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LOVE, SIMON

24.06.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 29. Juni 2018
LOVE, SIMON
USA / 2018
Regie: Greg Berlanti
Mit: Nick Robinson, Jennifer Garner, Josh Duhamel u.a.

Irgendwann in diesem Film wird gefragt: „Warum outen sich ‚straight people’ (zu Deutsch: Heterosexuelle) eigentlich nicht?“

Ja, warum wirklich nicht, in einer Zeit und einer Welt, wo es zum guten Ton gehört, die Mitwelt explizit darüber aufzuklären, wie man es im Bett gern hat. Mit dem gleichen Geschlecht, mit dem anderen, abwechselnd mit beiden, oder überhaupt mit… oder was… oder wie. Wir leben in einer komplizierten Welt, die uns mit ihrer politischen Korrektheit geradezu würgt. Keiner fragt sich mehr, ob diese Dinge fremde Menschen, die nicht unbedingt betroffen sind, überhaupt etwas angehen…

Problematisch ist es ja auch, dass „straight“ nichts anderes bedeutet als „gerade“ – was ja in der Folge heißen müsste, dass alle anderen Neigungen „schief“ wären? Also absolut das Gegenteil dessen, was wir heute aussagen wollen, wo alles als gleichwertig und gleich „normal“ gelten soll? Kurz, wir kommen mit der ganzen Problematik nicht zurecht. Vielleicht werden deshalb so viele Filme dazu gedreht.

Andererseits – bedenkt man, wie häufig heutzutage (es gibt natürlich einen Nachholbedarf) Filme über Homosexuelle sind, wie „angesagt“ und „in“ es ist, „so“ und nicht anders zu sein („Andersrum“ sagt man in Wien, wirbt man in Wien – „Wien ist andersrum“), fragt man sich natürlich auch, ob die Schräglagen nicht in die andere Richtung driften.

Egal – wir haben es mit einem Film zu tun, wo Teenager Simon sich damit quält, dass er seine Neigung zu anderen Jungs verspürt und den Avancen seiner Mitschülerinnen gegenüber nicht offen ist, so gerne er die Mädels als Freundinnen auch hat. Nun sollte das, wie ausgeführt, heutzutage ja wirklich kein Problem mehr sein, anfangs fragt man sich kurz, ob dieser Film aus der US-Teenager-Welt vielleicht in den achtziger Jahren spielt – aber nein, wir sind ausdrücklich im Trump-Amerika, der Welt der Smartphones, der sozialen Medien und der Möglichkeit, jedermann per Facebook auszustellen und anzuprangern und zu „outen“. Ist es heute wirklich noch nötig, sich zu verstecken?

Vielleicht in ganz normalen Familien doch, wo der Vater gewissermaßen unschuldsvoll-selbstverständlich seine rassistischen, homophoben und anderen Vorurteile rauslässt, ohne sich viel dabei zu denken. Das war immer seine Meinung, was soll schlecht daran sein? Und das sympathische Söhnchen duckt sich…

Aber es geht diesem Film von Regisseur Greg Berlanti weniger darum, eine teils doch noch stockkonservative amerikanische Trump-Gesellschaft zu richten, es geht um Simon, der in Nick Robinson einen ungemein sympathischen Darsteller hat, der seine inneren Nöte nie peinlich überzeichnet.

Es wäre an sich das „perfectly normal life“ eines amerikanischen Highschool-Boys: Die Eltern (Jennifer Garner und Josh Duhamel) sind ja nicht so übel, die Schulfreunde (multi-colored) auch nicht. Wenn man allerdings ein Geheimnis mit sich herumträgt… Das Internet hilft. Da begegnet man im Chatroom jemanden, der sich „Blue“ nennt und in den man sich regelrecht verliebt, so sehr stimmt die Wellenlänge, so sehr hat man dieselben Wünsche und Probleme. Aber wie das schon so ist mit der Anonymität – vielleicht kennt man „ihn“ sogar, aber er gibt sich nicht preis…

Keine Angst, das ist ein amerikanischer Film, das Happyend mit Blue am Rummelplatz findet dann vor den versammelten Anwesenden statt und wird heftig akklamiert, wie es die Amerikaner so gern haben. Dann ist jeder, „wer er ist“, hat es offen zugegeben, es wird allgemein akzeptiert, und wir sind alle, alle glücklich…

Der Weg bis dahin ist nicht so übermäßig spannend: ein ekliger Schulkollege, der ihn erpresst (das kommt dann zu peinlichen Szenen), die Schwierigkeiten, den Freundinnen taktvoll auszuweichen (als er einer endlich sagt, „I am gay“, antwortet sie nur: „Oh!“), und die kribbelnde Ungewissheit, jeden jungen Mann mit erwartungsvollen Augen anzusehen: „Bist Du Blue?“

Wenn er am Ende den Eltern verkündet, er müsse ihnen etwas sagen, vermuten sie nur: „Hast Du jemanden geschwängert?“ Das Outing kommt halb gut an, bis sich dann alle genieren und sich in Versicherungen ergehen, ihn genau so zu lieben wie immer.

„Ich bin derselbe“, sagt er, und darauf kommt es an. Und darauf, Toleranz nicht nur im Mund zu führen, sondern zu leben. Vielleicht ist das die Aussage der schlichten Geschichte, die so amerikanisch gestrickt ist, dass es letztlich ja doch nur um Beschwichtigung geht.

Renate Wagner

 

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