geflüstert als gesungen, und dabei voller Ausdruck und Intensität. Wenn sie am Ende ihres Schlussmonologs die letzten „O
hehrste Not“‑Rufe und das „O ihr Götter“ in den Raum schleudert und zugleich mit dem Speer die Welt in Brand setzt, erinnert die Bildsprache an den Einschlag eines Kometen. Der danach wieder auftauchende Tänzer mit der goldenen Maske ist ein erstaunlich versöhnlicher und extrem friedlicher und poetischer Weltuntergang.
Dass das Publikum den bei den letzten Takten vorzeitig einsetzenden Applaus konsequent auszischt, zeigt den besonderen, beinahe möchte ich sagen heiligen Augenblick der Stille, der Besinnung und des gemeinsamen Innehaltens und Durchatmens schafft, der dieser ästhetisch und musikalsch herausragenden Aufführung durchaus angemessen ist.
So schließt sich an der Scala ein Ring, der weder auf grelle Aktualisierungen noch auf ideologische Lesetexte angewiesen ist, sondern aus den Trümmern einer imaginierten untergegangenen Welt eine eigene, in sich schlüssige Ästhetik und Erzählung entwickelt – ein absolut würdiger Abschluss eines langen, intensiven Wagner‑Wegs. Völlig zu Recht Standing ovations und nicht enden wollender Applaus.
Dr. Eric Alexander Hoffmann

