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LP/VINYL JOHN ADAMS „Must the devil have all the good tunes?“ – LOS ANGELES PHILHARMONIC, GUSTAVO DUDAMEL, YUJA WANG Klavier; Deutsche Grammophon

Thrilling, spacy and spicy

26.09.2020 | cd

LP/VINYL JOHN ADAMS „Must the devil have all the good tunes?“ – LOS ANGELES PHILHARMONIC, GUSTAVO DUDAMEL, YUJA WANG Klavier; Deutsche Grammophon

 

Thrilling, spacy and spicy

 

Das neueste Klavierkonzert des amerikanischen Komponisten John Adams trägt einen wundersamen Namen, ist aber alles andere denn Programmmusik. Den Titel entdeckte Adams in einer alten Ausgabe des New Yorker in einem Artikel über die christliche Sozialistin und Journalistin Dorothy Day. Das Auftragswerk des Los Angeles Philharmonic wurde von Adams für die Pianistin Yuja Wang geschrieben und im März 2019 unter der Leitung von Gustavo Dudamel in der Walt Disney Concert Hall uraufgeführt. Die LP basiert auf einem Live-Mitschnitt vom November 2019. 

 

„Gritty, funky, but in strict tempo – twitchy, bot-like“ hämmert sich der erste Satz in unsere Synapsen. John Adams versteht es wie kein Zweiter heute, dem Klavier eine extraterrestrische Magie zu verleihen. Ein Franz Liszt im 21. Jahrhundert, wie er Kultfigur. Wie ein Adler erhebt sich Adams mit dieser perkussiv farbspritzenden, tastenschleudernden, bisweilen melodisch verträumten Musik über alle im Tale funkelnden musikalischen Gefährten und Ahnen, von denen bisweilen Tonfetzen bis in die höchsten Berggipfel dringen. Dort, wo rauschhaftes Schaffen genuin Neues gebiert.

 

Das im Original deutsche Zitat „Der Teufel braucht nicht alle schönen Melodien alleine zu besitzen“, Martin Luther zugeschrieben, hat Adams zu einer Art funky amerikanischem Totentanz inspiriert, eine Weltraumraketenmusik mit einem diabolisch anspruchsvollen Klavierpart. Die drei nahtlos ineinander übergehenden Sätze halten nicht nur die Pianistin, sondern auch den Hörer auf Trab. Das Orchester (die Bläser) und das Klavier scheinen einander eine wilde und bis an die Zähne musikalisch bewaffnete Verfolgungsjagd zu liefern. Das Klavier versucht, seinen Begleiter mit schrägen Rhythmen und unbändiger Kraftmeierei aus der Bahn zu werfen. Beide stolpern in frenetischem Zickzack und Höllentempo vorwärts, Ligetis berühmte Klavieretüde „L‘Escalier du diable“ im Genick. 

 

„Much slower, gently relaxed“ geht es im kürzeren langsamen Satz zu. Klavier und Orchester suchen sich zu orten, einander in lyrischer Umschlingung zu vereinen. Die Harmonie währt nicht lange. Mit „Obsession/Swing“ geht es ins virtuose Finale mit einer „Mischung aus ausgelassenen Synkopen, zwitschernden Holzbläsern, Off-Beat-Akzenten im Blech, weiten Stride-Bass-Sprüngen, viel Schlagwerk und einem energiegeladenen brillanten Solo-Part“. (Sarah Cahill)

 

Das neue Klavierkonzert von John Adams begeistert in der überbordenden schöpferischen Energie, der keck süffigen Gesamtanlage, dem mörderischen Drive, den rhythmisch tänzelnden Bocksprüngen. Die Musik wie alle Ausführenden einfach höllisch gut!

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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