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LONDON/ Dresden – das ROH im Kino: Live aus dem Royal Opera House London: „LA FILLE MAL GARDÉE“ – EIN KÖSTLICH-HEITERES HANDLUNGSBALLETT

07.05.2015 | Ballett/Tanz

Live aus dem Royal Opera House London: „LA FILLE MAL GARDÉE“ –  EIN KÖSTLICH-HEITERES HANDLUNGSBALLETT 5.5.2015

 

Außer den großen abendfüllenden Handlungsballetten wie „Schwanensee“, „Dornröschen“, „Giselle“ usw. gibt es noch eine Menge guter Handlunsballette, die wenig bekannt sind. Dazu gehört „La Fille mal gardée (Die schlecht behütete Tochter)“, eines der ältesten klassischen Ballette, die es aus dem 18. Jh. bis in unsere Zeit geschafft haben und immer wieder im Repertoire der großen Ballettkompanien auftauchen.

Es war das erste Ballett, bei dem bereits im 18. Jh. anstelle von Göttern und Mythen eine realistische Handlung aus dem Dorfleben auf die Bühne kam. Fast überall in Europa wurde es aufgeführt, u. a. in London, öfters in Frankreich, aber auch in Monte Carlo, Lüttich, St. Petersburg, New York und Havanna, im Original (nach Jean Dauberval) oder mit neuen Choreografien, u. a. von Marius Petipa, Alicia Alonso und Oleg Winogradov, mit und ohne Bearbeitungen der Musik. Fanny Elssler, Anna Pawlowna, Bronislava Nijinska, Rudolf Nurejew u. a. tanzten die Hauptrollen. In England ist dieses Ballett auch heute noch überaus beliebt, in Deutschland aber wenig bekannt (die Besucher der Semperoper lernten es in den 1990er Jahren kennen).

 Die 1960 für das Londoner Royal Ballet geschaffene, köstlich humorvolle Choreografie von Frederick Ashton löste jetzt nicht nur im Royal Opera House in London, sondern im Rahmen der Live-Übertragungen neben vielen Städten weltweit, auch im Ufa Kristallpalast in Dresden, einen wahren Sturm der Heiterkeit aus. Die von den Tänzerinnen und Tänzern des Royal Ballet perfekt umgesetzte witzig-spritzige Choreografie voll köstlichen Humors und umwerfender Komik dürfte selbst einem Kunst-Philister manches Lächeln abgetrotzt haben.

 Die weniger anspruchsvolle, aber sehr liebenswürdige Musik des französischen Komponisten Ferdinand Hérold (1791-1833) wurde von Ashton in ein Feuerwerk überaus witzig-spritziger Episoden einer liebenswürdig unbekümmerten Handlung umgesetzt. Ashton liebte das Landleben und schaute den Dorfbewohnen manch typische Verhaltensweise ab, um sie nicht ohne Augenzwinkern tänzerisch mit realistischen Details und einem Hauch von Fantasie umzusetzen, wobei jeder Schritt, jede Bewegung ein Angriff auf die Lachmuskeln ist. Man denke nur an das köstliche „Hühner-Ballett“ aus Balletttänzern in realistischen „Hühnerkostümen“ und die, schon wegen ihrer, in minutiöser Perfektion ausgeführten, Charakterdarstellungen der Hauptakteure. Als Publikumsliebling spielt ein leibhaftiges schönes weißes Ponny mit seidiger Mähne mit und bekommt als „Diva“ nach seinem Auftritt (in der Pause) einen sehr  speziellen „Blumenkorb“ mit Äpfeln, Möhren und Heu.

 Die Handlung wurde nach dem Original (Arrangement und Umarbeitung: John Lanchbery) leicht verändert und humorvoll zugespitzt. Aus dem reichen Müller Michaud, den die Bäuerin-Witwe Marceline mit ihrer Tochter Lise verheiraten möchte, wurde der wohlhabende Weingutbesitzer Thomas mit fürstlicher Lebensart, der seinen Sohn Alain (statt Nicaise), einen jugendlichen Depp a la Wenzel aus Smetanas „Verkaufter Braut“ mit Lise verheiraten möchte. Der von Mutter Marceline, um die Hochzeit festzumachen, bestellte Notar verheiratet in Unkenntnis Lise mit ihrem geliebten, aber armen Bauer Colin (vgl. Rossinis „Barbier von Sevilla“). Es gibt auch ein happy end, aber ohne dass sich – wie im Original – ausdrücklich etwas zwischen Marceline und Thomas anbahnen würde. Dieses Sujet ist aus heutiger Sicht nicht sonderlich aufregend, aber wie es umgesetzt wurde, schon.

