Joseph Haydn: Die Jahreszeiten • Lucerne Festival im KKL • Konzert: 03.09.2023
Paradies auf Erden
Die diesjährige Ausgabe des Lucerne Festival steht unter dem Motto «Paradies». Um für alle Fälle gerüstet zu sein, wurden vor dem KKL grosse Kästen mit Wiesenblumen aufgestellt.

Foto © Peter Fischli/Lucerne Festival
An einem Abend wie diesem ist man aber nicht auf das Wiesenblumen-Ersatzparadies angewiesen: die Marketing-Abteilung greift nicht zu hoch, wenn sie das Konzert als «Paradies auf Erden» bewirbt. Das Paradies findet sich auf der Bühne des KKL, denn es ist eine Aufführung zu erleben, die durch ihre absolute, allumfassende Geschlossenheit besticht. Orchester, Chor und Solisten sind perfekt aufeinander ab- und eingestimmt. Es wird miteinander geatmet und gefühlt, weit mehr als nur zusammen Musik gemacht. Es ist eine, weil sie eben über das rein technisch-mechanisch weit hinausgeht, paradiesische Perfektion zu erleben.
Das Libretto zu Haydns letztem Oratorium «Die Jahreszeiten» stammt wie schon das der Schöpfung von Gottfried Freiherr van Swieten und atmet dessen aufklärerischen Geist. Als Quasi-Fortsetzung der Schöpfung schildert van Swieten hier den Jahreskreis, der sich aber nicht unendlich fortsetzt, sondern im ewigen Frühling, sprich Paradies, endet. So gibt es auch in den Jahreszeiten, wie in der Schöpfung, unzählige Stellen, wo Haydn mit seiner Lautmalerei glänzen kann.
Die Basis dieses Paradies auf Erden legt Il Giardino Armonico unter seinem Gründer und Leiter Giovanni Antonini. Der Klang ist wunderbar unaufgeregt, mit gezielt gesetzten Akzenten stets frisch und lebendig. Die Register harmonieren perfekt und jeder und jeden hat Gelegenheit sein Können aufblitzen zu lassen. Stellvertretend gelobt seien hier das wunderbar dunkel-herbe Schlagwerk und die Hörner, die die Jagdszene zu einem besonderen Juwel machen. Sehr gut tut dem Stück, dass dem Blech der häufig übertriebene Glanz genommen wurde. Das Blech als solches ist in seinen Szenen immer noch dominant, nur nicht mehr so grossspurig.
Der NFM Choir, der Chor des Nationalen Forums für Musik (Narodowe Forum Muzyki) Breslau, vorbereitet von Lionel Sow ist die grosse Entdeckung des Abends. Auch hier wird miteinander geatmet und gefühlt und so singt dieser Chor einer Lebendigkeit und Leichtigkeit, die nur so möglich ist. Mit sattem Klang und perfekter Textverständlichkeit und -durchdringung herrschen auch hier paradiesische Zustände.
Anett Fritsch gibt die Hanne mit perfekt sitzendem, absolut höhensicheren vollen Sopran und überzeugt mit ihrer Bühnenpräsenz (ja, die kann es auch auf der Konzertbühne geben). Maximilian Schmitt singt den Lukas mit viel Schmelz und beeindruckend viel Atem. Auch hier perfekte Technik wie bei Florian Boesch, dessen Simon baritonal und damit vielleicht nicht ganz so autoritär wie vom Textbuch gedacht, angelegt ist.
Das Paradies auf Erden!
04.09.2023, Jan Krobot/Zürich

