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M. Rauchensteiner (Hg.): AN MEINE VÖLKER!

09.04.2014 | buch

BuchCover An meine Voelker

Manfred Rauchensteiner (Hg.): 
AN MEINE VÖLKER!
DER ERSTE WELTKRIEG 1914-1918
256 Seiten, 381 Abbildungen, Großformat. Amalthea Verlag 2014

Unter Österreichs Historikerin ist der Militärhistoriker Manfred Rauchensteiner wohl jener, den man am engsten mit der Thematik „Kriege“ – Zweiter Weltkrieg, Besatzungszeit – in Verbindung bringt und der auch schon früher über den Ersten Weltkrieg gearbeitet hat. Neben einem Standardwerk, das er nun bei Böhlau herausgebracht hat, zeichnet er als Herausgeber auch für den großen Bildband des Amalthea Verlags verantwortlich, der als Katalog zur Ausstellung in der Nationalbibliothek gilt, darüber hinaus aber nie seinen Wert als Materialsammlung verlieren wird. Man könnte das reich bebilderte Buch unter das Motto stellen: Laßt Dokumente sprechen!

Es beginnt mit jenem, das im Titel zitiert wird: Die Proklamation, mit der Kaiser Franz Joseph am 28. Juli 1914 sich „An Meine Völker!“ wandte – und wo er sich gewunden als Friedensfürst benennt, der zum Krieg gezwungen wurde. Die Kundmachung erschien in allen Sprachen der Monarchie und setzte jenen Krieg in Gang, mit dem die Habsburger-Monarchie ihren Untergang besiegelte.

Von nun an hat die Österreichische Nationalbibliothek auf das großartigste in ihren Foto-, Plakat- und Dokumentenbeständen wühlen und fündig werden können, da die Hofbibliothek und die Fideikommissbibliothek von Anfang an angehalten waren, alles Material, das anfiel laufend zu sammeln – die Sorgfalt eines Beamtenstaates schlägt sich die nachfolgende Generationen solcherart einmal positiv nieder. Dabei hat man nicht nur die deutsch- und anderssprachigen Dokumente der Monarchie zusammen getragen, sondern auch, was man vom Gegner finden konnte!

Kundmachungen, Maßnahmen („zum Schutz der heranwachsenden Jugend vor Verwahrlosung“), Propaganda und Ratschläge („Hausfrauen! Trocknet und sammelt Kaffeeabsud!“) wurden aufwendig, teils wirklich künstlerisch gestaltet und meist in Farbe gedruckt, was sie vermutlich wirkungsvoll genug gemacht hat, um von einer mehr und mehr unter dem Kriegsalltag leidenden Bevölkerung wahrgenommen zu werden. Diese wurden ebenso vor Spionen gewarnt wie zur Benützung einer „Kriegssparbüchse“ (die gratis abgegeben wurde) angehalten…

Immer musste, um Spendefreudigkeit (in historischem Kostüm schwingt ein Jüngling eine Fahne, um zum Zeichnen der Kriegsanleihe aufzufordern) und Leidensfähigkeit auszuschöpfen, patriotische Propaganda herhalten, wobei bekannt ist, wie groß der begeisterte Kriegstaumel (!) zu Beginn der Ereignisse war. Später stehen einander schwarzweiße Fotos von der Front und groteske Karikaturen gegenüber, heroische Zeitungsberichte und schlichte Feldpostkarten. Manche Bereiche wurden durch den Krieg ungemein intensiviert, etwa die Kartographie – man musste ja wissen, wo der Feind zu finden ist.

Auch viele Dichter (nicht alle waren so dezidierte Kriegsgegner wie Arthur Schnitzler) ließen sich vor den Karren der Propaganda spannen, ebenso andere Künstler, etwa Julius Bittner, der ein Lied mit dem Titel „Hüte dich, England!“ komponierte. Auch ein Couplet „Gott strafe England!“ wurde geschaffen, aber dies ist keine Einbahn, die anderen Nationen bedienten sich gleichfalls aller Mittel der Stimmungsmache gegen den Feind.

Eine ganze Industrie war aufgeboten, verherrlichende Bilder herzustellen. Noch 1914 schwebt der Kaiser über einem Notenheft zu „Draußen in Schönbrunn“ von Fritz Grünbaum / Ralph Benatzky, als wäre alles in Ordnung. Ein betender Kaiser Franz Joseph ist zu einem der bekanntesten Sujets geworden. Doch der Kaiser starb 1916, und schon das war eine Zäsur, denn das „Es lebe der Kaiser!“ für Karl erklang wohl schon in halber Überzeugung.

Das Buch widmet dem Thema „Frau sein im Krieg“ ein eigenes Kapitel, heroisch-leidend und tüchtig dabei wollte man sie, unter dem Motto „Krieg und Küche“ fanden Köchinnenversammlungen, wohl auch zum Erfahrungsaustausch (wie auch zur patriotischen Aufrüstung), statt. Denn die Versorgungslage wurde schnell prekär, Laubbäume abschütteln und Maikäfer als Hühnerfutter sammeln, wurde auf Plakaten ebenso propagiert wie das Einsammeln von Brennesselstengeln…

Dass der Krieg in den Zeitungen (teilweise auch mit bunt gemalten Bildern) und im Kino zum Schauspiel wurde, funktionierte zumindest noch in den Anfangszeiten. Heroisierung und bald darauf Historisierung gingen Hand in Hand. Das Ende ist bekannt.

Das Buch bietet zum Abschluss noch einen aktuellen Beitrag zu der in viele Nationalitäten zerstobenen Habsburger-Monarchie: Ein Dutzend junger Autoren der Nachfolgestaaten reflektieren persönliche Überlegungen zum Thema Erster Weltkrieg, das hier so beispielhaft dokumentiert ist.

Renate Wagner

 

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