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LUDWIGSBURG/Schlossfestspiele/ Ordenssaal: CONCERT SURPRISE – Aufregende Klangflächen

24.07.2015 | Konzert/Liederabende

Concert Surprise im Ordenssaal bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen

AUFREGENDE KLANGFLÄCHEN

Junge Talente stellten sich im Ordenssaal bei den Schlossfestspielen am 24. Juli 2015 vor

Junge Preisträger internationaler Wettbewerbe stellten sich im Ordenssaal vor. Der erfolgreiche Karlsruher Komponist Wolfgang Rihm wird von manchen zu Unrecht als erschreckender Neutöner gemieden. Sein Streichquartett Nr. 4 erfuhr jedenfalls in der subtilen Interpretation des Goldmund Quartetts mit Florian Schötz (Violine I), Pinchas Adt (Violine II), Christoph Vandory (Viola) und Raphael Paratore (Violoncello) eine fulminante Deutung. Neben postserieller Konstruktion macht sich auch in dieser Komposition ein enormes Wuchern der Ton- und Klangkonstellationen bemerkbar, die das Goldmund Quartett glänzend musizierte. Den expressiven Eingebungen ließen die Musiker hier freien Lauf. Schroffe Klangimpulse wurden dabei von heftig dreinfahrenden Episoden begleitet. Auch lyrische Intensität kam nicht zu kurz. In der facettenreichen Bearbeitung für Fagott erklang dann die Suite Nr. 4 Es-Dur BWV 1010 für Violoncello solo von Johann Sebastian Bach, der Theo Plath einen großen Klangfarbenreichtum verlieh. Vor allem die energisch absteigende Akkordbrechung blieb in dieser Version stark im Gedächtnis. Ungewöhnlich aufwärtsgerichtete Septimensprünge korrespondierten dann mit einer rhythmisch vielschichtigen Courante. Und die Sarabande überzeugte einmal mehr als graziöse Melodie, deren Intensität immer mehr zunahm. Ein beachtliches Geigentalent ist ferner die junge Bulgarin Liya Petrova, die die Sonate Nr. 3 op. 27 für Violine solo „A Georges Enesco“ von Eugene Ysaye mit vibrierender Ausdruckskraft interpretierte. Mit brillanten Figurationen, Kaskaden und Arabesken wartete die junge Violinistin hier auf. Ausklingende Spätromantik und Moderne gingen eine glückliche Verbindung ein. Jonian Ilias Kadesha (Violine) begeisterte das Publikum daraufhin mit der Fuge für Violine solo von Alfred Schnittke, die mit moderner Harmonik, Expressivität und Spontaneität aufwartete. Vor allem die klangliche Struktur dieses Werkes erfasste der junge Geiger mit nie nachlassender spieltechnischer Ausdruckskraft. Bei Bela Bartoks 44 Duos für zwei Violinen Sz 98 wuchsen Liya Petrova und Jonian Ilias Kadesha über sich selbst hinaus – so kam es zu einem Höhepunkt vielfältigen klangfarblichen Musizierens. Freie Rhythmen und Taktwechsel schienen hier geradezu zu explodieren – beide Geiger überzeugten gleichermaßen im Rubato- wie im Tempo-giusto-Vortrag. Wie geschickt Bartok immer wieder die neuartige diatonische Tonreihe von der erstarrten Dur-Moll-Reihe befreit, konnte man ebenfalls in beglückender Weise heraushören. Chromatische Finessen spitzten sich beim Wallachischen und Tanssilvanischen Tanz in grandioser Weise zu. Klassizistisch streng, aber melodisch elegant interpretierten dann Theo Plath (Fagott) und Julia Kammerlander (Klavier) die Sonate G-Dur op. 168 für Fagott und Klavier von Camille Saint-Saens. Die Einflüsse von Bach bis Berlioz konnte man dabei dezent heraushören. Sinnreiche Grazie drang den Zuhörern aufgrund des suggestiven Spiels tief in die Seele. Die an Beethovens Spätwerken geschulte thematische Arbeit erreichte vor allem beim vorwärtsdrängenden Allegretto moderato des ersten Satzes eine erstaunliche Leuchtkraft. Zum Abschluss war Bela Bartoks etwas sperriges Streichquartett Nr. 3 Sz 85 zu hören. Das Goldmund Quartett machte exzellent deutlich, wie die einander zuwiderlaufenden Themen sich selbst ad absurdum führten. Die durch Richard Wagner angeregte Brücken- und Bogenform blitzt hier schon durch. Und die äussere und innere Schicht zeigte dabei immer neue Klangfarben und Facetten, die sich gegenseitig bereicherten. Dass 1920 Bartoks wilde und radikale Zeit war, konnte man deutlich heraushören. Modale Harmonik und elementare Rhythmik der Volksmusik sowie expressionistische Chromatik führten bei dieser Interpretation zu einer höchst konzentrierten und herben Sprache, die sich ständig verdichtete. Die Harmonik wird hier von zwei Intervallen, der Quarte und der None, bestimmt. Faszinierende dissonierende Wirkungen arbeitete das hervorragende Goldmund Quartett insofern heraus, als es die kontrapunktische und in Umkehrungen befindliche Gegenüberstellung der tonalen Melodieteile im vierstimmigen Satz besonders eindringlich hervorhob.

Für alle „Talente“ gab es zuletzt begeisterten Schlussapplaus. Der Abend wurde von Dramaturg Florian Zeuner moderiert. 

 Alexander Walther  

 

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