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LUDWIGSBURG/ Schlosstheater: ACIS AND GALATEA – konzertant

11.07.2022 | Oper international

Georg Friedrich Händels Oper „Acis and Galatea“ konzertant am 10.7.2022 im Schlosstheater/LUDWIGSBURG

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Mitwirkende: Keri Fuge, Sopran (Galatea), Joshua Ellicott, Tenor (Acis), Benedikt Kristjánsson, Tenor (Damon), Andreas Wolf, Bass (Polyphemus), Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann, Dirigent. Copyright: Holger Schneider

Berührende Natur- und Seelenbilder

Die Uraufführung dieser Pastoraloper fand im Jahre 1718 auf Schloss Cannons bei London statt.  Der Chor der Hirten und Nymphen ist bei dieser konzertanten Aufführung opulent besetzt. Der Hirtenchor erstrahlt in italienischer Leuchtkraft. In Adagio-Forum wird feierlich der Natur gehuldigt. Galatea stimmt allerdings nicht in den Jubel ein, weil sie sich nach Acis sehnt. Beide genießen ihr Glück und sind entschlossen, sich nicht  mehr zu trennen. Der Chor erhebt warnend seine Stimmen, denn der Riese Polyphemus eilt herbei, weil er von wilder Leidenschaft für Galatea entbrannt ist. Die Musik verdeutlicht seine täppischen Riesenschritte, sein Brüllen und das Erbeben der Berge. Seine Arie „O rosig“ möchte zärtlich sein und kann nie den groben Ton des Zyklopen verleugnen. Galatea weist  ihn angewidert zurück. Vergeblich warnt Damon vor roher Gewalt.

Der Aufführung gelingt trotz des konzertanten Charakters eine bewegende dramaturgische Steigerung (dramaturgische Beratung: Nina Brazier). Acis fordert Polyphemus zum verhängnisvollen Zweikampf heraus. Und seine Arie mit kriegerischen Fanfaren-Figuren zu Oboen und Streichern lässt seine todesmutige Kampfentschlossenheit erkennen. Der Riese schleudert einen gewaltigen Felsblock auf Acis und tötet diesen damit. Unendliche Klage hebt an – und Galatea ist von Schmerz überwältigt. Sie kann jedoch ihre göttlichen Kräfte einsetzen, um Acis in einen ewigen Brunnen zu verwandeln. Aus seinem Blut wird ein Quell kristallklaren Wassers. 

Unter der impulsiven Leitung von Hans-Christoph Rademann musiziert die Gaechinger Cantorey mit leidenschaftlicher Bewegungskraft, die insbesondere den elektrisierenden rhythmischen Effekten zugute kommt. So gelingt es dem Orchester, gleich zu Beginn der bewegt dahingleitenden Sinfonia großen Klangfarbenreichtum abzugewinnen. Die facettenreichen Natur- und Seelenbilder erreichen eine erstaunliche Intensität. Von den gut herausgearbeiteten tonmalerischen Effekten profitieren vor allem auch die Sängerinnen und Sänger – allen voran Keri Fuge (Sopran, Galatea) und Joshua Ellicott (Tenor, Acis). Galateas Arie „Ich bin wie die Taube“ besticht aufgrund der sensiblen Darstellung von Keri Fuge mit reizvollen Girlanden und Figurationen. Die Wärme der Empfindung kommt auch in den Arien von Acis zur Geltung, weil Joshua Ellicott den Charakterisierungsreichtum dieser Rolle eindringlich hervorhebt. Benedikt Kristjansson (Tenor, Damon) und Andreas Wolf (Bass, Polyphemus) unterstreichen auch die besonderen rhythmischen Vorzüge dieses Werkes in berührender Weise. So gerät das Terzett „The flocks shall leave the mountains“ zu einem ergreifenden dramatischen Höhepunkt. Das liebende Paar singt hier gegen Polyphemus in Kanon-Form an. Andreas Wolf lässt den Zorn des gehörnten Zyklopen in erhitzter Weise Revue passieren, dabei kommt der geniale Musikdramatiker Händel voll zu seinem Recht. In der Arie „O ruddier than the cherry, O sweeter  than the berry“ macht Händel den einäugigen Riesen durch Sopranino-Begleitung zu einer satirischen Karikatur,  was der fulminante Bassist Andreas Wolf fulminant herausarbeitet. Wildheit, sinnliches Verlangen und  Unberechenbarkeit gipfeln hier in kontrapunktischer Meisterschaft. Große Intervallsprünge, rasante Läufe und gespenstische Triller unterstreichen diesen aufwühlenden harmonischen Charakter. Und der Schlusschor verdeutlicht das Rinnen der Quelle als „Silberquell“ im Quartett von je zwei Flöten und Violinen  mit großem Einfühlungsvermögen. Der Einfluss früherer englischer Pastoralopern ist bei Händels Werk nicht zu überhören, was Hans-Christoph Rademann mit dem Ensemble in ausgezeichneter Weise unterstreicht. So kommen auch die bukolischen Themen nicht zu kurz. Gerade die Chorklage erreicht bei den Worten „und Wehgeschrei erfüllt‘ die Luft“ eine ergreifende Leuchtkraft, weil Händel hier im Bass auf den chromatischen Quartfall als Schmerzsymbol des Barock zurückgreift. Die denkwürdige Aufführung ist eine Kooperation der Internationalen Bachakademie Stuttgart mit den Ludwigsburger Schlossfestpsielen.

Alexander Walther

 

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