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LUDWIGSBURG/ Forum Schlosspark/ Gastspiel  Badisches Staatstheater Karlsruhe: „AM KÖNIGSWEG“ von Elfriede Jelinek

Macht und Gier

29.11.2019 | Theater

Bildergebnis für staatstheater karlsruhe am königsweg
Foto: Felix Grünschloss

LUDWIGSBURG/ Forum Schlosspark/ Gastspiel  Badisches Staatstheater Karlsruhe: „AM KÖNIGSWEG“ von Elfriede Jelinek am 29.11.2019

Macht und Gier

 Die mediale Gegenwart spielt in Jelineks Stück „Am Königsweg“ eine nicht zu unterschätzende Rolle. Sie wird ad absurdum geführt. Ein Herrscher wird gewählt. Das Volk tritt den Weg zur Urne an und bestimmt, wer die Macht über das Land haben wird. In der subtilen Regie von Slava Daubnerova (Bühne: Sebastian Hannak; Kostüme: Amit Epstein) wird geschildert, wie das Volk blind auf den vertraut, der es aus seiner Arbeitslosigkeit führen will: „Die Worte sind aufgebraucht„. Es feiert schließlich seinen neuen Herrscher, der verspricht, das Land wieder zu alter Größe zu führen. Doch dieser ist blind und hat nur Sinn für seine Immobilien, Golfplätze und Casinos.

Dieses Porträt des weißen Mannes, der ohne Rücksicht auf das Chaos, das er hinterlässt, seinen Weg an die Macht sucht, erinnert stark an die Person von Donald Trump. Gegenwärtige und zukünftige Macht- und Geschlechterverhältnisse werden offengelegt und bloßgestellt. Ein schräg aufgeklapptes Klavier und schwarz-weiße Klötze auf der Bühne lassen diese imaginäre Figur in der suggestiven Verkörperung von Ute Baggeröhr lebendig werden. Die Autorin ruft im Prolog mit verbundenem Kopf „Can you hear me?“ – und bei der „Weltanschauung“ wird ein willkürlich Gewalttätiger erkennbar. Über Tonband ist dann die Stimme des Wahlkämpfers zu hören, wobei das Tempo der Inszenierung plötzlich zunimmt. Der König wirbt über Lautsprecher für sich und seine Sache: „Ich bin die Wahrheit und das Leben„. Nach dem Wahlergebnis beginnt aber ein böses Erwachen. Eine blinde Seherin beschreibt die Ohnmacht, die plötzlich alle umgibt: „Was brauchen wir noch Seher? Wir brauchen sie nicht.  Wir können schon selber fernsehen oder anderen ins Netz gehen.“ Der Blinde spricht nur noch zu den Blinden und führt alle in den Abgrund: „Da steht er, und es bleibt kein Licht für mich.“ Der Autorin wird plötzlich die Bedeutung ihrer Worte bewusst. Sie hat den ersten Satz. Mit dem „Engel der Geschichte“ wird auf Entwicklungen verwiesen, die in die Vergangenheit führen. Die Autorin und die posierenden Männer (Jens Koch, Moritz Peters, Jannek Petri, Gunnar Schmidt, Thomas Schumacher, Andre Wagner) greifen sich an. So kommt es schließlich unaufhaltsam zum Ausbleiben der erhofften Befriedigung. Die Frau am Klavier stellt fest, dass sie kein Gehör findet. Sie klagt die Gesellschaft heftig an. Dann tritt ein weiß gekleideter Chor auf, um gemeinsam mit der Dirigentin zu singen. Der Männlichkeitskomplex wird zum beherrschenden Thema in der Gesellschaft. Die nackte Frau geht in der Männerwelt trotz verzweifelter Eingliederungsversuche unter. Und der König hat das letzte Wort. Gleichzeitig geht die Autorin zugrunde: „Bitte seien Sie mir nicht böse und hören Sie lieber nicht auf mich!“ Zuvor sind Steuererklärungen durch die Luft geflattert. Die Autorin beteuert: „Ich bin keine Medea“.

Elfriede Jelinek hat hier auch immer wieder Assoziationen zur griechischen Tragödie geschaffen. Männer bewegen sich metronomartig auf den Klötzen. Auf der Videotafel von Moritz Ermert steht: „Man muss groß sein und groß denken können.“ Und die Finanzmärkte stehen auf einmal vor dem Kollaps: „Ich beschuldige Sie der alleinigen Urheberschaft an dieser Krise!“ Dem König werden Vorwürfe gemacht, was aber völlig wirkungslos bleibt, denn der Herrscher macht, was er will. Der amerikanische Komponist Damon Lee hat dafür die passende Musik geschaffen. Die slowakische Regisseurin Slava Daubnerova entwickelt dabei eine stark formalisierte Bildsprache, die sich aber nicht überall durchsetzen kann, weil Jelineks Text einfach zu komplex ist. Sound, Körper, Musik, Stimme, Mode, Licht und Video verschmelzen zur optisch zuweilen sogar reizvollen Einheit. Amit Epsteins Kostüme verweisen auf Zukunft und Vergangenheit, die Männer machen einen potenten Eindruck und wirken immer wieder wie leblose Statuen. Assoziationen zu Elfriede Jelineks Roman „Die Klavierspielerin“ sind nicht nur zufällig. Im weiten Raum von Sebastian Hannak werden die Akteure von zwei getrennten Welten begleitet. Emporragende Hochhäuser können hin und her bewegt werden. Über Video-Einspielungen werden auch Fake News und seltsame Kommunikationsfetzen verbreitet. Der gebrochene Flügel des gefallenen Engels ist fast schon im Boden versunken: „Bitte, komm zu mir zurück, liebes Wort. Oder muss ich erst einen Engel rufen?“  Das sind dann suggestive Bilder, die sich stark einprägen. Zuletzt erscheint nochmals der Herrscher in einem fahrbaren Gestell, das wie ein Rollstuhl wirkt. Die Szene ist grotesk. Auf dem Kopf des Herrschers thront ein erigierter Penis.  Der imaginäre „König“ philosophiert über Gott und die Welt. Dann geht das Licht aus. Bilder unterschiedlicher Wirkungskraft beeindrucken hier den Zuschauer durchaus, auch wenn nicht jede Sequenz gelungen ist. 

Alexander Walther

 

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