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MAGDEBURG: DIE WALKÜRE. Derniere

27.11.2018 | Oper

Magdeburg: „DIE WALKÜRE“

Derniére 23.11.2018

Inspiriert vom Premierenbericht des Merkers Dr. Billand besuchte ich die letzte Aufführung „Die Walküre“ (Richard Wagner) im Theater Magdeburg, in dieser wunderschönen Stadt an der Elbe. Fortuna war mir/uns hold, bescherte günstige ICE-Hotel-Konditionen und äußerst soziale Eintrittspreise – so stand dem privaten Besuch nichts mehr im Wege.

Am modernen Regie-Theater zu verzweifeln? Weit gefehlt nicht bei dieser exzellent durchdachten Produktion des Teams Jakob Peters-Messer (Regie), Guido Petzold (Bühne), Sven Bindseil (Kostüme) zur Dramaturgie von Ulrike Schröder. Es gibt sie noch die Könner! Die hervorragenden „Theatermacher“ schienen sich der Verantwortung im schonenden Umgang der Ressourcen (wenn man den Ausdruck bei Wagners mythologischem Epos verwenden darf) durchaus bewusst und verlegten die Handlung in Kenntnis der Materie teils in gegenwärtig aktuelle Konflikte aber wie! Spannend wie ein Krimi mit Video-Einblendungen ohne Verfremdungen der Textur wurde die Story erzählt. Ein Dutzend junger Leute in der Reihe vor mir verfolgten höchst konzentriert das Geschehen und zeigten sich am Schluss außer Rand und Band. So lässt sich ein junges Publikum für die Oper begeistern und die junge Besuchergeneration sanft heran geführt.

Bereits die ersten Takte der gewittrigen Einleitung ließen den Verspätungsstress der DB (direkt vom Bahnhof ins Theater) rasch vergessen denn GMD Kimbo Ishii entführte mit der herrlich musizierenden Magdeburgischen Philharmonie unmittelbar in Richard Wagners akustische Zauberwelten. In höchst qualitativer Manier überraschte der hervorragend disponierte Klangkörper mit der prächtig motivierten Auffächerung der genialen Partitur, formte geschlossene instrumentale Perspektiven voll Wärme und Sentiment. Selten zuvor wurde mir das spannungsvolle elektrisierende Knistern des ersten Aufzugs so intensiv gewahr. Aufgelichtete Klänge intimeren Charakters durchwebten die Monologe der folgenden Akte, prächtig, handwerklich belichtete der umsichtige Dirigent die wunderbaren Details der zugespitzten Formationen. Ohne Überproportionen kontrastierte Ishil die wuchtigen orchestralen Ausbrüche der präzisen Bläserfraktionen mit konträr herrlichen innigen Passagen der warmgetönten Streicher und erwies sich zudem als sehr umsichtiger Sängerbegleiter.

Angesichts der schneeweißen Hütte Hundings mit kahlen Wänden, Tapeziertisch, Bierkasten und Stühlen war ich etwas irritiert, doch sodann kam Leben in die Bude! Siegmund stürmte herein, Sieglinde bildhübsch von zarter Figur in Leggins und Mini reichte dem Erschöpften die erste Erfrischung aus der Thermoflasche, sodann kehrte der Herr des Hauses von einer Demo heim, ein attraktiver Zweimeter-Hüne in schwarzer Polizeimontur. Was nun an Gestik, Darstellung in teils ängstlicher, neugieriger, abwehrend-bedrohlicher Mimik des grandiosen Sänger-Trios folgte, lässt sich kaum beschreiben! Das postmoderne Ambiente erschien ausgeblendet, fasziniert erlag man den Actions der großartigen Sing-Schauspieler.

Noa Danon (Sieglinde) überraschte mit einem jungendlich-dramatisch, sinnlich-charismatischem Sopran voll Wärme, zu herrlich grundierter Mittellage gekrönt von strahlendem Höhenglanz. Richard Furman erlebte ich bereits in Wiesbaden als Siegmund, seine tenoralen Qualitäten gewannen inzwischen an Volumen, an kerniger Grundierung und wunderbarem strahlkräftigem Höhenpotenzial. Was für ein prächtiges Wälsungen-Paar! Markant, kraftvoll, sämig, offerierte Johannes Stermann in bester Bass-Manier einen geradezu sympathischen Hunding. Während Sieglindes Erzählung öffnete sich die Wand des Hintergrunds, Wotan erschien beobachtete das Paar, fügte zusammen was lange getrennt.

