Hagen Quartett im Ordenssaal am 20.6.2026 bei den Schlossfestspielen/LUDWIGSBURG
Liebe für das Detail

Hagen-Quartett. Foto: Veranstalter
Mit der Spielzeit 2025/2026 beendet das Hagen Quartett seine über vier Jahrzehnte andauernde Karriere (unter anderem mit Aufnahmen für die Deutsche Grammophon Gesellschaft). Von Franz Schubert erklang zunächst das Streichquartett Nr. 13 in a-Moll op. 29 D 804 „Rosamunde“. Haydn und Mozart ließen hier mit aller harmonischen Farbigkeit grüßen. Im Kopfsatz triumphierte der klassische Sonatensatz unter anderem auch mit zarter Melancholie. Feingesponnene Begleitstrukturen weiteten sich aus, da steigerten sich dann auch die melodischen Bögen. In reinem C-Dur folgte das Seitenthema mit Trillern und Sexte. Die Durchführung brachte die Gesangslinie des Hauptthemas weiter. Polyphone Passagen entfalteten sich wie von selbst. Das rhythmisierte Begleitmotiv des ersten Themas setzte sich durch. Das Seitenthema verharrte in A-Dur, während die Coda sich nach Moll verfärbte. Das Trillermotiv erschien als Variante des Kopfmotivs. Das Thema des Andante verwendete Schubert in seiner Musik zu „Rosamunde“. Hier wurde es zum lyrischen Ausgangspunkt der zweiteiligen Form. Das Kernintervall des Themas behauptete sich einfühlsam als große Terz. Die Coda beendete alles mit einem Tritonus. Ein melancholisches Stimmungsbild herrschte dann im hervorragend musizierten Menuett vor – und Ländlerseligkeit setzte sich beim A-Dur-Trio durch. Der Schluss-Satz imponierte als feurig und temperamentvoll gespieltes Sonaten-Rondo mit einem triller- und vorschlagdurchsetzten Hauptthema. Der punktierte Rhythmus beherrschte wieder das musikalische Geschehen. Einen reizvollen dynamischen Kontrast bot anschließend die Wiedergabe des Streichquartetts Nr. 14 in d-Moll „Der Tod und das Mädchen“ op. post. D 810 von Franz Schubert. Die ausgereifte Tonsprache Schuberts dominierte hier in besonderer Weise. Melodische Inspirationskraft herrschte in eindrucksvoller Weise vor. Schicksalhaft eröffnete ein markant gespieltes rhythmisches Motiv den ersten Sonatensatz. Thematische Geschlossenheit und kontrapunktische Präzision in der Gegenstimme beeindruckten die Zuhörer. Themenkomplexe hoben sich in sphärenhafter Weise eindringlich voneinander ab. Die sich dramatisch steigernde szenische Entwicklung fiel besonders auf. Die überraschende Wendung nach F-Dur ließ das Seitenthema mit ängstlichen Terzenparallelen flehend aufblühen. Intervallische Verschiebungen steigerten sich ins Schmerzliche. Am Schluss herrschte wieder Moll vor und alles gipfelte grandios in einer sich beschleunigenden Coda. Das Thema des langsamen Variationensatzes prägte sich besonders tief ein. Im vierstimmigen homophonen Satz erschien der zweite Teil des Liedes „Der Tod und das Mädchen“. Der Tod sprach hier mit tiefernster Trostgebärde: „Gib deine Hand, du schön und zart Gebild! Bin Freund und komme nicht zu strafen.“ Hier steigerte sich die Intensität des Spiels noch einmal mächtig. Die fünf Variationen fügten dieser Stimmungslage neue Gefühlsaspekte hinzu. Vor allem die flehende Melodie der ersten Violine blieb im Gedächtnis. In der zweiten Variation herrschte der Cantus firmus vor und wanderte geheimnisvoll in die Cello-Stimme. In der dritten Variation behauptete sich ein prägnantes Rhythmus-Motiv. Ein fahles G-Dur setzte sich in der vierten Variation durch – und mit motivischen Verbindungen gipfelte die fünfte Variation in einer Coda, die zur abgeklärten Liedmelodie zurückfand. Heftige Synkopenrhythmen beherrschten das Scherzo mit harten Akzenten und Dissonanzen. Die Liebe zum Detail, die bei Schubert nie den Zusammenhang aus dem Blick verliert, beherrschte diese ausgefeilte und in die Tiefe gehende Interpretation. Fahl und gehetzt zeigte sich zuletzt das Finale. Der stürmisch-düstere Tarantella-Schritt stach hervor. Wie sich das energische zweite Thema diesem unbeschreiblichen Sturmlauf entgegenstellte, wurde in ausgezeichneter Weise interpretiert. Die Triolen liefen ständig weiter, hielten alles in Bewegung. Die Prestissimo-Stretta in Moll besaß hier etwas Atemlos-Ungeheures. Es war wie ein Sturz aus höchsten Höhen ins Bodenlose! Jubel und Ovationen für dieses denkwürdige Konzert.
Alexander Walther

