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LUDWIGSBURG/ Forum Schloßpark: Württembergische Philharmonie Reutlingen und Frank Peter Zimmermann

29.01.2018 | Konzert/Liederabende

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Frank Peter Zimmermann. Copyright: Harald Hoffmann

Württembergische Philharmonie Reutlingen und Frank Peter Zimmermann am 28. Januar 2018 im Forum am Schlosspark/LUDWIGSBURG

APOTHEOSE DES TANZES

Die Nähe zu Wolfgang Amadeus Mozarts „Jupiter-Sinfonie“ zu Michael Haydns Sinfonie Nr. 39 in C-Dur machte die an diesem Abend exzellent musizierende Württembergische Philharmonie Reutlingen unter der inspirierenden Leitung des Amerikaners Fawzi Haimor deutlich. Vor allem die gesangliche Belebung der Melodie kam bei dieser transparenten und klangfarblich aparten Wiedergabe dieser Sinfonie sehr gut zum Vorschein. Die breit dashinströmenden Noten entfalteten sich so wie von selbst. Übrigens wurden Michael Haydns Kompositionen in Wien im 19. Jahrhundert weitaus häufiger aufgeführt als die von Mozart oder Joseph Haydn, was bemerkenswert ist. Insbesondere die rhythmisch betonten Themen arbeitete Fawzi Haimor hier mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen ausdrucksvoll heraus. Frank Peter Zimmermann (Violine) interpretierte dann mit wunderbar sphärenhaftem Bogenstrich die eher selten zu hörende Fantasie für Violine und Orchester C-Dur op. 131 von Robert Schumann, wo auch die thematischen Verbindungslinien ausgesprochen gut betont wurden. Leider stand auch diese Komposition wie das Violinkonzert aufgrund Schumanns schwerer psychischer Erkrankung lange im Schatten. Dass sich eine Wiederentdeckung gerade dieses Werkes lohnt, machte die konzentrierte Wiedergabe der Fantasie durch Frank Peter Zimmermann deutlich, der die große Tiefe und Reife dieser Musik zusammen mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen unter Fawzi Haimor hervorragend herausarbeitete. Bei der Drucklegung dieses Werkes lebte Robert Schumann bereits in der Heilanstalt in Endenich. Es gilt deswegen als „Gemälde düsterer Färbung“. Romantisches Gefühl und mystische Inspiration sowie Unausgesprochen-Geheimnisreiches lebte in vielfach gebrochenen Spitzentönen immer wieder auf. Die im Zwielicht aufdämmernden Klangvisionen erinnerten zuweilen sogar schon an Schumanns Erbe Hans Pfitzner.

Grandios war dann Frank Peter Zimmermanns Interpretation der reizvollen Kammermusik Nr. 4 für Violine und Orchester op. 36 Nr. 3 von Paul Hindemith. Polyphones Konzertieren unter dem strengen Diktat der Linie stand hier im Vordergrund, wobei auch die Württembergische Philharmonie Reutlingen unter Fawzi Haimor zu diesem aufwühlenden Klangerlebnis entscheidend beitrug. Der draufgängerische Elan manifestierte sich vor allem bei den markanten Bläsereinsätzen, die sich stets verstärkten. Zur sangbaren Melodie gesellten sich immer wieder furiose Gegenstimmen, die den gesamten harmonischen Apparat in bewegender Weise durchkreuzten und variierten. Die scharfen, hohen Holzbläser (Piccoloflöten, Es-Klarinette) sowie die tiefen Register von Holz und Blech mündeten in aufregende Farbmischungen und schillernde disparate Klänge, die Zimmermann mit seiner Geige (eine Violine „Lady Inchiquin“ von Antonio Stradivari) mit höchster Virtuosität auskostete. Gerade beim zentralen „Nachtstück“ war das Linienspiel der barocken Mehrstimmingkeit in geheimnisvoller Weise herauszuhören. So konnte sich diese Harmonik im erweiterten tonalen Raum bestens entfalten. Einzelne Töne beherrschten hier andere in elektrisierender Weise, was sich bei Frank Peter Zimmermanns zuweilen ekstatischem Musizierstil offenbarte. Der Spannungsgrad der Intervalle nahm so stets zu. Das war aufregend. Ausgezeichnet war auch Zimmermanns Zugabe – ein Prelude in g-Moll für Violine nach dem gleichnamigen Klavierstück von Sergej Rachmaninow. Die Arabesken sprudelten dabei nur so hervor. Zum Abschluss dieses denkwürdigen Konzertabends spielte die Württembergische Philharmonie Reutlingen unter der anspornenden Leitung von Fawzi Haimor noch die Sinfonie Nr. 7 in A-Dur op. 92 von Ludwig van Beethoven. Diese Sinfonie bezeichnete Richard Wagner als „Apotheose des Tanzes“. Ein freudig beschwingter Grundton machte sich bereits in den lichten Themen der Einleitung bemerkbar, wobei das zweite Thema hier deutlich eine Beziehung zum Trio-Thema des Scherzos erhielt. Aus seinen ungeheuren rhythmischen Energien betonte Haimor mit dem Orchester das übermütig hüpfende Hauptthema des Vivace. Die Elemente der Sonatenform traten so deutlich hervor. Momente träumerischer Besinnlichkeit trafen sich auch mit markanten rhythmischen Sequenzen. In heftigen dynamischen Kontrasten spiegelte sich dabei der Stimmungswechsel. Herb wie ein Trauermarsch hob im zweiten Satz in den tiefen Streichern das Thema an und weckte in Bratschen und Celli eine klagende Gegenmelodie. Die Klarinettenweise versuchte dabei in milder Innigkeit das harmonische Geschehen zu besänftigen. Doch im Bass-Rhythmus behauptete sich das Thema bei dieser Interpretation um so eindringlicher. Hervorragend traf Fawzi Haimor dann den Stimmungsumschwung des dritten Presto-Satzes, wo die Dreiklänge des Hauptthemas ungestüm daherkamen. Im Trio-Teil breitete sich schließlich fromme Feierlichkeit aus. Nach träumerischer Ergebung entfaltete sich der Presto-Wirbel beim „Wallfahrtslied“ um so ungestümer. In wahrhaft dionysischem Schwung kam dann das Finale daher und führte zu einem geradezu ekstatischem Taumel, der das Publikum unmittelbar mitriss. Das Kopfthema kreiste hier wie entfesselt um sich selbst. Kapriziös und tänzerisch stellte sich das Seitenthema vor. Nach den zahlreichen Finessen der Durchführung ragte im Glanz von Hörnern und Trompeten machtvoll die Coda hervor. Es war eine Wiedergabe aus einem Guss, die Jubel auslöste.

Alexander Walther 

 

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