Siegmund knallte den Tisch gegen die getünchte Wand, entwand das Schwert dem oberen Bereich und ein gesunder Eros brach sich seine Bahn, in leidenschaftlichem Begehren verband sich das Paar.

Brünnhilde und Wotan maßen spielerisch ihre Kräfte, sodann nahte das „Unheil“ – Fricka im Business-Outfit: streng in grauem Anzug mit Krawatte, Wotan noch immer entflammt umwirbt die Angetraute lädt sie zum erotischen Spiel auf die Decke, doch der grimmig Empörten stand danach nicht der Sinn und hielt die verhängnisvolle Standpauke. Mit klangvoll-hellem Mezzosopran ließ Ks. Undine Dreißig ihrem Unmut freien Lauf und entschied den Sieg im Ehezwist für sich. Brünnhilde in weißer Robe kündete Siegmund von Walhalls Wonnen, unglaublich ihr beklemmendes Erschrecken nach dessen absoluter Entschlossenheit und Begründung der Edlen nicht zu folgen. Das Erwachen der Liebe der fühllosen Maid, die neue Erkenntnis mit zwei innigen Küssen beteuernd sandte sie einen völlig überraschten Siegmund in den Kampf. Wotans Abschied von seinem Sohn einfach unglaublich berührend.

Ich kann mich nicht erinnern nach vielen Dutzend Walküren-Aufführungen jemals eine derart innige Umsetzung der Vater-Tochter-Beziehung erlebt zu haben. Diese schmerzliche Betroffenheit Wotans nach seinem grausamen Urteil, die vertraute Nähe zu Brünnhilde während derer begründeten Verteidigung und schließlich der herzzerreißende Abschied untermalt von göttlicher Musik, diese unendlich grandiose emotionelle Traurigkeit optisch umzusetzen, ließen selbst einem alten Hasen wie mir, die Augen überlaufen, berührten ungemein zur genialen Partitur-Umsetzung und den grandiosen Interpreten.

Die ersten Töne von Lucia Lucas erinnerten mich an das wunderbare Timbre des vor wenigen Tagen verstorbenen und unvergessenen Wotan von Allan Evans. Den Göttervater gesungen von einer Frau (sie war einst ein Mann), behielt jedoch die volltönende Bassbariton-Stimme, gilt schon als singuläres Novum. Allein was tut´s? Ließ sich so mancher Wotan in Sprechgesang verleiten, nicht so Lucia Lucas man erlebte Gesangskunst von enormer Größe. Mühelos bündelte die Dame ihr immenses wohlgetöntes dunkles Material zu vokaler Gestaltung allererster Güte. Gleichwohl vereinte Lucas emotionale Passagen während der kräftezehrenden Monologe in sinnlich-vokaler Wärme der Mittellage, überschäumend in virilen Höhenattacken der vorzüglichen Charakterkonturierung.

Wie einst Brigitte Hahn war auch Julia Borchert dereinst am NT MA im lyrischen Fach zu Hause und mutierte nun zur Wagner-Sängerin. Sie verkörperte vom Erscheinungsbild keine Heroine, auch vokal in keiner Weise. Der ausgezeichneten Sopranistin blieb das liebliche Timbre erhalten, die Stimme wuchs voluminös und öffnete einer Brünnhilde völlig neue Perspektiven. Bewundernswert die kluge Einteilung des Potenzials, die sensible Entfaltung des farbenreich dahin fließenden Soprans. In jugendlich-dramatischem Überschwang demonstrierte Borchert flexibel-nuancierte Stimmführung zu herrlichen Piani und gleichwohl klangvollen jubelnden Höhenattacken. Bravo – eine Brünnhilde der ganz besonderen Art!

Mit viel Engagement fügten sich die acht Walküren EmilJeanette Neumeister, Raffaela Lintl, Uta Zierenberg, Monika Mascus, Isabel Stüber Malagamba, Emilie Renard, Lucia Cervoni, Henriette Gödde  harmonisch ins vokale Gefüge.

Die Begeisterung des Publikums schlug hohe Wellen: zehn Minuten Ovationen und Standing Ovations. Wird der Ring in Magdeburg weiter geschmiedet (?) bin ich mit Sicherheit wieder dabei!

Gerhard Hoffmann

 

 

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