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LONDONDERRY KANN JETZT VIELES FEIERN

16.06.2013 | KRITIKEN, REISE und KULTUR

Londonderry kann jetzt vieles feiern, 14.06.2013
von Ursula Wiegand

„Here comes the summer“, singen die Menschen in Londonderry/Nordirland und begrüßen mit diesem Song den ersehnten Sommer. Überall Frauen in luftigen Kleidern, Männer in Shorts oder nacktem Oberkörper. Auf der grünen, oft regenreichen Insel wird jeder Sonnenstrahl intensiv genutzt, und davon gibt’s momentan reichlich. Noch zu später Stunde laufen die Kinder in Flatterhemdchen umher. 


Londonderry, Foyle-Fluss mit Feuerwerk. Foto: Ursula Wiegand

In Derry-Londonderry, von den Einheimischen kurz Derry genannt, wird jedoch nicht nur das schöne Wetter willkommen geheißen. Noch weit mehr wird hier etwas ganz Besonderes gefeiert: Londonderry als erste Kulturhauptstadt des Vereinigten Königsreiches. 
Die Briten, die gerne mal eine Extrawurst braten, haben nun – neben der Europäischen Kulturhauptstadt – auch eine eigene und dafür dieses Städtchen mit seiner mehr als 1400jährigen Geschichte erwählt.


Londonderry, Turm der 400 Jahre alten Stadtmauer. Foto: Ursula Wiegand

Vor rund 20 Jahren war das noch eine blutbefleckte. 1968 hatten dort die Menschenrechts-Demos begonnen. „One man, one vote“ (ein Mensch, eine Stimme), forderten die kinderreichen Katholiken. Doch schon 1969 mündeten die Auseinandersetzungen in Gewalt. Britische Soldaten, auf Seiten der Protestanten stehend, rückten mit Tränengas, Wasserwerfern, Gummigeschossen und scharfer Munition an. Trauriger Höhepunkt der „troubles“ wurde der „Blutsonntag“ vom 30.01.1972.
Die Bürgerkriegfotos der Korrespondenten gingen um die Welt. Nach diesen Aufnahmen haben ab 1997 die „Bogside Artists“ – Tom und William Kelly sowie Kevin Hasson – 12 „Murals“ (Wandbilder) auf die Häuserwände in der einst umkämpften Rossvill Street gemalt, die sich jeder Besucher nachdenklich anschaut.


Londonderry, Wandbild Petrol Bomber. Foto: Ursula Wiegand

So den „Petrol Bomber“, einen Jungen mit Gasmaske und Molotow-Cocktail,  oder das Bild der 14jährigen Annette McGavigan, die am 6.9.1971 auf dem Schulweg zwischen die Fronten geriet und das 100. Todesopfer wurde.
Glücklicherweise sind diese Zeiten vorbei, und so gesehen ist die Kulturhauptstadtehre auch eine Wiedergutmachung. Sogar die Kontrollsoldaten an der Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland sind verschwunden. Die Zerstrittenen haben sich einander angenähert.  Laut einer Umfrage würden jetzt rd. 20 Prozent der nordirischen Katholiken für den zuvor aufgezwungenen Verbleib bei der britischen Krone votieren.
Wohl auch aus wirtschaftlichen Gründen. Nordirland mit dem Pfund Sterling steht besser da als die Irische Republik mit dem Euro. Daher zeigt sich Londonderry jetzt als eine hübsche Stadt mit guten Restaurants und einem gepflegten historischen Stadtkern.


Londonderry, Peace Bridge. Foto: Ursula Wiegand

Zum Zeichen der Versöhnung ist vor allem die am 25. Juni 2011 eröffnete „Peace Bridge“ (Friedensbrücke) geworden, die den Fluss Foyle in kühnem Schwung überspannt. Wie die Segel zweier Yachten, die stromauf- und stromabwärts schippern, wirken die beiden schrägen,  himmelwärts verlängerten Pfeiler. Schon mehr als 1 Million Menschen sind über diese Brücke gegangen, und wegen der Kulturhauptstadt-Festivitäten wächst ihre Zahl ständig.   


