Klavierabend Hayato Sumino am 3. Juli 2026 im Ordenssaal bei den Schlossfestspielen/LUDWIGSBURG
Leidenschaftlich und bewegend
Der japanische Pianist Hayato Sumino hat eine besondere Affinität zu Frederic Chopin. Dies wurde anhand seines gut besuchten Klavierabends im Ordenssaal deutlich. Seit seinem spektakulären Debüt in der Royal Albert Hall 2024 gilt er als große Entdeckung. Er überraschte insbesondere auch mit eigenen Kompositionen. Zunächst war das Scherzo h-Moll op. 20 Nr. 1 von Frederic Chopin zu hören. Der turbulente Hauptgedanke konnte sich bei dieser kraftvollen Wiedergabe sofort behaupten. Die beiden Fanfarenstöße des Anfangs besaßen den notwendigen Schwung und die klangfarbliche Leuchtkraft. Auch die unruhigen Elemente der folgenden Figurationen ließen aufhorchen. Kurze retardierende Akkordmotive, sotto voce, schufen hastige Bewegungen. Wiegende Rhythmen molto piu lento beschworen dann ein zartes polnisches Weihnachtslied, das sich wunderbar entfalten konnte. Reprise und Coda führten zu einer gewaltigen dynamischen Steigerung. Die Poesie der Etude in As-Dur op. 25 Nr. 1 von Frederic Chopin „Aeolian Harp“ erfasste Hayato Sumino hervorragend, denn die harmonischen Wogen flossen in überwältigender Weise hervor. Die Leggerezza des Anschlags fesselte hier das Publikum. Auch die fließenden Arpeggien seiner eigenen Komposition „Lydia Harp“ zeigten sich von Frederic Chopin beeinflusst. Robust und leidenschaftlich war dann seine Wiedergabe der Klaviersonate in b-Moll op. 35 Nr. 2 von Frederic Chopin, wo er vor allem die thematischen Zusammenhänge ausgezeichnet hervorhob. Die kontrapunktischen Passagen blitzten mit enormer Energie hervor. Nach dem deklamatorischen Grave-Motiv entfaltete sich das stürmische Jagen des Hauptthemas wie von selbst. Ein betörender Des-Dur-Gesang mündete in eine wilde Stretta. Und die Durchführung besaß modulatorische Kühnheit. Das rhythmische Motiv des Hauptthemas behauptete sich machtvoll. Bei den Fortissimo-Passagen fesselte das fallende Intervall in dröhnenden Bass-Oktaven. Auch das Scherzo in es-Moll besaß bei dieser feurigen Wiedergabe furiose Kraft. Weitgriffigkeit, wilde Oktavsprünge und chromatische Sextakkord-Passagen gingen in bewegender Weise ineinander über. Im Trauermarsch leuchtete dann berührend die Vision eines erschütternden Trauerkondukts auf. Die Klage steigerte sich bis zum Aufschrei. Hayato Sumino vermied auch übermäßige Rubato-Passagen, die Sentimentalität aufkommen ließen. So führte dies auch zu keinem überleitenden Ritardando. Im Finale kam es dann zu grandiosen Unisono-Passagen der Hände, die Klänge schienen zu explodieren! Chromatische Sequenzen führten mit rasanten Tonketten und Modulationen zu leidenschaftlich-stürmischen Höhepunkten. Hayato Suminos eigene Improvisation atmete wiederum faszinierende klangliche Vielschichtigkeit. Im einfallsreichen Arrangement von Hayato Sumino begeisterte außerdem der „Danse macabre“ op. 40 von Camille Saint-Saens, wo die Skelette sich plötzlich klappernd aus ihren Gräbern erhoben. Sumino zeichnete auf dem Klavier die orchestralen Effekte in überwältigender Weise nach. Der Glockenschlag der Harfe, das Klappern der Skelette im Xylophon und selbst der Hahnenschrei in der Oboe wurden hier als magischer Gespensterspuk auf dem Klavier nachempfunden! Aus den drei Mazurken op. 59 und op. 24 von Frederic Chopin erklangen das erste und zweite Stück mit einfühlsamer Eleganz und kühn gespielten Modulationen. Frederic Chopins Etude in Ges-Dur op. 10 Nr. 5 „Black Keys“ erreichte hier ebenfalls Siedegrade. Kaskaden und Arabesken verblüfften dabei mit großer Brillanz – nicht nur bei der Triolenfigur der rechten Hand. Als raffinierte eigene Improvisation präsentierte Sumino die Bearbeitung von Chopins berühmtem „Regentropfen-Prelude“ mit dem ostinaten Rhythmus von As und Gis, was zu betörenden klanglichen Visionen führte. Als weitere eigene Improvisation spielte Hayato Sumino nach seiner magischen „Imaginary Polonaise“ das eindringliche Ostinato aus Chopins „Berceuse“ Des-Dur op. 57, wo die glitzernden Akkordbrechungen, Arabesken und Triller reizvoll hervorragten. Sehr überzeugend war auch seine Wiedergabe der Etude in a-Moll op. 25 Nr. 11 „Winter Wind“ von Frederic Chopin. Das zunächst einstimmig, dann vierstimmig gespielte Marschmotiv zeigte den furiosen Charakter der „Revolutionsetüde“. Dreiklänge, Septimenakkorde und Vorhaltbildungen führten zu heroischen Aufschwüngen! Zum Abschluss begeisterte noch die grandiose Interpretation der Auszüge aus „Der Feuervogel“ von Igor Strawinsky im Arrangement von Guido Agosti. Buntschillernde Farbspiele blitzen hier leuchtkräftig hervor, mündeten in einen unwiderstehlich vorstürmenden Rhythmus. Die russisch-liturgische Melodie des Finales entfaltete sich mit voller dynamischer Wucht, zuvor stellte Hayato Sumino den verhexten Garten des Zauberers mit großer Präsenz dar. Das Intervall der übermäßigen Quart und verminderten Quint blieb immer spürbar. Auf die vielen „Bravo“-Rufe und Ovationen folgte noch ein Chopin-Zugabe und eine ausgezeichnete Improvisation über Mozarts Variationen „Ah, vous dirai-je, Maman“. Jubel!
Alexander Walther

