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LYON/ Opéra de Lyon: DER KREIDEKREIS von Alexander Zemlinsky

22.01.2018 | Oper

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Opéra de Lyon. Copyright: Opéra de Lyon

Lyon: „DER KREIDEKREIS“ von Alexander Zemlinsky – Opéra  20.1.2018

 Mit der Märchenoper „La Cenerentola“ von Gioacchino Rossini, die den Aufstieg Angelinas vom Aschenputtel zur Prinzessin schildert, ließ die Opéra de Lyon das Jahr 2017 ausklingen. Und die erste Opernproduktion des Jahres 2018, die französische Erstaufführung von Zemlinskys „Der Kreidekreis“,  hat sogar den Aufstieg von einer Prostituierten zur Kaiserin zum Inhalt. Dies ist gewiss kein Zufall, sondern passt genau in die Operndramaturgie des Intendanten Serge Dorny. Der Kampf Gut gegen Böse, Arm gegen Reich, der Kampf der Ohnmächtigen gegen die Mächtigen dieser Welt: Themen, die uns bis heute beschäftigen.

1925 wurde in Meißen das Drama „Der Kreidekreis“ von Alfred Henschke (1890-1928), besser bekannt unter seinem Pseudonym Klabund, uraufgeführt. Der Autor hatte sich dabei an der chinesischen Dichtung orientiert. Die Berliner Aufführung im selben Jahr (mit Elisabeth Bergner in der Hauptrolle) machte das Stück zum großen Erfolg, so dass Adaptionen folgten: Alexander von Zemlinsky komponierte auf der Grundlage des Dramas die Oper „Der Kreidekreis“ und Bertolt Brecht verfasste das Theaterstück „Der kaukasische Kreidekreis“ (1948).

Das Märchen vom Aufstieg des hübschen Mädchens Tschang-Haitang basiert auf einem chinesischen Singspiel aus dem 14. Jahrhundert. Der Vater des Mädchens ist nicht mehr in der Lage seine Steuern zahlen zu können und hängt sich auf. Tschang-Haitang wird von ihrer Mutter als Prostituierte an den Besitzer eines Teehauses verkauft. Prinz Pao verliebt sich dort in sie, Tschang-Haitang wird jedoch vom reichen Steuerpächter Ma (der ihren Vater in den Selbstmord getrieben hat) gekauft. Fortan lebt sie als Zweitfrau im Hause Mas. Yü-Pei, die unfruchtbare Erstfrau, fürchtet enterbt zu werden, nachdem Tschang-Haitang einen Sohn zur Welt gebracht hat, und vergiftet ihren Ehemann. Sie schiebt die Schuld auf Tschang-Haitang und behauptet, sie selbst wäre die leibliche Mutter des Kindes. Yü-Pei besticht ihre Hebamme, fremde Zeugen, den Anwalt und den Richter, um als rechtmäßige Erbin und Mutter des Knaben anerkannt zu werden. Tschang-Haitang wird zum Tod verurteilt. Aber noch vor Vollstreckung des Urteils stirbt der Kaiser von China. Zum neuen Kaiser wird Prinz Pao gewählt. Er lässt alle Todesurteile aufheben und will diese selbst überprüfen. Der Fall wird dem Kaiser vorgetragen. Kaiser Pao lässt einen Kreidekreis auf den Boden zeichnen, das Kind in den Kreis stellen und befiehlt den beiden Frauen, jede müsse versuchen das Kind aus dem Kreis zu ziehen; der echten Mutter müsste das gelingen. Die beiden Frauen ziehen jeweils an einem Arm, doch schon bald lässt Tschang-Haitang ihr Kind los. Das Experiment wird wiederholt. Aber auch beim zweiten Mal lässt Tschang-Haitang den Arm ihres Sohnes los. Damit ist für den Kaiser der Beweis erbracht, dass Tschang-Haitang die echte Mutter ist. Denn eine wahre Mutter würde ihr Kind lieber einer fremden Frau überlassen als ihm im Kampf einen Arm auszureißen. Der Kaiser gesteht dann Tschang-Haitang, dass er in der ersten Nacht, die sie im Hause Mas verbracht hat, heimlich in ihr Zimmer geschlichen ist und sie im Schlaf missbraucht hat. Tschang-Haitangs Sohn ist somit das Kind des Kaisers und sie selbst steigt nun auf zur Kaiserin.

