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LUCAS DEBARGUE: 52 Sonaten von DOMENICO SCARLATTI auf einem Bösendorfer 280VC gespielt – SONY

Kosmische Verdichtung originellster musikalischer Atome mit magnetischer Wirkung

09.11.2019 | cd

LUCAS DEBARGUE: 52 Sonaten von DOMENICO SCARLATTI auf einem Bösendorfer 280VC gespielt – SONY


Kosmische Verdichtung originellster musikalischer Atome mit magnetischer Wirkung


„Jede Sonate feiert das Wunder der Harmonie der Töne. Die Sonaten fließen nicht in der Zeit, sie bilden selbst die Zeit, sie ändern deren Gestalt.“
Debargue


Der kreativ vielseitige Autodidakt Lucas Debargue begann im Gegensatz zu anderen Tasten-Wunderkindern erst mit 20 Jahren ernsthaft Klavier zu studieren. Der Spätzünder wurde dennoch schon 2015 Preisträger beim Tchaikovsky Wettbewerb. Bei der live im selben Jahr in der Salle Cortot aufgenommenen Debüt-CD für Sony setzte Debargue ein überragendes Statement für Domenico Scarlatti. Die Sonaten K 208, K 24, K 132 und K 141 markierten den Beginn des Konzerts, am Schluss improvisierte Debargue über die Sonate in A-Dur. Drei Jahre später, im September 2018 sind die nun veröffentlichten Aufnahmen von 52 Sonaten – eine für jede Woche des Jahres – dieses geheimnisvollen madrilenisch-neapolitanischen Komponisten in der Jesus-Christus Kirche Berlin-Dahlem entstanden.


555 Sonaten hat Scarlatti geschrieben. Biographisch ist das Leben des Sohnes des Opernkomponisten Alessandro Scarlatti großteils ein weißes Blatt in der Musikgeschichte. Überliefert sind nur wenige Fakten, wie seine Freundschaft mit dem Sänger Farinelli und sein Wirken am Madrider Hof als Lehrer der Prinzessin und späteren spanischen Königin Maria Bárbara. Für seine musikalischen Begegnungen mit den beiden soll Scarlatti etwa 15 Jahre lang wöchentlich eine Sonate geschrieben haben. Die Tatsache, dass überhaupt irgend etwas von seinem Werk erhalten ist, verdanken wir seiner Ernennung zum Ritter, aus deren Anlass seine 30 Essercizi 1738 veröffentlicht wurden. Und seiner kolportierten Spielleidenschaft wegen soll die Königin in seinen letzten Lebensjahren Kopien seines „Venezianischen Manuskripts“ anfertigen haben lassen. Nach dem Motto „Auf Nummer sicher“, man weiß ja, wie das so ist mit den Spielschulden….


Für mich bilden die in ihrer experimentellen Forschheit und überbordenden Phantasie noch heute verblüffenden Klaviersonaten Domenico Scarlattis gemeinsam mit den Goldberg-Variationen und dem Wohltemperierten Klavier von J. S. Bach mit die Quintessenz vollendeter abendländischer Instrumentalmusik. Jede Sonate kann als eine Art „Mikrodrama“ gesehen werden, ein Theaterstück, in dem die verschiedenen Motive als Schauspieler auftreten und dessen Thema das Erreichen oder Verlieren der Symmetrie ist. Scarlattis Spiel (er selber soll Zeitgenossen gemäß am Cembalo agiert haben, als ob tausend Teufel am Instrument säßen) ist unendlich fein gestaltet. Wie Nicolas Witkowski weiter formuliert, setzen sich „die Sonaten aus zwei meist wiederholten Teilen zusammen, die eine Handvoll kleiner, wenige Sekunden langer Motive präsentieren. Scarlattis geistreicher Spaß besteht darin, eine scheinbar willkürlich gewählte Motivfolge im zweiten Teil anders anzuordnen. Ein Mosaik von Mikro-Motiven, die sich wie in einem Kaleidoskop neu zusammensetzen.“


Lucas Debargue
schleppt 2017 die Kenneth Gilbert Gesamtausgabe aller Scarlatti Sonaten in seine Pariser Wohnung. Er sperrt sich eine Woche lang ein und spielt alle 37 Stunden Musik am Klavier durch. Ihn faszinieren die Balance von Formstrenge und grenzenloser Freiheit. Für die heute maßstabsetzende Interpretation der 52 eingespielten Sonaten gilt für Debargue die Gesamtaufnahme aller Sonaten durch Scott Ross 1984/85 am Cembalo als Vorbild. Besonders die Betonung des Liedhaften und die Vermeidung metronomhaften Spiels haben es ihm angetan. Debargue verzichtet auf dem Bösendorfer (das Klangbild ist klar und räumlich) weitgehend auf den Einsatz von Pedal. Das heißt, Debargue erzeugt alle Ausdrucksnuancen lediglich mit den Fingern. Seine hoch musikantische und artistische Anschlagskultur spiegelt alle Kontraste dieser so reichen und dichten Musik. Neben aller virtuosen Geläufigkeit gelingen verblüffende Echo-Effekte, der Hörer hat den Eindruck improvisierter Unmittelbarkeit. Die Verbindung von barock italienischer Form und andalusischen Einflüssen kulminiert in einem aberwitzigen Jonglieren mit Motiven, stets vollblütig im Rhythmus und frei in den Tempi.


Lucas Debargue brauchte nur rekordverdächtige fünf Tage, um die vier Stunden Musik in aller Perfektion und überschäumend temperamentvoller Spiellaune aufzunehmen. Zu seinem eigenen Vergnügen (und unserem) hat er alle Wiederholungen befolgt. Bleibt zu hoffen, dass aus den nun 4 CDs im Lauf der Jahre 40 werden und Sony sich mit Debargue an den ersten Gesamtzyklus aller Scarlatti-Sonaten auf einem Klavier mit einem einzigen Solisten (Naxos nimmt die Sonaten mit verschiedenen Pianisten auf) heranwagt.Fazit: Unverzichtbar!


Dr. Ingobert Waltenberger

 

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