 Das Orchestre of the Royal Opera House beteiligt sich unter der musikalischen Leitung von Barry Wordsworth intensiv an dieser Heiterkeit und wartete auch mit schönen Soli von Violine und Flöte und einem ausgiebigen Cellosolo auf. Lautmalerisch wurde zu Beginn die Abendstimmung im Dorf musikalisch eingefangen, zum Seufzen schön. Mit  realistischem Glockenläuten, Hühner-Gegacker und naturalistischem Gewitter ging es weiter. Zwischen der spritzigen Musik, witzig vom Orchester ausgeführt, Choreografie, Orchester und Tänzern gab es eine eingeschworene Gemeinschaft, wie sie nicht alle Tage vorkommt.

 Das Bühnenbild besteht fast ausschließlich aus ebenso witzig-spritzig gemalten und mit spitzer Feder gezeichneten Kulissen, aber welche Wirkung! Oberflächlich betrachtet, skizziert es eine gefällige, Handlung und Choreografie illustrierende Barockwelt mit ländlicher Idylle, Traditionelles, was immer ankommt. Mit deutlichem Augenzwinkern wird aber auch der leichte Verfall einer überholten Welt aus heutiger Sicht angedeutet, ohne weh zu tun.

 Natalia Osipova, die Primaballerina des Royal Ballet setzt als Lise auch hier ihre enorme Fußarbeit ein und schwebt mit außergewöhnlich vielen kleinen, schnellen „Trippelschrittchen“ auf Spitze über die Bühne, leicht wie eine Feder, dann kommen die Arme und schließlich der ganze Körper und ihre Mimik hinzu. Ihre gestrenge Mutter, die von ihrer Tochter immer wieder ausgetrickst wird, wurde, um die Komik zu erhöhen, von einem kräftigen Mann, Philip Mosley, gestaltet.

 Allgemein ist das Londoner Ballett sehr auf Fuß- und Beinarbeit und starken Gesichtsausdruck orientiert, die Stärke dieser Companie. Steven McRae begeisterte aber auch durch sehr schöne, hohe, weite Einzelsprünge und Sprungserien und die Osipova mit perfekten Pirouetten. Gemeinsam präsentierten sie gekonnte Hebefiguren, und das alles völlig konform mit der Musik.

 Mit umwerfendem Humor und sichtbarer Freude hauchte Paul Kay dem weltfremden, unerfahrenen Weingutbesitzers-Spross mit seinem dilletantischen Verhalten, bei dem er sich mehr auf seinen roten Schirm, als auf seine gute Erziehung stützt, Leben ein, eine großartige Tanzleistung, umwerfend humorvoll, urkomisch und liebenswert und trotz Überzeichnung nie grotesk, eben der feine englische Humor mit dem „gewissen Etwas“. Christopher Saunders tat ein Übriges als väterlicher Weingutbesitzer.

 Bei diesen großartigen Tanzleistungen gab es keine Ermüdungserscheinungen, weder bei den Tänzern, noch beim Publikum. Witzig, spritzig, quicklebendig ging es immer weiter. Mit Drive und ungeheurem Tempo war „alles im Fluss“ und mit immer neuen Situationen und Bildern herrschten (fast) 3 Std. lang (incl. 30 min. Pause) Witz, Heiterkeit und gute Laune, die der Mensch hin und wieder auch einmal braucht. Das verlangt, auch wenn es leicht aussieht, viel Können bei Musikern und vor allem den Tänzern. Das ist die heitre Kunst, die schwer zu machen ist.

 Man amüsiert sich auf liebenswürdige Weise über die Allüren der Dorfbewohner, ohne Überheblichkeit oder Hochmut. Sie nehmen dabei mit ihrer gutmütigen Art keinen Schaden. Es ist alles überhöht, aber in wohlwollender Weise – ein klassisches Ballett mit klassischem Spitzentanz als romantisches Handlungsballett in witzigen Kostümen aus der Biedermeierzeit, ganz aus heutiger Sicht, freundlich überspitzt, aber ohne grotesk zu wirken.

 Ingrid Gerk

 

 

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