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LUDWIGSBURG/Schlossfestspiele: KLAVIERABEND ALEXANDRE KANTOROW

08.05.2022 | Konzert/Liederabende

Klavierabend Alexandre Kantorow im Ordenssaal bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen am 7. 5. 2022

Explosiv und leidenschaftlich

Der französische Pianist Alexandre Kantorow gewann 2019 im Alter von 22 Jahren  den Grand Prix und die Goldmedaille beim berühmten Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Obwohl er bis jetzt als Geheimtipp gilt, kann man sagen, dass es sich hier um ein ganz außergewöhnliches Talent handelt. Intendant Jochen Sandig betonte denn auch, dass er ihn im nächsten Jahr unbedingt wieder einladen wolle. Leider war das Konzert nur schwach besucht. Die fehlenden Zuhörer haben jedoch etwas versäumt.

Das Programm begann mit Franz Liszts „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ S 179 – Präludium nach Johann Sebastian Bach. Hier gelang es dem Pianisten, das Publikum sofort in seinen Bann zu ziehen. Das absteigende Motiv aus Bachs gleichnamiger Kantate wurde mit großer Konsequenz herausgemeisselt. Und die anschließende und überaus kunstvolle kontrapunktische Verarbeitung des Themas gelang ihm vortrefflich. Überaus explosiv, feurig und leidenschaftlich interpretierte er dann die Sonate Nr. 1 in fis-Moll op. 11 von Robert Schumann. Ein heißer Strom der Empfindung beherrschte sofort das von Bass-Triolen begleitete Hauptmotiv im Kopfsatz – und auch die komplizierte Durchführung gewann dabei präzise Konturen. Und das Hauptthema  des ersten Allegros als „Scene fantastique“ Clara Wiecks besaß reiche Charakterisierungskunst. Das A-Dur-Thema des zweiten Satzes erhielt eine ganz eigentümliche Leuchtkraft und Klarheit, deren Intensität immer mehr zunahm. Heftige Sprünge und wild drängender Rhythmus beherrschten das Scherzo mit seinem Polonaisenschritt. Ein überwältigender Reichtum an Melodien wurde im Finale facettenreich herausgearbeitet, und der modulierende Übergang zum zweiten Es-Dur-Thema gelang dem Pianisten ausgesprochen überzeugend. Der romantische Impetus triumphierte. Zu den berühmten Interpreten dieses Werkes gehörte übrigens Franz Liszt. Von Franz Liszt erklang nach der Pause zunächst das Sonetto del Petrarca Nr. 104 „Pace non trovo“ S 161/5. Lebhaftes Präludieren und pathetisches Pathos stachen hier in bewegender Weise hervor und die Liebeselegie „Pace non trovo“ des Dichters Petrarca steigerte sich dabei zu höchster Leidenschaft. Auch die Exaltation sowie die resignative Verhaltenheit traf Alexandre Kantorow überaus genau. Harmonisch-modulatorischer Reichtum setzte sich durch. Den beiden weiteren Liszt-Werken „Abschied, russisches Volkslied“ S 251 und „La lugubre gondola“ S 200/2 gewann Kantorow einen großen chromatischen Zauber und eine vergeistigte Tiefe ab, die die reizvollen harmonischen Kombinationen offenlegten. Von Alexander Skrjabin erklang „Vers la flamme, poeme“ op. 72. Hier machte Alexandre Kantorow in ausgezeichneter Weise den fast orchestralen Charakter dieser Komposition deutlich, deren Tremoli, Akkorde und Fanfaren sich quasi übereinandertürmten. Bei vielen Pianisten fehlt hier die geradezu orgiastische Wildheit der dynamischen Steigerung – und gerade dies verdeutlichte Kantorow hervorragend.

Zum Abschluss folgte noch eine imponierende Wiedergabe von Franz Liszts „Apres une lecture de Dante, fantasia quasi Sonata“ S 161/7. Auch hier machte Alexandre Kantorow die schwärmerische al-fresco-Malerei und die geradezu orchestrale Behandlung des Klaviersatzes in überwältigender Weise deutlich. Der visionären Schilderung des Infernos sowie der harmonisch aufgewühlten Qual der Verdammten entlockte er Szenen von magischem Klangfarbenreichtum. Der in Tritonus-Intervallen absteigende Ruf des Höllenrichters  und das chromatisch kreisende Motiv der geängstigten Seelen steigerten sich hier zu einem grandiosen Choral, dessen hymnischer Glanz alles  überstrahlte. Dieser sphärenhaft schwebende Liebeschoral der Francesca da Rimini gipfelte in einer Coda, deren Tonfülle ganz neue Hördimensionen zu öffnen schien. Als Zugabe interpretierte Alexandre Kantorow Christoph Willibald Glucks „Reigen seliger Geister“ mit sphärenhafter Bewegung. Und der Schluss aus Igor Strawinskys „Feuervogel“-Suite mit ihrer hymnisch gesteigerten Finalmelodie riss die Zuhörer aufgrund des atemlos-ekstatischen Vortrags von den Sitzen.

Jubel, „Bravo“-Rufe. 

Alexander Walther

 

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