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LUOSTO/ Finnland:LUOSTO`CLASSIC FESTIVAL

10.08.2015 | Konzert/Liederabende

Luosto / Finnland : LuostoClassic Festival – 6. – 9.8.2015

Wenn ein Festival im hohen Norden Finnlands stattfindet, gut 100 km nördlich des Polarkreises, zudem mit einem Drittel der Veranstaltungen im Freien, muss der Wettergott es gut mit den Veranstaltern und auch mit den Zuschauern meinen. Sicher, für mich als Erstbesucher Lapplands war es ungewohnt kühl, aber bis auf einige wenige Regentropfen beim Eröffnungskonzert blieb es zum Glück trocken, und die Zuschauer, die offensichtlich mehrheitlich aus dieser Region kamen, hatten sich mit Wind- und Wetterjacken und Decken ausgerüstet.

 Der vermeintliche Nachteil, dass dieses Festival keine eigentliche Konzerthalle besitzt, scheint sich zum Vorteil gewandelt zu haben. Als „Freilichtbühnen“ wurden Amphitheater ähnliche Austragungsorte gewählt sowie eine Seebühne und – für ein Land nicht ungewöhnlich, in dem die Rentiere eine der Attraktionen sind, sogar ein Rentierpark.

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Ein Rentierpark als Bühne. Foto : Manninen

 Die Binnenkonzerte fanden außer in Kirchen, darunter einer Holzkirche aus dem Jahre 1869, und in Hotelrestaurants statt. So scheint es die sog. Schwellenangst vor Konzerten mit klassischer Musik nicht zu geben; hinzu kommen die überaus Besucher freundlichen Eintrittspreise von durchschnittlich 20 €. Lediglich für die Konzerte, bei denen Mittag- bzw. Abendessen enthalten waren, waren 30 bis 70 € zu zahlen. Kein Wunder also, dass dieses Festival seinen festen Stamm an Besuchern hat.

 Eng verbunden mit dem LuostoClassic Festival, das dieses Jahr zum 13. Mal veranstaltet wurde, zum zweiten Mal mit dem renommierten Cellisten MARKO YLÖNEN als künstlerischem Leiter, ist der finnische Komponist KALEVI AHO. Er hatte Anfang dieses Jahrtausends seine „Luosto Symphony“ genannte 12. Sinfonie komponiert, die hier im „Ukko-Luosto“ uraufgeführt worden war, auf zwei Ebenen, das Hauptorchester auf einer kleinen überdachten Bühne, ein Kammerorchester hinter und über den Zuschauern auf dem Berg. Von Aho, der bei sämtlichen Konzerten als Zuhörer anwesend war, wurden eben in „Ukko-Luosto“ zwei Werke aufgeführt, „Love is a Black Lion“ für Chor (hier das hervorragende Key Ensemble aus Turku unter Leitung von TEEMU HOKKANEN) sowie im vorletzten Konzert dieses Festivals ein von Ahos Aufenthalt in China inspiriertes, 15 minütiges Stück unter dem Titel „Geija, chinese images“.

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Die Freilichtbühne „Ukko-Luosto“ beim Konzert des Lahti Symphony Orchestras unter Okku Kamu (Foto : Manninen)

 Das Lahti Symphony Orchestra, bei dem Kalevi Aho „artist in residence“ ist, war bei mehreren Konzerten beteiligt – mit dem Blechbläser-Ensemble bei einem morgendlichen Picknick-Konzert am idyllischen Ahvenlampi-See mit hervorragender Akustik (plus Echo), beim schon erwähnten Konzert im Rentier-Gehege sowie beim Hauptkonzert unter OKKO KAMU, bei dem Werke des Jubilars Jean Sibelius im Mittelpunkt standen. Bei all diesen Konzerten wurden Bilder des Malers HEINRICH ILMARI RAUTIO ausgestellt.

 Selbstverständlich wurde auch der zweite Jubilar des Jahres nicht vergessen; Pyotr I. Tchaikovsky. Von ihm spielten die Klarinettistin TUULIA YLÖNEN, der Pianist MARTTI RAUTIO sowie das Atrium-Quartett in einem Lunch-Konzert. Typisch für dieses Festival ist, dass die Künstler nicht nur in einem einzigen Konzert spielen und danach abreisen, sondern sie bleiben die ganze Zeit des Festivals vor Ort und spielen – quasi als „artists in residence“ – in mehreren Konzerten. So waren es neben den bereits genannten Künstlern der Gitarrist TIMO KORHONEN, der ukrainische Geiger ANDREJ BIELOW und die Sopranistin MIINA-LIISA VÄRELÄ (nicht zu vergessen den Festspiel-Leiter MARKO YLÖNEN), die den insgesamt 15 Veranstaltungen (in vier Tagen!) ihren Stempel aufdrückten. Die Qualität der Darbietungen war sehr hoch, und es wäre ungerecht, einen einzelnen von diesen Musikern besonders heraus zu streichen. Doch den Namen der Sopranistin Miina-Liisa Värelä sollten sich alle Liebhaber von Stimmen merken. Mit ihr, die schon an der Litauischen Nationaloper Wagners Elsa gesungen hatte, wächst eine viel versprechende Sängerin für das jugendlich-dramatische Fach heran : ein relativ dunkles Material in Mittellage und Tiefe, gekrönt von einer metallischen Höhe.

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Der Maler Heinrich Ilmari Rautio vor dem Ahvenlampi-Konzert; im Hintergrund zu sehen eines seiner Bilder und das Lahti-Brass Ensemble (Foto : Manninen).

 Fazit : Ein überaus erfreuliches Festival, abseits von den gewohnten Festspiel-Pfaden. Die Qualität der Konzerte ist hoch, und trotz der anspruchsvollen Programme sind die Veranstaltungen gut besucht. Vorbildlich gelöst war die Frage des Transports. Da die einzelnen Orte der Veranstaltungen bis zu 50 km voneinander entfernt waren, gab es einen für das Publikum unentgeltlichen Bustransport von Konzert zu Konzert.

Wenn es dennoch etwas zu kritisieren gäbe, dann wären es Kleinigkeiten. So entwickelte sich das Sitzen auf den engen und äußerst unbequemen Bänken der Holzkirche von Sodankylä zur Qual, so dass der Ausdruck „standing ovations“ eine neue Bedeutung bekam. Nach dem zweiten Stück sprang die Mehrzahl des Publikums auf, natürlich auch vor Enthusiasmus, doch auch, um sich ein wenig Bewegung zu verschaffen. So interessant es sein mag, den einzelnen Konzerten einen programmatischen Titel zu verleihen, so schien mir dieser manchmal etwas weit hergeholt. Beispiel : „Von Köthen nach Budapest“ mit Werken von Bach und Kodály. Außerdem : So gut die Idee im Prinzip auch sein mag, parallel zum Festival eine Art Camp für junge Orchestermusiker aus Lappland zu veranstalten; das „Aittakuru“-Konzert dieser jungen Künstler fiel doch qualitätsmäßig stark ab.

 Sune Manninen

 

 

 

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