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LÖRRACH/ Burgruine Rötteln: DER EINGEBILDETE KRANKE von Moliere

24.07.2016 | Theater

Lörrach – Burgruine Rötteln – Burgfestspiele Rötteln – Molière „Der eingebildet Kranke – Regie: Tom Müller   –  Besuchte Aufführung: 23.07.16

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 1966 gründeten ein paar Idealisten aus Lörrach einen Verein mit dem hehren Ziel auf der alt-ehrwürdigen Ruine der Burg Rötteln Freilicht-Theaterfestspiele durchzuführen. Unermüdlich hielten die Gründer an ihrer Idee fest und bewirkten eine Verbesserung der Zufahrt und der Parkplatzsituation und schufen in unmittelbarer Nähe der Gartenwirtschaft im Innern des Gemäuers eine Bühne. Es zogen nach der Vereinsgründung weitere zweieinhalb Jahre ins Land, bis dann im September 1968 das aus der Feder von Gründungsmitglied Dr. Erhard Richter stammende historische Spiel „Markgraf Ernst und der Bauernaufstand von 1524/25“ zur Aufführung gelangte. 43 Rollen galt es da zu besetzen. Dies liess sich aus den Ensembles der historischen Szenen, welche 1965 und 1967 in Grenzach aufgeführt wurden, leicht bewerkstelligen. Schon früh bewegten sich die Burgfestspiele vom regional-historischen Inhalt ab und brachten Klassiker und moderne Werke zur Aufführung. So reichten sich Goethe, Shakespeare, Anzengruber, von Eichendorff, Dürrenmatt und Brecht – um nur einige zu nennen – auf der Ruine die geschichtsträchtige Türklinke.

2012 betraute der Vorstand der Burgfestspiele den Hamburger Regisseur, Schauspieler, Schauspiellehrer, Autor und Filmemacher Tom Müller mit der Regie von Shakespeares „Sommernachtstraum“. Müller ist ein Vollblutkünstler mit dem ehrgeizigen Ziel ein Theater und diejenigen, welche darin mitwirken weiter zu bringen. Der hanseatische Tausendsassa verjüngt gerne und setzt Schauspieler gerne in Rollen ein, welche für sie eben nicht typisch sind – und versteht es mit klaren Anweisungen und bärbeissigem Humor die Akteure zu unterstützen und zum Erfolg zu führen. Klar, dass es nicht lange dauerte, bis Tom Müller auch die Burgfestspiele einer Verjüngungskur unterzog.

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Oliver Kugel, Martin Klaubend, Philipp Borghesi (Foto: Michael Hug)

Und deshalb können die Burgfestspiele heuer mit einem frisch-verspielten entstaubten Klassiker das Publikum begeistern: Molières „Der eingebildet Kranke“. Regisseur Müller hat das Stück sorgfältig bearbeitet und auf die Verhältnisse der Burgruine zugeschnitten. Auf der Bühne (Bühnenentwurf: Gilbert Rottmann) steht in der Mitte ein riesiges Bett, rechts ein Stehpult, auf welchem die merkwürdigen Rechtsgeschäfte abgewickelt werden. Müller lässt die Agierenden nicht nur den Text runter rattern sondern führt sie geschickt durch das Geschehen und macht dabei so manches, was man zwischen den Zeilen herausliest, bzw. -hört, sichtbar. Zusätzliche Hinweise erhält der Theaterbesucher bei der Lektüre der witzigen Texten – von Tom Müller – im informativen Programmheft, welches den Besuchern kostenlos ausgehändigt wird.

Auch bei der Besetzung der einzelnen Rollen stellt Tom Müller sein geschicktes Händchen gekonnt unter Beweis. Kathrin Kästner, welche als Dr. Malice de Bouffon moderierend durch den Abend führt, stellt ihr kabarettistisches Talent unter Beweis und sorgt für kräftige Zwerchfellkitzler – um dann dem Zuschauer das Lachen im letzten Moment noch im Halse stecken zu lassen. Wann gibt es den ersten Soloabend mit dieser talentierten Komödiantin?

Oliver Kugel gibt als Argan einen schlitzohrigen eingebildet Kranken, wirkt agil und gefällt durch lebendige Stimmgestaltung, komischer Mimik und hervorragend deutlicher Diktion.