Nach dem Tod seiner Frau Ida 1929 ehelichte Zemlinsky 1930 seine Geliebte Louise Sachsel. Als Hochzeitsgeschenk komponierte Zemlinsky 1930-31 eine neue Oper: „Der Kreidekreis“. Zemlinsky lebte zu diesem Zeitpunkt in Berlin, wo er ab 1927 an der Kroll-Oper tätig war. Infolge der Weltwirtschaftskrise musste die Kroll-Oper jedoch 1931 ihre Pforten schließen. Zemlinsky, der 1931 die Berliner Erstaufführung von Kurt Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ dirigierte, versuchte in seiner siebenten und zugleich letzten vollendeten Oper („König Kandaules“ hinterließ Zemlinsky ja unvollendet) die Musiksprache Weills in seinen eigenen Kompositionsstil einfließen zu lassen.

Zemlinskys Oper enthält eine faszinierende Mischung aus Dramatik und Lyrik. Der Komponist verschachtelt Spätromantik mit trivialer Musik und Cabaret-Szenen à la Weill, mischt Mahler und Strauss mit fernöstlichen Klängen, weiß die Balance aber durch hochsensible Durchdifferenzierung der eingesetzten vokalen und orchestralen Mittel zu erreichen. So pendelt die Partitur situationsgemäß von kammermusikalisch feinen Lyrismen zu hochdramatischen Ausbrüchen und von musikalisch subtil gestützten Sprechpartien zu orgiastischen Aufschwüngen. Zemlinsky hat das Libretto selbst eingerichtet. Er hat die Dichtung Klabunds unberührt gelassen und nur an unwesentlichen Stellen gekürzt. Die formale Anlage des Werkes ist sehr eigenartig. Es gibt gesungene Teile (sogar arienartige Passagen), gesprochene Passagen und dazwischen viele Melodramen. Die meisten Stücke der Oper stehen in d-moll, das sich zum Schluss in D-Dur verklärt (was den Übergang von Dunkelheit zu Licht symbolisieren soll), und in es-moll.

Ursprünglich sollte die Oper im Frühjahr 1933 in Frankfurt, Berlin, Köln und Nürnberg gleichzeitig stattfinden (so begehrt waren damals Opernuraufführungen!). Die Machtergreifung der Nationalsozialisten machte jedoch diesen Plan zunichte. So fand die Uraufführung am 14. Oktober 1933 in Zürich in Anwesenheit des Komponisten statt. Seltsamerweise konnte in einer Phase der Konsolidierung des Nazi-Regimes „Der Kreidekreis“ des Juden Zemlinsky dennoch im Jänner 1934 in mehreren deutschen Städten (Stettin, Coburg, Berlin und Nürnberg) aufgeführt werden. In Berlin kam die Oper sogar 21 Mal zur Aufführung, ein Erfolg, den Zemlinsky seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr erlebt hatte. Die Österreichische Erstaufführung folgte bereits im Februar 1934 in Graz. Aber der Erfolg sollte nicht lange anhalten. Zemlinskys Musik wurde bald als „entartet“ bezeichnet und verschwand von den Spielplänen des Deutschen Reiches.

Eine ausgezeichnete Besetzung führte die Aufführung in Lyon zu einem großen Publikumserfolg. Der als indisponiert entschuldigte Lauri Vasar war der aufbegehrende, revolutionäre Bruder Tschang-Ling. Martin Winkler, eben noch im Theater an der Wien als Alberich in der Ring-Trilogie im Einsatz, war mit seinem markanten Sprechgesang ideal als brutaler Ma, der durch die Liebe Tschang-Haitangs zum inneren Seelenfrieden findet. Nicola Beller-Carbone war mit etwas scharfer Sopranstimme prädestiniert als böse, streitsüchtige, intrigante Hauptfrau Yü-Pei. Ilse Eerens, die 2014 in der Uraufführung von HK Grubers „Geschichten aus dem Wienerwald“ die Marianne kreiert hat, war überragend als Tschang-Haitang. Der Wandel vom unschuldigen Mädchen zur Hure, zur demütigen Ehefrau und liebenden Mutter, zur leidenden und sich nach etwas Liebe sehnenden Frau gelingt ihr großartig. Dazu besticht sie mit ihrer schönen, klaren Sopranstimme und innigem Ausdruck, einfach großartig. Stephan Rügamer war der spielerisch-elegante, gefühlsreiche Prinz, der sich dann als Kaiser ins Abgeklärt-Heroische wandelt. Stefan Kurt war köstlich als korrupter Richter, der die Seiten über Beamtenbestechung aus dem Strafgesetzbuch reißt, damit er keinen Meineid gegen das Gesetz schwören muss. Zachary Altman als Tschao war leider nicht ideal besetzt, da war sein amerikanischer Akzent in der Aussprache doch zu störend. Köstlich hingegen Paul Kaufmann als Eunuch und Besitzer des Teehauses Tong. Doris Lamprecht als verarmte Frau Tschang, die nach dem Tod ihres Mannes aus der Not heraus ihre Tochter verkauft, und Hedwig Fassbender als Hebamme, die sich bestechen lässt und vor Gericht falsch aussagt, hatten starke Auftritte. Josefine Göhmann als Mädchen, Luke Sinclair und Alexandre Pradier als Kulis sowie Matthew Buswell (aller vier aus dem Opernstudio der Opéra de Lyon) als Soldat ergänzten das insgesamt ausgezeichnete Ensemble. Lothar Koenigs sorgte am Pult des Orchesters der Opéra de Lyon für viel Schönklang. Der Dirigent gibt den Sängern viel Raum zur Entfaltung, deckt die Sänger jedoch nie zu und sorgt vor allem für exzellente Sprachverständlichkeit, was bei diesem Werk unumgänglich ist.

