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LUZERN/ Theater: Marius Constant: La Tragédie de Carmen. 6 Solisten, 15 Musiker, 90 Minuten: ein beklemmend intensiver Theaterabend

07.02.2026 | Oper international

Marius Constant: La Tragédie de Carmen • Luzerner Theater • Premiere: 06.02.2026

6 Solisten, 15 Musiker, 90 Minuten: ein beklemmend intensiver Theaterabend

Mit «La Tragédie de Carmen», der Adaption von Bizets Meisterwerk durch Marius Constant, Jean-Claude Carrière und Peter Brooks, gelingt dem Luzerner Theater ein beklemmend intensiver Theaterabend. Die Reduktion durch Verdichtung auf den Kern des Konflikts wahrt alle aus der Opéra comique bekannten «Hits» und bringt trotzdem neue Sichtweisen auf die «altbekannte» Geschichte.

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Ob die Beteiligung des Publikums als Richter über Carmens Schicksal wirklich zum Nachdenken anregt?

Bizets «Carmen», sein letztes Werk, hatte in der Uraufführung am 3. März 1875 noch nicht den vom Komponisten ersehnten Erfolg. Wie sein Opus Ultimum nach der Wiener Erstaufführung (23.10.1875) zum Welterfolg wurde, konnte der Komponist nicht mehr erleben: er war am 3. Juni zwei Herzinfarkten erlegen. Die 1845 in der Pariser Zeitschrift «La Revue des Deux Mondes» und 1847 in Buchform erschienene Novelle Prosper Mérimées wurde rasch zu einem neuzeitlichen Mythos und ihre Hauptfigur zum Idealtypus der «femme fatale». Unabhängig davon, dass in der Gegenwart wieder vermehrt die Originalfassung von Bizets «Carmen» gegeben wird, bleiben gerade auch jenseits des Bereichs von Oper und Klassik die Überlagerungen und Fantasien erhalten: jeder hat sein eigenes Carmenbild, seine eigenen Vorstellungen. Ab 1978 schufen Marius Constant, Jean-Claude Carrière und Peter Brooks in Koproduktion des Théâtre National de l’Opéra de Paris und des Centre International de Recherche Théâtrale (CIRT) die Adaption «La Tragédie de Carmen», mit der sie wieder zum Kern von «Carmen», der «Carmen» Mérimées, vordringen. Trotz der Reduktion des Orchesters auf 15 Instrumentalisten wahrt die Neufassung die von Bizet beabsichtigten Klangfarben- und Lautstärke-Verhältnisse. Die auf 90 Minuten verdichtete Partitur enthält nur zwei Szenen, die nicht von Bizet stamme: eine Todesszene Escamillos und ein Duett von Micaëla und Carmen. Zu radikalen Farbveränderungen kommt es in der Habanera, die hier nur von Pauken begleitet wird und dadurch, dass die Ouverture weggelassen und stattdessen das Schicksalsmotiv aus Carmens Kartenarie gespielt wird. Die Reduktion auf die Essenz der Partitur ist dem Team um Peter Brooks eindrucksvoll gelungen.

Die 15 Instrumentalisten des Luzerner Sinfonieorchesters unter musikalischer Leitung von Paul-Boris Kertsman setzen die Partitur perfekt um. In der kammermusikalischen Fassung der Adaption kommen die Farben fast besser als mit grosser Besetzung zur Geltung: die Erinnerung an Bizet ist sofort da. Das Spiel überzeugt mit Wohlklang und rhythmischer Akkuratesse.

Die Körper der Darstellenden waren nicht nur bei Brooks zentrales Ausdrucksmittel, sondern sind es auch im Konzept von Ulrike Schwab (Regie). Bei ihr entsteht die Tragödie quasi aus dem Nichts, einer spiegelnden, kreisrunden, schwarzen Fläche (Bühne: Paul Zoller), die als Petrischale dessen dient, was bei den Proben als gemeinsamer, kreativer Prozess (Bewegungscoaching: Phoebe Jewitt) entstanden ist. Sie wird zur Kampffläche, in ihre Einzelteile zerlegt und dann zum «Red Room» (inspiriert von den Künstlerinnen Ana Mendieta und Louise Bourgeois), der für die mit Carmen verknüpften, aufzulösenden Rollenbilder und fiktiven Idealbilder steht, zusammengesetzt. Alle sechs Solisten sind in universelle, schwarze Anzüge gekleidet (Kostüme. Lena Schmid), die mit transparenten Teilen (Blick auf die eigene Haut) oder Tattoo-Teilen (Soziale und gesellschaftliche Zuschreibungen) ergänzt werden. Stefan Jaeggi setzt die intensiven 90 Minuten ins richtige Licht.

Josy Santos wunderbar samtenem, wohlklingendem und perfekt fokussiertem Mezzosopran in der Rolle der Carmen. Sie verkörpert in idealer Weise die selbstbewusste, starke Frau, die bereit ist selbst den Tod in Kauf zu nehmen, um konsequent bleiben zu können. Hwapyeong Gwon gibt den Don José musikalisch tadellos und szenisch überzeugend. Sein ausgesprochen heller, «feiner» Tenor, der in Richtung «tenore di grazia» tendiert, will aber nicht so recht zum von krankhafter Eifersucht getriebenem Mann passen. Die französisch-amerikanische Sopranistin Esther Aline Schneider überzeugt als «starke» Micaëla, die trotzdem an Don José scheitert. Vladyslav Tlushch überzeugt als Escamillo einmal mehr mit perfekt fokussiertem, gepflegtem Bariton und überzeugender Bühnenpräsenz. Die Performerin Camilla Gomes dos Santos als Tochter Lillas Pastias (reizende, aber nicht wirklich zielführende Idee) und der Schauspieler Ruben Pedro Da Costa als Zuniga ergänzen das Ensemble.

Diesen Abend muss man erlebt haben!

 

Weitere Aufführungen: So. 22.02.2026, 15.00; Mi. 25.02.2026, 19.30; Do. 05.03.2026, 19.30; So. 08.03.2026, 19.00;

Fr. 13.03.2026, 19.30; Do. 19.03.2026, 19.30; Fr. 27.03.2026, 19.30; Mo. 06.04.2026, 17.00;

Sa. 18.04.12026, 19.30; Di. 05.05.2026, 19.30; Do. 28.05.2026, 19.30; Di. 02.06.2026, 19.30.

09.02.2026, Jan Krobot/Zürich

 

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