In den Trümmern der eigenen Welt.
Dr. Eric Alexander Hoffmann
Nach „Rheingold“ und „Walküre“ war ich mir trotz der herausragenden Besetzung und Leistung der Sänger:innen nicht sicher, ob der neue Scala-Ring zu mir finden würde. Nach „Siegfried“ kann ich sagen: An diesem dritten Abend passt auf einmal sehr viel zusammen – szenisch, musikalisch und atmosphärisch.
Von Escher-Treppen zur Schmiede-Höhle
Während das „Rheingold“ mit Escher-artigen Treppen und riesigen abgeschlagenen Händen eher abstrakt daherkam und die „Walküre“ mit archaisch-kultischen Steinobelisken und einem monumentalen Frauenkopf als Brünnhildenfelsen eher symbolistische Kühle ausstrahlte, schlägt David McVicar im „Siegfried“ szenisch eine überraschende Volte: Plötzlich steht man in einer fast naturalistischen Welt: eine riesige Esse, ein mächtiger Blasebalg, eine richtige Höhle mit Steinen und Wurzeln – ein detailreicher Raum, in dem dieser Siegfried wirklich leben, schwitzen und schmieden kann.
Klaus Florian Vogt muss Nothung im wahrsten Sinne des Wortes neu schmieden, und das nicht nur als Geste. Er hämmert auf das Schwert ein, dass die Funken nur so sprühen, der Schweiß steht ihm sichtbar auf der Stirn; als beim Feinschliff der kleine Hammer den Geist aufgibt, lässt sich Vogt auch davon nicht aus der Ruhe bringen, improvisiert kurz und bleibt völlig im Flow. Sein Siegfried wirkt auf einmal viel greifbarer, weniger ätherischer Heldentenor und mehr junger Mann, der sich die Welt zurechtklopft und nach seiner Fasson frei gestaltet. Er weiß sich zu helfen, auch wenn er nichts weiß.
Ein Mime in Bestform und ein Orchester wie ausgetauscht
Wolfgang Ablinger-Sperrhacke ist als Mime in seiner absoluten Paraderolle zu erleben. Gesanglich makellos und darstellerisch mit einer Spielfreude, die jede Sekunde nutzt, zeichnet er diesen neurotischen, verängstigten, zugleich hochintelligenten Giftzwerg, der auch im Kostüm Vater und Mutter zugleich ist, so plastisch, dass man kaum die Augen von ihm lassen kann. Das ist großes Charaktertheater im besten Sinne.
Fast noch erstaunlicher ist für mich der Wandel im Graben. Nach der orchestral eher enttäuschenden „Walküre“ wirkt das Scala-Orchester an diesem Abend wie ausgetauscht: Ja, es gibt noch einzelne Patzer, vor allem im Blech, aber der Gesamtklang ist nun deutlich harmonischer, homogener, ausgewogener, wuchtiger. Alexander Soddy scheint ein ernstesWörtchen gesprochen oder einfach nur mehr Probenzeit gehabt zu haben: Plötzlich ist dieses feingliedrige, gleichzeitig wuchtige Geflecht von Farben, Linien und Leitmotiven da, das ich mir für den Ring so sehr wünsche. So macht Wagner Spaß, und man spürt die musikalische Schönheit und Wucht über den langen Abend hinweg.
Ein Bühnenbild wie ein apokalyptischer Skulpturenpark
Der zweite Aufzug gehört einem Bühnenbild (Hannah Postlethwaite), das zu den schönsten und spektakulärsten gehört, was ich jemals auf der Bühne gesehen habe, ein wahres Kunstwerk und großes Memento Mori: Drei riesige, wohl einst tanzende Frauenfiguren stehen im Raum, als hätte sie eine Feuerwalze oder Atombombe mitten aus dem Leben gerissen: keine Haut, nur Muskeln und Knochen, mittlerweile überwuchert von Pflanzen – eine Mischform aus menschlicher Skulptur und wilder Natur.