Regisseur Richard Brunel hat die Handlung in die Gegenwart verlegt. Die Saxophonklänge zu Beginn verbreiten eine jazzige Stimmung in einem Bordell, das, als Karaoke-Bar getarnt, so oder so ähnlich wohl überall auf der Welt zu finden sein wird. Gleiches gilt übrigens auch für die Designer-Villa des Steuerpächters Ma, die könnte in China, Russland oder Amerika stehen. (Das Bühnenbild stammt von Anouk Dell’Aiera, die Kostüme von Benjamin Moreau.) Der helle, kühle Hinrichtungstrakt weist vor allem auf Amerika hin. Menschliche Katastrophen ereignen sich hier wie dort. Es ist letztlich auch völlig egal, wo es sich abspielt. Es geht immer um das arme Individuum, das sich gegen menschliche Niedertracht durchsetzen muss und nur in den seltensten Fällen auch siegt. Aber dazu haben wir (oder besser gesagt: brauchen wir) Märchen wie dieses. Sehr im Kontrast zu diesen eher kühlen Bühnenbildern steht dann die Waldlandschaft, wenn Tschang-Haitang im Schneesturm nach Peking getrieben wird, und ihr kleiner Sohn daneben auf einem Schimmel reitend sie begleitet. In diesem Bühnenbild könnten sich getrost auch Lenski und Onegin duellieren.

Rossinis „Cenerentola“ heißt im Untertitel „La bontà in trionfo“ („Der Triumph des Guten“).

Heutige Regisseure glauben nicht mehr an Märchen oder an ein Happy-End. und schon gar nicht an den Triumph des Guten. Bei Herheim ist Angelina am Ende wieder die Putzfrau der Oper, die alles nur geträumt hat. Und bei Brunel sehen wir, wie Tschang-Haitang nach dem Verabreichen einer Giftspritze mit ein paar Zuckungen ihr Leben aushaucht. Das Happy-End mit Pao war nur eine Traumphantasie. Wieder einmal hat die menschliche Niedertracht gesiegt (obwohl uns Zemlinskys jubelnde Musik etwas ganz anderes erzählt).

Am Ende gab es lange anhaltenden Jubel für alle Mitwirkenden, vor allem aber für die berührende und auch stimmlich überwältigende Ilse Eerens. Es ist völlig unverständlich, warum die Opernwerke Zemlinskys bis heute keine fixen Plätze im Repertoire der Opernhäuser im deutschsprachigen Raum gefunden haben. In Wien war der „Kreidekreis“ überhaupt noch nie zu sehen. Dabei war Zemlinsky Musikdirektor an der Wiener Volksoper und in der Direktion von Gustav Mahler auch Dirigent an der Hofoper. Wie wäre es, wenn sich die Volksoper zur Wiener Erstaufführung entschließen würde? Noch dazu, wo es doch mit der Sprechpartie des Richters Tschu-Tschu eine ideale Rolle für den amtierenden Direktor Robert Meyer gibt. 84 Jahre nach der Österreichischen Erstaufführung wäre es endlich an der Zeit …

Walter Nowotny

 

 

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