Londonderry, Colmcilles Rückkehr in 2013. Foto: Ursula Wiegand

Selbst  St. Colmcille (521-597), auch Columb oder Columba (die Taube) genannt, ist gekommen, der Gründer von Derry und mehrerer Klöster in Irland und Schottland, Er ist der gemeinsame Schutzpatron beider Konfessionen und gehört zu den sog. 12 Aposteln Irlands. Ihn aber bitte nicht mit St. Columbanus (543-615) verwechseln, der zusammen mit St. Gallus am Bodensee (St. Gallen) sowie in Italien und Frankreich missionierte.
Colmcille/Columba, aus adliger Familie stammend, war lern- und literaturbegierig. So sehr, dass er heimlich Psalmen seines Lehrers St. Finian kopierte. Der forderte die Kopien zurück, und es kam zum ersten Plagiatsprozess der Geschichte.


Londonderry, katholische St. Eugene’s Kathedrale, Columba-Fenster. Foto: Ursula Wiegand

König Diarmait traf folgende Entscheidung: “Jeder Kuh ihr Kalb und jedem Buch seine Kopie.” Colmcille musste die Abschrift an Finian zurückgeben, doch bald brachen ihretwegen Kämpfe aus. Er siegte und erhielt das kopierte Buch zurück, das den Beinamen „Battle Book“ (Kampfbuch) erhielt. Doch er bereute die zahlreichen Toten, die Opfer dieses Streits geworden waren.
Zur Buße ging Colmcille 563 ins Exil. Sein Schiff landete auf der schottischen Insel Iona. Dort gründete er ein Kloster, das wegen seiner literarischen Werke bald berühmt wurde. „Colmcille war ein Mann der Künste,“ betont Ken Mc Elroy, unser Reiseführer. Überdies hatte seine Tat auch ihr Gutes. Während das Original der Psalmen verloren ging, blieb die Abschrift erhalten und gehört nun zu den Schätzen der Royal Irish Academy.  (Übersetzt nach den Internet-Nachrichten der Gemeinde Knocklyon auf Iona).
Nun – 1450 Jahre nach seinem Weggang – ist Colmcille/Columba nach Derry zurückgekehrt – in einer höchst gekonnten,  dreitägigen Darbietung. Frank Cottrell Boyce, der das Skript für die fabelhafte Eröffnungsfeier der Londoner Olympiade in 2012 verfasste, hat zusammen mit der Gruppe „Walk the Plank“ sowie weiteren Künstlern diese spektakuläre Show entworfen.


Londonderry, Foyle-Fluss mit Loch Ness Monster. Foto: Ursula Wiegand

Und alle haben mitgemacht, nicht nur Professionals, sondern ganz Derry, Große und Kleine und mit ansteckender Begeisterung. Eine Stadt im fröhlichen Ausnahmezustand bis in die Nacht, mit Menschenmassen auf der Peace Bridge und auf der Promenade am Fluss.
Colmcille und einige Mitstreiter kamen per Motorboot und musste vorher – gemäß der Legende – noch einen Kampf gegen das Feuer schnaubende Ungeheuer Loch Ness bestehen. Fabelhafte, bejubelte Bilder.


Londonderry, Menschenmassen vor der Guildhall. Foto: Ursula Wiegand

Die „Mönche“ brachten eine große Holzkiste mit, deren Geheimnis tagsdarauf  vor der frisch restaurierten Guildhall, dem 1887 erbauten Rathaus, dem Stolz der Stadt, gelüftet wurde. Wieder ein Riesenandrang, und viele standen oben auf der Stadtmauer, um alles genau zu sehen, den Stepptanz einer munteren Herrengruppe und das Öffnen der Kiste.


Londonderry, Colmcilles heutiges Buch. Foto: Ursula Wiegand

Ihr erstaunlicher Inhalt: ein Buch mit leeren Seiten, die ein Künstler geschwind mit Zeichnungen füllt. „Here comes the summer“, steht oben rechts, darunter eine Stadtskizze, links St. Colmcille. Der schaut sich nun an, was in den 1.450 Jahren aus seiner Stadt geworden ist.
Die weiteren Seiten sollen nun die Bewohner füllen, mit Geschichten aus ihrer nun friedlichen Stadt. Einer Stadt, deren komplett erhaltene Stadtmauer mit den 4 Toren trotz der alten Kanonen nicht mehr dem Schutz gegen Feinde dient, sondern als Spazierweg mit Aussicht.


Londonderry, Stadtmauer und St. Eugene’s Kathedrale. Foto: Ursula Wiegand

Der Blick fällt auf die neugotische katholische St. Eugene’s Kathedrale, errichtet nach einer weltweiten Spendensammlung und 1873 geweiht. Der Grundstein des Vorgängerbaus von 1164 ist noch erhalten. Zu den Details des von 1984-89 total renovierten Gotteshauses gehören eine schöne Rosette und insbesondere das Columba-Fenster.


