Frederick Loewe: My Fair Lady • Theater Luzern • Premiere: 25.09.2026
In Kooperation mit der Musical Factory Luzern
Ein rundum überzeugender Musical-Abend!
Das Luzerner Theater eröffnet die neue Saison mit einem der beliebtesten Musicals. Das Premierenpublikum zeigt sich von der stimmungsvollen Umsetzung höchst begeistert und feiert die Ausführenden ausgiebig.

Foto © Ingo Hoehn
Frederick Loewes «My Fair Lady» ist ein Juwel der Musicalliteratur an sich und eine Perle der Goldenen Zeit des Musicals am Broadway. Dort wurden in den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts neben dem Märchen von dem Blumenmädchen Eliza Doolittle auch Werke wie Frank Loessers «The Most Happy Fella» und Leonard Bernsteins «Candide» (1956) und «West Side Story» (1957) uraufgeführt. Diese Jahre am Broadway waren von einer bemerkenswerten musikalischen Vielfalt geprägt. Neben dem Einfluss von Jazz und Unterhaltungsmusik sowie der Tradition der Musical Comedy zeigt sich gerade auch in «My Fair Lady» die starke Verbindung zur europäischen Operette. Frederick Loewe wurde 1898 als Friedrich «Fritz» Löwe als Sohn eines Operetten-Tenors in Berlin geboren, wo er lebte, bis er 1924 seinem Vater nach New York folgte. Dort lernte er 1942 den amerikanischen Songwriter, Liedtexter und Librettist Alan Jay Lerner kennen, mit dem er trotz einer schwierigen persönlichen Beziehung mehrfach erfolgreich zusammenarbeitete. Der deutsch-amerikanische Textdichter, Lyriker, Komponist und Kabarettist Robert Gilbert, von dem die erste Übersetzung von «My Fair Lady» stammt, wurde als David Robert Winterfeld in Berlin geboren und verfasste dort, anfänglich noch mit seinem Vater, Libretti und Liedtexte für Komponisten wie Nico Dostal, Werner Richard Heymann, Fred Raymond, Robert Stolz, Ralph Benatzky («Im weissen Rössl») und Erik Charell und zahllose Schlager wie «Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder», «Ein Freund, ein guter Freund» oder «O mein Papa». Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste Stolz emigrieren und hielt sich bis 1949 in den USA auf, ehe er nach Europa zurückkehrte. Hier machte sich Gilbert die erworbenen Sprachkenntnisse zunutze und übersetzte insgesamt 20 amerikanische Musicals, darunter «My Fair Lady» (für die Deutsche Erstaufführung am Berliner Theater des Westens 1961), «Hello, Dolly!» und «Cabaret».
In den «Goldenen Fünfziger Jahren» traten Rodgers and Hammerstein dafür ein, dass die Songs und Balletteinlagen nicht länger losgelöste, auswechselbare Shownummern, sondern dramaturgisch begründet waren und sich aus der Handlung ergaben. Sonja Trebes (Regie) führt dieses Bestreben in ihrer Inszenierung fort: hier spricht Eliza natürlich nicht «Cockney», den Dialekt des Londoner Westend zu Shaws Zeiten, sondern «Mundart», Schweizer, konkret Luzerner Dialekt. Durch diese Verlagerung ermöglicht Trebes dem Publikum die Identifizierung mit den Solisten und erhöht durch den täglich erlebten Gegensatz von Dialekt und Schriftdeutsch zugleich die Nachvollziehbarkeit der Geschichte über die Macht der Sprache. So entsteht ein Umfeld, in dem die Regisseurin alle Geschichten des «Musical Play», das mehr zu bieten hat als «nur» die Geschichte vom Sprachwissenschaftler Higgins, der dem armen Blumenmädchen Eliza gehobenes Sprechen beibringt und es so aus der Gosse holt, ohne Einschränkungen erzählen kann. Marialena Lapata (Bühne) stellt Higgins Labor, abzutrennen mit einem Vorhang, in die Mitte der Bühne, und kann so mit Versatzstücken wie Treppenelementen oder einer zusammengebastelten Theke, rasch und ohne den Ablauf aufzuhalten die Wechsel der 18 Bilder des Stückes vollziehen. Anna Brandstätter hat für alle farbenfrohe, stimmige Kostüme entworfen. Das Licht von Susanne Reinhardt und die Videos von Rebecca Stofer tragen ihren Teil zum hervorragenden szenischen Eindruck des Abends bei.
