Naturgewalten werden entfesselt
Ballettabend mit Emanuel Gat Dance am 17. Oktober 2026 im Forum am Schlosspark/LUDWIGSBURG
Als Deutsche Erstaufführung war hier „Five Days In The Sun“ von Emanuel Gat zu sehen, der 1969 in Israel geboren wurde. In einem Stil von dunkler Sinnlichkeit arbeitet er seit 20 Jahren mit seiner Kompanie in Marseille. Er möchte zur Musik von Gustav Mahlers fünfter Sinfonie das Licht tanzen lassen und die Naturkräfte beschwören, was mit diesem Ensemble in hervorragender Weise gelingt. Die Bewegung der Lichtquellen bestimmt Choreografie und Musik. Dunkelheit und Licht, Verzweiflung und Freude, Anpassung und Entladung beherrschen diese Performance. Vielschichtige dynamische Kontraste ergeben sich auch in der Musik Gustav Mahlers, die manchmal laut und ein anderes Mal leiser und wie aus weiter Entfernung erklingt. Der choreografische Bogen erstrahlt hier in beglückender Größe. Mahlers fünfte Sinfonie entstand zwischen 1901 und 1902 und markiert einen Wendepunkt in seinem Schaffen. Anfang 1901 entging Mahler nur knapp dem Tod, im März 1902 heiratete er Alma Schindler. In fünf Akten entfaltet sich „Five Days In The Sun“ mit zwölf Tänzerinnen und Tänzern in einem offenen Raum. Die Dynamik wird durch eine vielschichtige und faszinierende Lichtdramaturgie geprägt. Die Kostüme der polnischen Designerin Inez Vicher erweitern die visuelle Komponente dieses ungewöhnlichen Stücks ganz erheblich. Bewegung, Licht und Kostüm symbolisieren hier auch ungebrochene Widerstandskraft, Transformation und Katharsis. Mit der Uraufführung beim Festival Montpellier Danse im Juni 2026 begann auch ein neues Kapitel von Emanuel Gats künstlerischer Arbeit. Neben musikalischen Improvisationen erklingen vier Sätze aus Mahlers fünfter Sinfonie, das Rondo-Finale wird weggelassen. Der Trauermarsch des ersten Satzes kommt hier mit unmittelbarer Wucht daher und wird tänzerisch in wunderbar elastischer Weise ausgekostet. Dabei herrscht der Ton schmerzlich-duldender Klage vor, deren Intensität immer weiter zunimmt und körperlich spürbar wird. Das elegische Hauptthema der Streicher nach dem Pomp funebre geht in eine aufgehellte Weiterspinnung über. Nach tänzerisch wildem Aufbäumen folgt dann wieder die ergebene Marschweise, neu beleuchtet von jener Melodie, die Mahler in seinen „Kindertotenliedern“ um die Worte vom „Freudenlicht der Welt“ hier zitiert hat. Tröstend singt sie weiter, sinkt nach leidenschaftlichem Anstieg ermattet zurück. Aufbegehrend erscheint dann der rasant-ungestüme zweite Satz, der den Tänzerinnen und Tänzern sehr viel Freiraum lässt. Klage reckt sich wie in Verkrampfung zur Anklage empor und entfesselt Naturgewalten. Die Trostmelodie der Celli betört das Publikum aufgrund der höchst sensiblen tänzerischen Umsetzung. Über dem Paukenwirbel fließt die wehmütig-versöhnliche Melodie leidenschaftlich dahin, bis alles in einen Choral von strahlender Pracht mündet. Erdnahe Daseinsfreude beherrscht auch im Tanz das forsche Scherzo. In die aufstampfende Tanzmelodie klingen erfrischende Naturlaute, lustige Hornrufe und gefühlvoll-träumerische Weisen, die das Ensemble innig und derb zugleich umsetzt. Das Adagietto erklingt ganz im Stil von „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Es ist ein Traum der Einsamkeit und Weltvergessenheit, den die Tänzer hier magisch beschwören. Zum Klang von Streichern und Harfe scheint sich die Bühne zu öffnen und einen endlosen Hintergrund freizugeben. Ruhig-innige und sanft-drängende Melodien ergänzen sich beglückend. Die Interpretation der fünften Sinfonie Mahlers durch die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Leonard Bernstein wirkt geradezu betörend-kongenial. Die Tänzerinnen und Tänzer Emma Bogerd, Theo Brassart, Geremia Cappagli, Lea Delaporte, Zohar Kotz, Itai Mair, Giulia Quacqueri, Johanna Skogstad, Katherina Solvang, Noah Tyrell, Anais Van Caekenberghe und Winter Wieringa leisten dabei Ausserordentliches. Am Ende viele „Bravo“-Rufe und Riesenjubel!
Alexander Walther

