Georg Friedrich Händel: Alcina • Luzerner Theater • Vorstellung: 02.04.2023, nachmittags
Allgäuer Emmentaler oder Vom Verlust des Körpers
Als Frühlingspremiere zeigt das Luzerner Theater Händels «Alcina». Eingedampft auf knapp zweieinhalb Stunden, ideologisch kontaminiert und mit viel Spektakel angereichert.

Foto © Ingo Hoehn
Nicht nur die Opern-Figur Alcina verliert am Schluss der Inszenierung ihren Körper und wird geschlechtslos, auch «Alcina», die Oper, geht ihres Körpers verlustig. Gezeigt wird in Luzern nicht Händels «Alcina» sondern eine von Karla Max Aschenbrenner, Barbara Ehnes, Julian Gaudiano und Johannes Keller entworfene Show, die sich der Musik Händels bedient. Mit der eigentlichen Oper hat das so wenig zu tun wie Allgäuer Emmentaler mit dem Echten. Barbara Ehnes (Regie und Bühne; Mitarbeit Konzeption: Karla Max Aschenbrenner) möchte mit ihrer Inszenierung die Wurzeln von Händels «Alcina» – «von der Urquelle Ariosts bis zu heutigen Assoziationen und Interpretationen» – freilegen. (Heutige Assoziationen und Interpretationen haben, solides Handwerk vorausgesetzt, mit der Umsetzung des Stückes etwas zu tun, aber nicht mit dessen Wurzeln). Ehnes siedelt die Handlung in einem eigens für Alcina geschaffenen Kosmos an, in dem dann aber Charakter ein «Studolo» als eigenen Raum, eigene Welt. In der Gesamtheit sollen diese Räume einen übergeordneten Kosmos ergeben. Jedes Element auf der Bühne soll als weitere Verbindung zwischen den Figuren Assoziationen zu. … Mit der Berufung auf Händels Zeit gibt sich das Konzept zu erkennen: «Wichtig war nicht unbedingt eine psychologisch nachvollziehbare Handlung, sondern vielmehr ein abwechslungsreiches,aufsehenerregendes Bühnengeschehen» (Kostüme: Annabelle Witt). Das barocke Spiel mit den Geschlechteridentitäten legitimiert dann weitere Assoziationen zu gesellschaftlichen Themen der Gegenwart. Aber weder diese Gedanken, nicht einmal Alcinas ein Geschlechtsorgan der Frau darstellendes Kostüm, abwechslungsreich, geschweige denn aufsehenerregend. Letztlich ist das Ganze nicht mehr als eine Gelegenheit für die an der Ausstattung beteiligten Abteilungen zu zeigen, was sie können.
Jesse Wong am Cembalo dirigiert das Luzerner Sinfonieorchester und ist den Sängern ein aufmerksamer Begleiter. Die Lautstärke und die Tempi sind sorgfältig abgestuft, der Klang kompakt und manchmal angenehm herb.
Elizabeth Bailey gibt die Alcina mit vollem, runden Sopran und wohl dosierter Dramatik. Solenn Lavanant Linke singt den Ruggiero schlankem, eleganten Mezzosopran. Marcela Rahal als Bradamante bIetet mit ihrem vollen, runden Mezzo einen idealen Kontrast.Tania Lorenzo Castro als Morgana überzeugt vor allem mit ihrer enormen Beweglichkeit: siesingtauch kopfüber, wenn sie sich mit einem Spagat in einem Reif festhält. In den Höhen klingt die Stimme leider rasch schrill und belegt. Younggi Moses Do springt als Oronte für den erkrankten Ziad Nehme ein und überzeugt mit souverän geführten Tenor. Karla Max Aschenbrenner spielt das Gürteltier Armardillo.
Regietheater…
Weitere Aufführungen: Fr. 24.03.2023, 19.30; So. 26.03.2023, 13.30; Do. 30.03.2023, 19.30; So. 02.04.2023, 13.30;
Sa. 08.04.2023, 19.30; Sa. 15.04.2023, 19.30; Fr. 21.04.2023, 19.30; Mi. 26.04.2023, 19.30;
Fr. 28.04.2023, 19.30; Mi. 10.05.2023, 19.30; Do. 18.05.2023, 19.00; Sa. 27.05.2023, 19.30.
02.04.2023, Jan Krobot/Zürich

