Eröffnung der Ludwigsburger Schlossfestpiele mit Verdis „Nabucco“ konzertant im Forum am Schlosspark am 14. Juni 2026/LUDWIGSBURG
Wunderbare Verschmelzung von Chören und Solostimmen
„Viva Verdi!“ – dies galt diesmal für das Forum am Schlosspark in Ludwigsburg. Und für den erkrankten Luca Salsi sprang als Nabucco ganz kurzfristig der großartige französische Bariton Ludovic Tezier ein! Trotz der konzertanten Aufführung kam die frappierenden Dramatik dieses Meisterwerks voll zur Geltung, mit dem man eine Arena von Verona mühelos füllen kann. Der Tempel des Salomon in Jerusalem wurde szenisch greifbar, wo die Hebräer nach dem Einmarsch des babylonischen Heeres Zuflucht im Tempel suchten. Mit Fenena befand sich im Tempel eine wertvolle Geisel, denn sie war die Tochter des Königs Nabucco. Ismaele gestand seine Gefühle für Fenena, doch auch Abigaille war in Ismaele verliebt. Zaccaria drohte, Fenena zu töten, die im letzten Moment von Ismaele gerettet wurde. Im zweiten Akt gewann „Der Frevler“ Kontur, wo Abigaille ein Dokument zugespielt wurde, durch das sich ihre wahre Abstammung enthüllte. Als Tochter einer Sklavin hatte sie keine Ansprüche auf den Thron. Die tief Gekränkte wollte sich nun an Nabucco und Fenena rächen. Doch Abigaille bestieg den Thron und ließ sich von ihrem Volk und dem Hohepriester des Baal huldigen. Sie demütigte ihren geistig verwirrten Vater und überlistete ihn, das Todesurteil gegen die Hebräer zu unterschreiben. In der Gefangenschaft besangen die Hebräer ihre verlorene Heimat. In seinem Arrest hörte Nabucco vor dem Fenster den Namen Fenenas, die zu ihrer Hinrichtung geführt wurde. Verzweifelt sank der wahnsinnig gewordene König auf die Knie. Nabuccos Diener Abdallo befreite den König. Nabucco rettete seine Tochter vor der Hinrichtung – und die besiegte Abigaille vergiftete sich selbst. Sie bat um Verzeihung. Und die Hebräer priesen gemeinsam mit Nabucco ihre wiedergewonnene Freiheit. Die musikdramaturgische Vermittlung von Konflikten wurde bei der Aufführung mit dem Orchester und Chor des Nationaltheaters Mannheim unter der impulsierenden Leitung von Roberto Rizzo Brignoli in hervorragender Weise herausgearbeitet. Zaccarias prophetisches Tun verknüpfte sich mit dem elegischen Gesang des Violoncellos. Und Abigailles furienhaftes Gebaren wurde von den schrill anmutenden Farben der hohen Holzbläser begleitet. Klangfarbenwechsel und eine schnittartige Aufeinanderfolge von Phrasen beherrschten das Auftreten von Abigaille und Zaccaria. So spitzte sich die weitere Handlung im Forum am Schlosspark konsequent zu! Nabuccos Auftritt wurde zu einem wahren Ereignis und einem beispiellosen Coup. Nabuccos Wahnsinn wurde hier vom umsichtigen Dirigenten Roberto Rizzi Brignoli mit rasch alternierenden Phrasen und unheimlichen Dur-Moll-Wechseln sehr einfühlsam herausgestellt. So gab es keine Stretta am Schluss, sondern ein abruptes Ende. Im dritten Teil wurden Abigailles Klangfarben auf den Chor der Babylonier übertragen. Csilla Boross brillierte hier als Abigaille mit leuchtenden Klangfarben und strahlkräftigen Spitzentönen. Ludovic Tezier erfüllte die Rolle Nabuccos mit ausdrucksstarkem und voluminösem Bariton. Sung Min Song beeindruckte als charismatischer Ismaele, Sung Ha war ein markanter und sonorer Zaccaria. Julia Faylenbogen charakterisierte Fenena mit beweglichem Mezzosopran, Renatus Meszar war ein prägnanter Il Gran Sacerdote. Christopher Diffey überzeugte als Abdallo und Zinzi Frohwein gefiel als Anna. Zunächst waren Abigaille und Nabucco im Kampf gegen die Juden vereint – dann endete alles eruptiv, als Nabucco begriff, dass auch Fenena unter den Juden war! Hier erreichten Ludovic Tezier und Csilla Boross einen darstellerischen und gesanglichen Höhepunkt. Leid und Flehen Nabuccos gipfelten in baritonaler melodischer Gestik, die sich immer mehr steigerte. Einen scharfen Kontrast bot ferner der populäre Chor „Va pensiero“ („Flieg, Gedanke“) in geheimnisvoller Verbindung mit der Prophetie Zaccarias. Das Schlussfinale mit dem Fall der Götzenstatue hinterließ beim Publikum einen tiefen Eindruck. Der hymnische Chor „Allmächtiger Jehova“ ließ den Opernchor des Nationaltheaters Mannheim nochmals hell aufleuchten. Wucht und Feuer beherrschten hier auch die ausdrucksstarken Rezitative. Die hinreissenden Chöre verschmolzen eindringlich mit den Solostimmen. Jubel, Ovationen!
Ein würdiger Festspielauftakt.
Alexander Walther