Londonderry, St. Columb’s Kathedrale. Foto: Ursula Wiegand

Wesentlich berühmter ist jedoch die ihm geweihte „St. Columb’s Cathedral“, errichtet 1628-1633. Dort wurden am 9. Juni unter der Leitung von Shaun Ryan die „Columba Canticles“ uraufgeführt. Eine Komposition von Laurence Roman, bestehend aus lateinischen Teilen (Kyrie, Gloria, Sanctus und Agnus Dei) und Versen von Sam Burnside. Ein eindrucksvolles, stark applaudiertes Werk. Ganz selbstverständlich musisieren hier protestantische und katholische Christen gemeinsam, darunter auch viele junge Menschen.


Londonderry, St. Columb’s Kathedrale, Sängerin. Foto: Ursula Wiegand

In einer Stadt, wo 40 % der Bevölkerung unter 25 Jahre alt sind (!), wo Musik in den Schulen gepflegt wird und schon Dreijährige Musikunterricht erhalten, verwundert das nicht, verdient aber großen Respekt. Die Iren lieben Musik, nicht nur als Zuhörer. Sie singen und fiddeln selber, gerade in Derry.


Londonderry, A Summer of Music, Plakat. Foto: Ursula Wiegand

Das nächste Großereignis läuft bereits: „A Summer of Music“ (14.-28. Juni) mit internationalen Musikgruppen. Insbesondere am 21. Juni verwandelt sich Derry in eine wahre Musikstadt. Highlight ist der Auftritt von „Buena Vista Social Club“ (in der jetzigen Formation).


Londonderry, Irisches Festival, 11.-18. August. Foto: Ursula Wiegand

Ein Festival mit Irischer Musik folgt vom 11.-18. August. Ebenso intensiv feiert die Stadt vom 28. November bis 1. Dezember das magische Fest „Lumiere“.
Einem weiteren Ereignis im Kulturhauptstadtjahr sieht Londonderry mit ebenso großer Freude entgegen: Erstmals wird hier außerhalb Englands der Turner-Preis verliehen, mit dem Werke von Künstlern unter 50 Jahren ausgezeichnet werden. Auch das passt in diese Stadt mit ihren zahlreichen Galerien, die sehenswerte Ausstellungen präsentieren. Flaggschiff  für zeitgenössische Kunst ist das „VOID“ in der ehemaligen „Shirt Factory“ (Hemdenfabrik), einem historischen Backsteinbau. Bis zum Jahresende wird dort u.a. die frühere Hemdenherstellung thematisiert.


Londonderry, Ebrington-Kaserne, Kulturzentrum statt Militärbasis. Foto: Ursula Wiegand

Für alle diese Events hat man gerade die ehemalige Ebrington-Kaserne, eine Militärbasis in den beiden Weltkriegen, zu einem Kultur- und Freizeitzentrum umgebaut. Genau zu diesem Bau schlägt die „Peace Bridge“ eine Brücke.
Eine Inschrift auf dem frisch geweißten Gebäude beschwört die Zukunft: „Let it be LegenDerry“. Londonderry will zur Legende für Frieden, Verständigung und Kultur werden. Mit Hilfe seiner engagierten Bürger ist die Stadt auf dem besten Wege, dieses Ziel zu erreichen und auch die Gäste mit Charme, Zugewandtheit, Musik und Kunst zu beglücken. 


Giant’s Causeway, Naturkunstwerk am Meer. Foto: Ursula Wiegand

Darüber hinaus aber auch mit einem rund 80 km entfernten Naturkunstwerk, dem „Giant’s Causeway“ an der Küste. Kraxelkünste am Meer sind dort angesagt.

Ursula Wiegand

Auskünfte mit Urlaubsberatung und Broschüren bei der Irland-Information unter Tel. 0049-(0)69-66800950, Mo-Fr. 11-17 Uhr sowie auf Deutsch unter www.tourismireland.com. Direktflüge mit Aer Lingus  (www.aerlingus.com) von Berlin, Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg, Stuttgart, München und Wien nach Dublin. Ab dort rd. 3-stündige Autofahrt. Mitten im Zentrum, nur wenige Schritte von der Guildhall und der „Peace Bridge“ entfernt, befindet sich das 4-Sterne-Cityhotel (www.cityhotelderry.com)  (Infos: Ursula Wiegand)

 

 

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