Luca Signoretti hat die Auftritte der überzeugenden Tänzerinnen der Musical Factory Luzern (Moira Bettschart, Lisa Lora Grizman, Naomi Day, Ella Ippolito, Lily Lottenbach, Cecilia Marie Retzke, Daria Riabukha, Micaela Weber Junco) choreographiert.
Das Luzerner Sinfonieorchester unter musikalischer Leitung von Jonathan Bloxham überzeugt mit wunderbar opulentem, schmissigem und dabei immer differenziertem Klang und lässt keine Wünsche offen. Manuel Bethe hat den Opernchor und Extrachor Luzerner Theater perfekt einstudiert. Das Kollektiv begeistert musikalisch wie szenisch mit grosser Spielfreude.
Elena Dietrich als Eliza Doolittle ist die Sensation des Abends. Nachdem sie in diesem Sommer das Studium abgeschlossen hat, wird sie mit Beginn der Saison Mitglied des Internationalen Opernstudios des Luzerner Theaters. Mit überschaubarer szenischer Erfahrung gibt sie die Partie mit einer Bühnenpräsenz und Glaubwürdigkeit, als wäre sie schon Jahre lang im Geschäft. Die Stimme der jungen Schweizer Sängerin ist schlicht eine Wucht. Herrlich rund, voll und satt, perfekt fokussiert und schlank geführt. Klaus Brömmelmeier gibt einen Prof. Dr. Henry Higgins auf Augenhöhe und streicht beeindruckend zuerst die an eine Zwangsstörung gemahnende Abhängigkeit von der Mutter, dann die Gefühlskälte und zum Schluss den Rebell gegen seine Mutter wie die gesellschaftliche Stellung heraus.
Flurin Caduff gibt Elizas Vater Alfred P. Doolittle mit lupenreinem Bündner Dialekt. Vladyslav Tlushch als Oberst Pickering und Robert Maszl als Freddy Eynsford-Hill überzeugen stimmlich wie szenisch. Eyrún Unnarsdóttir (Mrs. Pearce, Higgins Hausdame), Fabian Meinen (Jamie, Erster Obsthändler, Lakai), Jan Veljak (Harry, Dritter Obsthändler, Lord Boxington), Stephan Lieb (Zweiter Obsthändler), Caroline Vitale (Mrs. Higgins, Mrs. Hopkins), Marco Bappert (Kneipenwirt George) und Ruth Bucher (Mrs. Eynsford Hill) ergänzen das begeisternde Ensemble,
Ein rundum überzeugender Musical-Abend!
Weitere Aufführungen:
So. 04.10.2026, 19.00; Fr. 09.10.2026, 19.30; Fr. 16.10.2026, 19.30; Fr. 30.10.2026, 19.30;
Sa. 07.11.2026, 19.30; Do. 19.11.2026, 19.30; Di. 24.11.2026, 19.30; Do. 26.11.2026, 19.30;
So. 29.11.2026, 15.00; So. 06.12.2026, 15.00; Sa. 12.12.2026, 19.30; Sa. 19.12.2026, 19.30;
Do. 31.12.2026, 19.00; Sa. 23.01.2027, 19.30; Mi. 03.02.2027, 19.30; Mo. 29.03.2027, 17.00;
Sa. 17.04.2027, 19.30; So. 09.05.2027, 17.00.
29.09.2026, Jan Krobot/Zürich

