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LUDWIGSBURG/ Forum Schlosspark: AMPHITRYON von Heinrich von Kleist

18.02.2018 | Theater

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Copyright: Christian Kleiner

„Amphitryon“ von Kleist am 18.2.2018 im Forum am Schlosspark Ludwigsburg

HEILLOSE VERWIRRUNG MIT HAPPY END

Dieses erst 1898 in Berlin zum ersten Mal aufgeführte Lustspiel von Heinrich von Kleist schwankt in der subtilen Regie von Elmar Goerden zwischen Komik und Verzweiflung. Auf jeden Fall herrscht heillose Verwirrung. Alkmene verbringt hier eine unvergessliche Liebesnacht mit ihrem Mann Amphitryon und merkt nicht, dass sie einem Schwindel aufgesessen ist. Denn in Wirklichkeit war es Gottvater Jupiter, der sich ihr in Amphitryons Gestalt näherte. Als der echte Amphitryon nach längerer Abwesenheit siegreich aus dem Krieg heimkehrt, begrüßt ihn seine Frau nur ungläubig: „So früh zurück?“ Jupiter, der von Julius Forster als facettenreicher junger Mann dargestellt wird, hat aus reiner Langeweile das Abenteuer gesucht. Und der von Michael von Au als professioneller Krieger glaubhaft gemimte Amphitryon verzweifelt dabei zusehends an seiner Situation, die ihm den Boden unter den Füßen wegzieht.

Die Sprunghaftigkeit dieser Figuren wird bei dieser Inszenierung wirklich auf die Spitze getrieben. Und der Zuschauer gerät stellenweise außer Atem (Bühne: Silvia Merlo/Ulf Stengl; Kostüme: Lydia Kirchleitner). Und auch sein Diener Sosias (fulminant verkörpert von Reinhard Mahlberg) gerät völlig aus den Fugen, als sich ihm Merkur in der Gestalt des Sosias (furios: Jacques Malan) nähert. Anne-Marie Lux interpretiert die völlig verwirrte Alkmene glaubhaft, die zwischen den Männern immer wieder hin- und herschwankt und dabei zunehmend die Nerven verliert. Stark ist aber auch der Auftritt von Anke Schubert als Charis, Gemahlin des Sosias: „Wie ich es jetzt bereue, dass die Welt für eine ordentliche Frau mich hält!

Die Unsicherheit der menschlichen Existenz wird in dieser Inszenierung sehr ernst genommen. Als sich der außer Rand und Band geratene Amphitryon schließlich dem Volk zeigt und diesem sein Leid klagt, lässt Jupiter plötzlich die Maske fallen. Das ist in der Inszenierung eine starke Szene, denn das traute Heim gerät jetzt auf einmal ins Wanken. Die Wohnung wird in Zeitlupe regelrecht gesprengt. „Zeus hat in deinem Hause sich gefallen„, verkündet der Gott unmittelbar. Er verheißt dem verzagten Amphitryon aber auch: „Dir wird ein Sohn geboren werden, des‘ Name Herkules: es wird an Ruhm kein Heros sich, der Vorwelt, mit ihm messen.“ Alkmene, die ohnmächtig hingefallen ist, meint zuletzt nur noch „Ach“, als sie den richtigen Amphitryon wiedererkennt. Die Unbestechlichkeit liebender Gefühle wird dabei allerdings auf eine harte Probe gestellt. Und die Zuverlässigkeit der eigenen Existenz steht plötzlich knallhart zur Disposition. „Ich bin getäuscht!“ empört sich der gehörnte Ehemann. „Abscheulicher!“ ruft Alkmene aus. „Treulose!“ entgegnet Amphitryon forsch.

Die scheinbare Ausweglosigkeit des Geschehens begleitet der Regisseur Elmar Goerden aber auch immer wieder mit leiser Ironie. Zuweilen blitzt sogar der Geist Molieres in diesem seltsamen Lustspiel auf, das aus drei Einheiten besteht und als Versdrama im Blankvers und ungereimter jambischer Fünfheber geschrieben ist. Gefühl und Sinne sind auch bei dieser suggestiven Inszenierung der berühmten Kleistschen „Inquisitionstechnik“ ausgeliefert. Alkmene bleibt jedoch sich und ihrem Gatten treu, ihr reines Gefühl triumphiert immer wieder, was Anne-Marie Lux mehr als einmal deutlich macht. Jupiter stellt in der Version von Julius Forster Versucher und Schöpfergott in einem dar, was bei der Inszenierung aber auch noch klarer zum Ausdruck kommen könnte. Metaphysische Tiefen kennzeichnen die Beziehungen von Jupiter, Alkmene und Amphitryon – und der Gegensatz zu den burlesk-komischen Szenen zwischen dem keifenden Dienerpaar und Merkur arbeitet Elmar Goerden in seiner durchaus mehrschichtigen Inszenierung plastisch heraus: „Komm‘, lass uns Frieden machen!“ Die kontrapunktische Verbindung von Erhabenem, Lächerlichem, Weihespiel und Satyrspiel kommt gelegentlich etwas zu kurz, wird jedoch durch das leidenschaftliche Spiel der Darsteller wieder kompensiert. Michael von Au macht als Amphitryon jedenfalls deutlich, dass er durch die Hölle geht. Gott ist bei Kleist nichts anderes als der Mensch in seiner tiefsten Verlorenheit. Dies ist zugleich ein unlösbares Problem dieses Lustspiels, das auch Elmar Goerden als Regisseur gar nicht erst zu lösen versucht. Goethe hat dieses Stück nicht umsonst wegen dessen Vermischung christlicher und antiker Werte verurteilt. Alkmene will jedoch von den Göttern nichts mehr wissen, als sie die schreckliche Gegenwart des Gottes erleidet. Man darf auch nicht vergessen, dass der unglückliche Heinrich von Kleist dabei seine eigene Lebensgeschichte verarbeitete, denn er löste seine Verlobung mit Wilhelmine von Zenge aufgrund seiner eigenen Bindungsunfähigkeit. Gerade diese seelische Bindungsunfähigkeit der Personen hätte Goerden noch deutlicher akzentuieren können. Dass Kleist natürlich Gott suchte, kommt hier ebenfalls nicht immer klar zum Vorschein. Trotzdem gelingt es Elmar Goerden, das Beziehungsgeflecht der Figuren weitgehend zu entwirren. So ist ein interessantes psychologisches Kammerspiel entstanden, an dessen Ende Alkmene in Ohnmacht fällt, weil sie der Unbegreiflichkeit dieses Gottes nicht gewachsen ist. Gleichzeitig darf der Ehemann seine Frau behalten.

Alexander Walther   

 

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