Liederabend mit Georg Nigl und Olga Pashchenko am 3.7.2022 im Ordenssaal bei den Schlossfestspielen/LUDWIGSBURG
Vergänglichkeit des Lebens
Glücklicherweise konnte man wieder einmal eine begabte russische Künstlerin in Ludwigsburg erleben. Die in Moskau geborene Pianistin Olga Pashchenko (die als Professorin für das Hammerklavier am Amsterdamer Konservatorium lehrt) interpretierte zusammen mit dem renommierten österreichischen Bariton Georg Nigl zunächst Lieder von Franz Schubert. Sie klangen auf dem Hammerklavier besonders eindrucksvoll, weil Olga Pashchenko ein wunderbares Piano und eine geradezu sphärenhafte Aura beschwor. Dies zeigte sich sogleich bei den Liedern „Die Taubenpost“ und „Die Forelle“, wo es Georg Nigl in ausgezeichneter Weise gelang, die naturhafte Melodik zu beschwören. Die romantische Unendlichkeit der Klangwelt tat sich bei den weiteren Nummern „Der Wanderer an den Mond“, „Im Freien“ und „Abendstern“ aufgrund der ausdrucksstarken Kantilenen Georg Nigls in geheimnisvoller Weise auf. Und auch bei „Die Sommernacht“ und „Fischerweise“ gelang es der sensiblen und einfühlsamen Pianistin Olga Pashchenko, Georg Nigl sehr klangfarbenreich und lebendig zu begleiten. Die nächsten Schubert-Lieder „Der Winterabend“, „Die Sterne“, „An die Musik“ und „Abschied“ überraschten allesamt aufgrund ausgefeilter dynamischer Kontraste und einem großen harmonischen Bogen, der sich wie ein funkelnder Baldachin über die Notenfolgen wölbte. Ein geradezu hymnischer Impetus beherrschte auch Ludwig van Beethovens Liedzyklus „An die ferne Geliebte“ op. 98, wo Georg Nigl zusammen mit Olga Pashchenko die thematischen Verbindungslinien in überzeugender Weise herausarbeitete. Das Stürmische und Drängende von Beethovens Liedern zeigte sich einmal mehr bei den einzelnen Nummern „Auf dem Hügel sitz ich spähend“, „Wo die Berge so blau“, „Leichte Segler in den Höhen“ oder „Nimm sie hin denn, diese Lieder“.
Ausschweifende Empfindung, heftige Modulationen und ein bewegendes Legato bei den Kantilenen waren hier die Vorzüge von Georg Nigls Vortrag. So mündete der formale Ernst in eine unerschöpfliche geistige Kraft – und die Energie der Motive zeigte zuweilen elektrisierendes Feuer. Meditation und Versenkung in ein tiefes und überwindendes Gefühl gehörte zu den weiteren Vorzügen dieser wie magisch wirkenden Interpretation. Von Wolfgang Rihm erklang die expressive Komposition „Vermischter Traum“ für Bariton und Klavier. Und Olga Pashchenko begleitete den Sänger hier auf dem normalen Flügel. Die Grundlage bildet die Ode „Vanitas! Vanitatum Vanitas!“ des deutschen Barockdichters Andreas Gryphius aus dem Jahre 1643. Thematisiert wird dabei die Vergänglichkeit des Lebens und die Bedeutungslosigkeit irdischer Vergnügungen. Die Worte der Ode bedeuten „Eitelkeit! Eitelkeit der Eitelkeiten!“ Rihm schrieb das Werk nach langer Krankheit, nachdem ihm sein Freund Georg Nigl Texte von Gryphius zugesandt hatte. Ausdrucksbedürfnis als Triebkraft steht bei den Kompositionen Wolfgang Rihms immer im Zentrum des Klanggeschehens. Das Wuchern der Ton- und Klangkonstellationen erwies sich bei den einzelnen Sätzen Majestoso sostenuto, Andante, Grave, ma non troppo oder Con moto, appassionato als sehr fruchtbar. Den meditativen Charakter unterstrichen die beiden Künstler bei ihrer Wiedergabe höchst eindringlich. Auch die Überzeugungskraft der Gestik und die schroffen Klangimpulse traten neben intensiver Gesanglichkeit hervor, wobei es Georg Nigl vorzüglich gelang, lyrische Intensität und choralartige Sequenzen miteinander zu verschmelzen. Er war 2014 in der Staatsoper Stuttgart in der Titelrolle der Oper „Jakob Lenz“ von Wolfgang Rihm zu hören. Und er war Professor für Gesang an der Stuttgarter Musikhochschule und wurde von der Zeitschrift „Opernwelt“ 2015 zum „Sänger des Jahres“ gewählt. Als Zugaben waren noch „Das Fischermädchen“, „Wandrers Nachtlied“ („Über allen Gipfeln ist Ruh'“) und „Erlafsee“ von Franz Schubert zu hören. Das war glanzvolle musikalische Pastellmalerei, ein Innehalten und dann der Fortgang in höhere Sphären. Begeisterter Schlussapplaus.
Alexander Walther

