LP/CD „DER JUNGE UND DER REIHER“ – SYMPHONISCHE SUITE FÜR KLAVIER und ORCHESTER von JOE HISAISHI nach dem gleichnamigen Fantasyfilm; Deutsche Grammophon
In den magischen Klangwelten von Erinnerung, Traum und Transzendenz

„Diese Wunde habe ich mir selbst zugefügt. Sie ist das Zeichen für das Böse in mir.“ Mahito
Seit 1984 währt nun schon die Zusammenarbeit von Filmemacher Hayao Miyazaki und dem Komponisten Joe Hisaishi. Der Zeichentrickfilm „Der Junge und der Reiher“ (im Original ‚Kimitachi wa Dō Ikiru ka?‘) aus dem legendären Studio Ghibli erschien in Japan im Juli 2023. Der wundersame Streifen um kindliche Kriegstraumata nach Verlust der Mutter bei einem Brand und die Weggabelung zu leben oder in einem Zwischenreich der magischen Fantasie zu verharren, also mental abzutauchen, ist derzeit bei Netflix abrufbar.
Es ist der bislang anspruchsvollste, rätsel- und geheimnisumwobenste Film ihrer beider Zusammenarbeit. Der „Junge und der Reiher“ ist sicher das persönlichste Kunstwerk des Hayao Miyazaki. Außer der Identitätssuche eines heranwachsenden Burschen in surrealen Räumen und Landschaften geht es nicht zuletzt um Fragen des Generationenwechsels: Der japanischer Anime-Regisseur, Drehbuchautor, Zeichner, Grafiker, Mangaka und Filmproduzent Miyazaki setzt mit dem Film ein vorläufiges künstlerisches Vermächtnis als Farbenrausch an Fantasie, Melancholie, Gewalt, grotesken Episoden und Zärtlichkeit. Die Nachfolger werden es auf ihre Art machen müssen.
Die Handlung dieses kinematografischen Bildungsromans ist während des Pazifikkrieges angesiedelt. Im dritten Kriegsjahr kommt die Mutter unter tragischen Umständen in Flammen um. Im vierten Jahr zieht die Restfamilie, das ist der Vater und der 11-jährige Mahito, aufs Land zu Natsuko, der jüngeren Schwester der Mutter. Unglücklich in neuer Umgebung und Schule, verletzt er sich mit einem Stein selbst.
Ein undurchsichtig zwischen Dämonie und hilfreich lotsender Gefährtenschaft gezeichneter Graureiher verspricht Mahito, er könne seine noch lebende Mutter zurückholen. Dieser Mittler zwischen der Welt der Lebenden und der Toten, in dessen Federkleid sich ein grotesker alter Mann verbirgt, lockt den unglücklichen, mit wütendem Todestrauma konfrontierten Mahito zu einem verfallenen Haus mit Turm, der einen Zugang zu einem anderen, übernatürlichen Universum öffnet.
In diesem magischen Randbereich unserer Existenz, irgendwo zwischen Paradies und totalitärer Gesellschaft, zerfließen Zeit und Raum. Mahito trifft auf die Fischerin Kiriko, die kleinen Warawaras als Symbol der Ungeborenen und die Beherrscherin des Feuers Himi. Sie ist in Wahrheit seine zukünftige Mutter. Unter tausend Gefahren rabiater Pelikane, grimmiger Wächter und bedrohlicher Sittiche, von Stürmen, haushohen Meereswellen und inmitten aller Urgewalten der Natur, begegnen wir Mahitos verschwundenem Großonkel. Mit aufgetürmten geometrischen Figuren hält er eine fragile Weltordnung in Schwebe. Mahito soll sein Nachfolger werden. Der Bub weigert sich, weil er sich den glatt illusionistischen Ansprüchen an die Erwartung einer utopistisch harmonischen Welt nicht gewachsen fühlt. Mahito legt schließlich alle Ängste, die Vergangenheit und unerfüllbaren Wünsche ab. Er kehrt schließlich in seine Wirklichkeit mit dem Vater und Natsuko zurück.
Himi entscheidet sich für ihr vorgegebenes und damit für jenes Schicksal, das Mahito das Leben schenken, aber auch ihren grausamen Tod miteinschließt. Liebe heißt nicht, die Nächsten vor Vergänglichkeit bewahren zu können. Sie bedeutet, ihr Schicksal zu akzeptieren. Leben, Schönheit und Zerstörung, Tod und Trauer, Schuldgefühle, jegliche Unvollkommenheit der Welt: Vielleicht kann eine der Schlussfolgerungen aus dem Film sein, dass es möglich ist, ungeachtet der Brüchigkeit von Vernunft und Ordnung, ausgesetzt im Chaos von Schuld und Willkür trotzdem ja zu Existenz zu sagen. Verzweiflung alleine nützt niemandem. Und die Lehre aus der militärischen Gewaltherrschaft der Sittiche? Wer eine vielgestaltige Welt gewaltsam nach seinem Willen uniformieren möchte, vernichtet sie. Versuchsanordnungen dafür finden wir gerade genügend.
Die Symphonische Suite in 14 Szenen, die Joe Hisaishi aus der Filmmusik destilliert hat, markiert die Zusammenarbeit des Musikers mit dem Royal Philharmonic Orchestra, dessen composer in association er seit April 2024 ist. Die Musik Joe Hisaishis hat Nummerncharakter und unterscheidet sich wesentlich von den pompösen Hollywood-Blockbuster-Filmmusiken, die als triumphale Klangentfaltungen überwältigungsemotional noch einen draufsetzen, um die Bilddramatik vordergründig verstärken zu wollen.
Ganz anders der Sound in Gestalt der symphonischen Suite zu „Der Junge und der Reiher“. Hisaishis märchenartige Klanggemälde beinhalten wesentlich mehr als die imitatorische Nachfolge von Tōru Takemitsu,Terry Riley, Arvo Pärt, Steve Reich und Philip Glass. Sie setzen sich aus repetitiven Arpeggien, Pattern, wie sie von Minimal Music bekannt sind, ostinaten Figuren, impressionistischer Stimmungspinselei, schwebenden Harmonien, spätromantischer Endzeitlichkeit, aber auch Einflüssen japanischer Folklore zusammen. Hisaishi hat so einen Sound geschaffen, der speziell durch das vielfach solistisch hervortretende Klavier einen intimen Grundcharakter aufweist. Ein anderes Element, das Eingang in den Film gefunden hat, lässt sich am Beispiel von „Ask me why?“ verdeutlichen. Ursprünglich als musikalisches Geschenk für den Geburtstag von Miyazake entworfen, ist es zum Hauptthema des Films geworden.
Sentimentalität ist dieser Musik fremd. Als poetische Meditation über das Verhältnis von Leben und Tod, Schöpfung und Zerstörung, Erinnerung und Gegenwart spiegelt Hisaishis Musik grenzenlose seelische Zustände auf eine faszinierende und eigentümliche Art und Weise. Joe Hisaishi am Flügel und als Dirigent der Aufnahme besticht durch eine außerordentliche Gestaltungssensibilität und expressive Feinzeichnung. Kammermusikalisch schlichte Phrasen und ein neu gefasster symphonischer Klangkontext verbinden fragmentarische Askese mit Sinnlichkeit und lautmalerischer Abstraktion.
Fazit: Die konzentrierteste aller Filmmusiken Joe Hisashis als reifes Alterswerk, arrangiert zu einer in ihrer Intensität und Wirkung nochmals vertieften Symphonischen Suite in fabelhafter Klangqualität. Klingende Philosophie at her best!
Dr. Ingobert Waltenberger

