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MACKIE MESSER – BRECHTS DREIGROSCHENFILM

13.09.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 14. September 2018
MACKIE MESSER – BRECHTS DREIGROSCHENFILM
Deutschland / 2018
Regie: Joachim A. Lang
Mit: Lars Eidinger, Tobias Moretti, Joachim Król, Hannah Herzsprung, Claudia Michelsen, Robert Stadlober u.a.

Kompetenz ist etwas Schönes. Sich in seinem Metier so souverän auszukennen, dass man damit „spielen“ kann. So, wie Joachim A. Lang bei Brecht und seiner Zeit zuhause ist. Als Filmemacher hat er bislang „nur“ (immerhin) den „George“-Film gedreht, wo Götz seinen Vater Heinrich George spielte und tief in das damallige Milieu eingetaucht wurde. Ähnliches ist nun mit Bert Brecht gelungen. Wobei es die beste Idee Langs war, nicht die „Dreigroschenoper“ an sich zu verfilmen – denn so gut, wie allgemein getan wird, ist das Werk nicht. Die besten Nummern „herauszupicken“ und dramaturgisch in eine Rahmenhandlung einzusetzen – das ist die Genieidee von „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“.

1928 hatten Brecht und Weill unter größten Schwierigkeiten die „Dreigroschenoper“ herausgebracht, die dann ein Riesenerfolg wurde. Die Geschichte des Gangster-Königs Macheath, genannt Mackie Messer („Und der Haifisch, der hat Zähne“), und des Bettlerkönigs Peachum ist Kapitalismus-Parodie und –Kritik zugleich, vom damaligen Publikum mit Begeisterung, ganz ohne Selbstreflexion, aufgenommen. Wenig später kam es zur Verfilmung, die mit ungeheuren Turbulenzen und Streitigkeiten Hand in Hand ging, wollten die Produzenten doch einen reinen Unterhaltungsfilm machen, Brecht / Weill hingegen von ihrer politischen Aussage nicht weichen.

Das ist nun die so amüsante, ironische wie spannende Rahmenhandlung, die Joachim A. Lang rund um die originalen Figuren ausführt: Da ist Lars Eidinger als Bertolt Brecht locker zynisch und grimmig bissig zugleich, da zappelt Robert Stadlober den Kurt Weill, der sich aufregt, dass man seine Lotte Lenya (Britta Hammelstein) auf dem Original-Theaterzettel vergessen hat. Da ist Brechts „Harem“ mit Gattin Helene Weigel (Meike Droste), die in diesem Zusammenhang eine geringere Rolle spielt als Elisabeth Hauptmann (Peri Baumeister), deren Anteil an der „Dreigroschenoper“ immer zu gering angesetzt wird (Brechts rücksichtslose Ausbeutung seiner vor allem weiblichen Umwelt wird nebenbei durchaus thematisiert). Und dann sind da noch die Filmleute und Anwälte, mit denen Brecht leidenschaftlich aggressiv in jede Konfrontation ging, während er im Proletarier-Look das süßen Lebens im hektischen Berlin an der Wende der dreißiger Jahre und an der Riviera frönte…

Und in diese Handlung werden die Szenen des „Dreigroschenfilms“ hinein geschnitten, dramaturgisch punktgenau, in der Show-Üppigkeit, in der der Film damals gedreht wurde – ein perfektes Musical, brillant gespielt, und doch nicht eine Sekunde lang vergessend, dass es hier um Brechts Attacke geht: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“.

So gut wie als Bettlerkönig Peachum hat man Joachim Król lange nicht gesehen, Claudia Michelsen ist herrlich als verlogene Frau Peachum, sie könnte nicht besser sein, Christian Redl wird als Polizeichef Tiger Brown von seiner eigenen Unehrenhaftigkeit gebeutelt, Hannah Herzsprung, in der „realen“ Handlung die Carola Neher, gibt hier die raffiniert „naive“ Polly – und da ist vor allem Tobias Moretti als Macheath, der Gangster im Maßanzug. Weit besser, als er diese Rolle live im Theater an der Wien verkörpert hat, ist Moretti hier die Idealbesetzung des eleganten, verlogenen Monsters, der die Welt grinsend ancharmiert… Und wenn dann noch Max Raabe die Moritaten singt, bleibt kein Wunsch offen, zumal man wieder Kompetenz „hört“, wenn schließlich „unser“ HK (Nali) Gruber für den musikalischen Teil des Unternehmens zuständig ist.

Tatsache ist, dass die „Dreigroschenoper“, hier als effektvolle Show-Stückwerk in die Brecht-Handlung hineingeschnitten, noch viel besser zur Wirkung kommt, als stellte man sie einfach als Aufführung hin: Denn nun kann man die Kommentare ihres Schöpfers dazwischen knallen – und merken, dass sich am Haifisch-Kapitalismus so wenig geändert hat wie an der wütenden, aber machtlosen Kritik daran…

Renate Wagner

 

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