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Anna Wendel, Karin Kolb (Foto: Michael Hug)

Mit grosser Spielfreude und unbändigem Temperament wirbelt Karin Kolb als spitzbübisch-raffinierte Toinette durch den Abend. Der Basler Künstlerin, welche auf eine beachtliche Laufbahn als Tänzerin zurückblicken kann, scheint diese Rolle auf den Leib geschrieben zu sein. Toinettes Gegenspielerin, Béline, Argans durchtriebene zweite Frau, wird herrlich heuchlerisch-verlogen von Nadja Rüsen dargestellt.

Jung, süss und über beide Ohren verknallt gerät Anna Wendel Argans Tochter Angélique. Regisseur Müller stellt die junge talentierte Schauspielerin vor eine besondere Herausforderung, in dem er „ihren“ Geliebten Cléante als „Hosenrolle“ mit Judith Nestler besetzt. Dank geschickt gewählter Kostüme (Elke Weth, Christine Krug) und gekonnter Maske (Corinna Vierthaler, Jasmina Di Pasquale, Anna Wendel) erscheint Frau Nestler als hübscher junger Mann und verpasst diesem zudem mit ihrer natürlichen, ungekünstelten Darstellung zusätzlichen jugendlichen Charme. Auch Apotheker Fleurant, welcher Klistiere aus echter Leidenschaft verabreicht, ist bei Melina Kiefer in allerbesten (Damen-)Händen.

Äusserst pfiffig und charmant wickelt Lydia Emmenecker als Angéliques Schwester Louison ihren Vater – und das Publikum – um den Finger.

Kurt Adlberger zählt zu den Urgesteinen der Burgfestspiele Rötteln: Seit 38 Jahren ist er schon dabei. Diese Erfahrung zahlt sich aus: Mit viel verschmitztem Witz meistert er den textlastigen Part des Béralde, dem Bruder des Titelhelden, gekonnt – und lässt dabei immer wieder seinen südbadischen Akzent durchblitzen.

Gerade so ruhig und souverän wie Adlberger gefällt Walter Huber, welcher vor kurzem seinen 90. Geburtstag feiert, als Notar de Bonnefoy.

Dr. Purgon, Argans Arzt, ist mit dem fernseh- und filmerfahrenen Niels Dreiser prominent und kraftvoll besetzt – selten so getobt! Herrlich!

Leonard Singler und KarlHeinz Rattka geben als leicht depperte und mindestens so unverschämte Diener Richard und Pierre ihr höchst vergnügliches Bühnendebut.

Ein Highlight für sich bilden Martin Klabund als Dr. Diafoirus und der Basler Jungschauspieler Philipp Borghesi als dessen Sohn Thomas. Weiss der grosartige Martin Klabund als durchtriebener Diafoirus dessen wahren (monetären) Absichten und Borniertheit geschickt und elegant intrigierend zu verbergen, so tritt sein Sohn Thomas polternd von einem Fettnapf in den anderen – und das gerät urkomisch. Philipp Borghesi verschmilzt mit der Rolle, nimmt jede Stimmung und Situation auf, sorgt mit seiner unvergleichlichen Mimik und Darstellung für eine Lachsalve nach der anderen – und verleiht dem tolpatschigen Arztsohn einen tragisch-komischen Touch – und macht Thomas dadurch zu einem eigentlich anrührenden Sympathieträger, dem man ein bisschen Glück durchaus gönnen würde.

Der Lörracher „Eingebildet Kranke“ ist die gelungene Zusammenarbeit zwischen Theaterprofis und Amateuren. Das Konzept geht auf: Die Zuschauerzahlen steigen, der Applaus dauert eine Ewigkeit, es finden sich vermehrt junge Leute im Publikum – und auf der Bühne. Tom Müller inszeniert höchst professionell, verlangt von seinen Darstellern einiges ab – und trägt somit wesentlich zur künstlerischen Weiterentwicklung eines jeden Darstellers und somit der Festspiele bei – was will man mehr?

Mit dem erfolgreichen Molière endet Tom Müllers Wirken bei den Burgfestspielen Rötteln. Gefragt nach dem „Anstelle-Von“ hält er es wie Loge in Wagners „Rheingold“: „Bedenken will ich’s – wer weiss, was ich tu …“ und signalisiert damit Offenheit für alles …

Michael Hug

 

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