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LUDWIGSBURG/ Forum Schlosspark „piano piano“ als Produktion von Kulturhuset Stadsteatern Stockholm

23.02.2017 | Ballett/Tanz

„piano piano“ im Forum am Schlosspark Ludwigsburg. PLÖTZLICHE ABBRÜCHE UND ERUPTIONEN

„piano piano“ als Produktion von Kulturhuset Stadsteatern Stockholm am 22. Februar 2017 im Forum am Schlosspark

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Copyright: Petra Helberg

Mit der Klaviermusik von Franz Schubert und Thomas Köner begegnet man hier einer experimentierfreudigen Fusion der drei einfallsreichen Choreografen Kenneth Kvarnström, Orjan Andersson und Ina Christel Johannessen. Dieses Stück ist reich an dramatischen Momenten und gleichzeitig eine Reise zurück in die Entstehungszeit dieser Musik. Ein Impromptu von Schubert wird abrupt von Donnerhall unterbrochen. Auf der Bühne stehen viele Klaviere, die immer wieder hin- und hergeschoben werden. Darin steckt elektrisierende Bewegung. Puffärmel und Rüschen erinnern an romantische Salons. Ordnung wird hier mit Chaos gemischt, das macht den Reiz dieser Choreografie aus. Die Schallmauer der Musik wird wiederholt durchbrochen. Die unterschiedlichsten Arten des Probens wurden zunächst als Fernsehdokumentation betrachtet, um dann ein Eigenleben zu entwickeln. Es wuchs dann der Wunsch des gemeinsamen Auftritts – nicht ohne Ironie, Witz und Humor.

Drei Choreografen, drei Kompanien, drei Länder. Nicht nur im dritten Teil agiert die japanische Pianistin Asuka Nakamura, was zu einem akustischen Tumultuoso führt. So werden die Gegensätze zwischen zeitgenössischen Bewegungen und romantischer Bildhaftigkeit in reizvoller Weise herausgearbeitet. Die Spannungsbögen werden gut ausgekostet. So entsteht eine Atmosphäre der Heiterkeit und Intimität. Alle gehen behutsam und vor allem leise ans Werk – in diesem Sinne ist auch der Titel „piano piano“ zu verstehen. Aber es gibt natürlich auch Momente, die diese Stille mit lauten Eruptionen unterbrechen. Gleich zu Beginn fährt man die große Lichtorgel in die Höhe. Wechselseitige Herausforderungen spiegeln sich in der Musik in bemerkenswerter Weise wieder.

Auch das tänzerische Geschehen verdichtet sich hier zunehmend. Die Tänzerinnen und Tänzer Pär Andersson, Erik Nyberg, Pia Elton Hammer, Antero Hein, Paul Lee und Ole Kristian Tang bieten zuweilen auch Pas-de-deux-Einlagen. Die romantische Bildhaftigkeit der Klänge setzt man dabei konsequent um. Das Tor von der klassischen Begrenzung zur romantischen Unendlichkeit der Klangwelt wird weit aufgestoßen. Das ermöglicht den Tänzern ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten. Sie werden in ihrem Bewegungsfreiraum nicht mehr eingeengt. Aufwärtsstürmende Presto-Läufe etwa zeigen bei den Tänzern elektrisierende Figurationen und Pirouetten, alles dreht sich wie wild um sich selbst. Das Ausufernde und Urwüchsige beherrscht den Raum in einer ungewöhnlichen Weise. Und die Klavier bewegen sich als Instrumente visuell gleich mit. Martellato- und Staccato-Takte enden in trippelnden tänzerischen Bewegungen, wobei die Akteure ihre angestammten Positionen immer wieder verlassen und das Konzept einfach auf den Kopf stellen. Mit den Themen von Schuberts Musik spielt man ebenso behutsam wie virtuos. Die ins Exzentrische strebende Phantasie wird so immer wieder neu angeregt. Das gilt auch für die graziös rhythmisierte und mit zierlichen Vorschlägen reich geschmückte Melodie. Thematischer und harmonischer Reichtum fließen in bewegender Weise ineinander über, die Tänzer haben hier wirklich reiche Entfaltungsmöglichkeiten, die sie gut nutzen. Flüssige Skalen und Läufen enden in atemlosen Einlagen oder gewaltigen Fortissimo-Ausbrüchen. Leidenschaftliche Triolen korrespondieren mit bewegenden Paarläufen. Emotions- und Bilderreichtum triumphieren. Diese Koproduktion von K. Kvarnström & Co/Andersson Dance und zero visibility corp. (Norwegen) in Zusammenarbeit mit Rum För Dans/Region Halland erntete viel Beifall des Publikums.

Alexander Walther   

 

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