Zusammen mit den riesigen abgeschlagenen Händen aus dem „Rheingold“ ergibt sich ein klares Bild: Dieser Ring erzählt nicht von einer unschuldigen „Stunde Null“, sondern von einer Welt, die den Untergang schon einmal erlebt hat. Der Anfang hat das Ende schon gesehen, und wir wandeln durch die Trümmer der eigenen Welt und einer früheren, jetzt aber untergegangenen und zerstörten Zivilisation.
Auch Alberich – hier Ólafur Sigurdarson – ist in dieser Lesart eher Ruinenbewohner und „Trümmerfrau“ als potenzieller Weltherrscher. Sein buntes Theaterkostüm sieht aus wie aus verschiedenen Epochen zusammengeflickt, auf dem Kopf eine leicht schiefe Krone, hinter sich her zieht er einen Karren voller Trödel, Erinnerungsstücke und einen Globus. Er mag sich in seiner Fantasie noch als Herrscher der Welt sehen, tatsächlich ist er ein nicht nur metaphysisch Obdachloser der Geschichte, der die Reste seines Lebens und einer untergegangenen Kultur über die Bühne zieht.
Der Drache, beeindruckend gesungen von Ain Anger, ist ein übergroßer Totenschädel auf einem fahrbaren Untergestell mit mehreren Armen und langem, drachenartigem Schwanz. Mehr Spinnen-Albtraum als klassischer Wurm, erinnert diese Figur – wie schon die Hände – permanent an Vergänglichkeit und Tod. Totenkopf und Totenmaske werden zu visuellen Leitmotiven dieses Rings, die sich nun im „Siegfried“ eindrucksvoll verdichten.
Poetische Vögel und starke Nebenpartien
Sehr poetisch gelingen die Lösungen rund um den Waldvogel. Francesca Aspromonte tritt als menschliche Gestalt auf der Bühne auf, begleitet von einem Vogel an einer langen Stange, der von einem Puppenspieler geführt wird. In dieser Doppelung entstehen poetische Bilder, die mich an japanisches Theater, an Nō und Bunraku erinnern – federleicht, schwebend, fast zart inmitten der apokalyptischen Skulpturenlandschaft.
Christa Mayer als Erda bringt im dritten Aufzug jene dunkle, erdige Autorität mit, die diese Figur braucht, während Michael Volle als Wanderer erneut souverän den Faden seines Wotan weiterspinnt. Man spürt in jeder Geste die Müdigkeit und Größe dieses durch die Lektüre Schopenhauers geschulten Gottes, der nur noch das Ende will und sich auf dem Weg in Bedeutungslosigkeit und Untergang befindet. Ein schwingenden Gott.
Im dritten Aufzug wächst sich der Abend endgültig zum Ereignis aus. Wenn Klaus Florian Vogt und Camilla Nylund als Brünnhilde im Finale aufeinandertreffen, bündeln sich alle Kräfte dieses Abends: stimmlich souverän, textdeutlich, mit großem Atem und einer berührenden Natürlichkeit in der Gestaltung. Die beiden formen ein Liebesduett, das ohne Pathosballast auskommt und gerade dadurch seine volle Wirkung entfaltet – ein echtes Highlight dieses Scala-Rings. Das Liebesduett umhüllt einen, ohne je in Kitsch oder bloßes Pathos abzugleiten – eher wie ein großes, spätes Aufatmen und eine zärtliche Umarmung nach all den dystopischen Katastrophenbildern zuvor.
Für mich ist dieser „Siegfried“ bislang der überzeugendste Abend des Scala-Rings: szenisch klug durchdacht, voller starker, teilweise verstörend schöner Bilder, musikalisch deutlich stabiler und getragen von einem herausragenden Ensemble, das in allen Partien sichtbar und hörbar über sich hinauswächst.
Wenn Orchester und Bühne dieses Niveau in der „Götterdämmerung“ halten, könnte sich im weiteren Verlauf des Rings noch erfüllen, was dieser Abend verheißt: dass die Droge Wagner an der Scala nun doch noch ihre wuchtige Wirkung voll entfalte
Dr. Eric Alexander Hoffmann

