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LINZ/Landestheater: SCHWANENSEE – DORT, WO WIR NICHT SIND. Premiere

18.10.2015 | Ballett/Tanz

Premiere des Landestheaters Linz im Musiktheater am 17. Oktober 2015

Schwanensee – dort, wo wir nicht sind

Ballett von Mei Hong Lin, Musik von Peter I. Tschaikowsky

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Foto: Tom Mesic

Das Gefühlsleben Peter Illjitsch Tschaikowskys war ohne Frage kompliziert – frühe Entfremdung von der Mutter, eine wahrscheinliche Schein- oder Therapieversuchsheirat, die lebenslange Freundschaft zu der auf Distanz bleibenden Nadeschda von Meck, daraus resultierend Schlüsse auf seine im heutigen Russland weit mehr als zu seinen Lebzeiten „unmögliche“ Homosexualität. Umso bizarrer, als Vladimir Putin in einigen Posen, die er gerne bildlich verbreiten lässt, recht gut in die Umgebung der Rockband „Village People“ gepasst hätte… Einige russische Künstlerpersönlichkeiten, die auch im Ausland diese finstere politische Linie vertreten, hindert sie aber nicht daran, achtbare bis maßgebliche Interpretationen der Werke Tschaikowskys zu liefern. Einerseits fast lachhaft, andererseits aber doch auch eine Parallele zur Zerrissenheit des Komponisten, die sich aus dem hier titelgebenden Satz „Es ist immer dort schöner, wo wir gerade nicht sind.“ in seinem Tagebuch des Jahres 1873 ablesen läßt. Dieser Satz läßt sich natürlich nicht nur örtlich, sondern auch zeitlich interpretieren, gerade bei einem großen Romantiker wie Tschaikowsky.

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Foto: Tom Mesic

Intendant Dr. Rainer Mennicken gestand ind er Premierenfeier, dass er dem Plan seiner Ballettchefin Mei Hong Lin, das Leben Tschaikowskys anhand der Schwanensee-Musik darzustellen, skeptisch gegenüberstand. Aber – ihr verstorbener Vorgänger, Jochen Ulrich, hatte einige biographische Choreographien mit großem Erfolg in Linz aufgeführt, und so verfing ihre Idee schließlich doch. Mit der Unterstützung der Dramaturgin Ira Goldbecher wurde schließlich eine Geschichte entwickelt, die ganz konventionell mit der Kindheit des Komponisten beginnt; seine Mutter entgleitet ihm, er muß sich als Heranwachsender ohne familiäre Stütze selbst finden; ein weißer Schwan hilft ihm dabei. Schon bei Festen unter Studenten in Moskau entsteht der Eindruck, seine pas de deux mit Burschen funktionieren besser als mit Mädeln… Die doch erkorene Gattin Antonia empfindet er aber bald als Bedrohung, als „schwarzen Schwan“, und verstößt sie. Sie wird später dem Wahnsinn verfallen. Trost Ermutigung und Unterstützung nach dieser Krise findet er jedoch bei den weißen Schwänen und ihrer Eleganz.
Im zweiten Teil des Abends sieht man Tschaikowsy als ruhelos Reisenden, im Kreise seiner Männerfreunde, als erfolgreichen Dirigenten; er hat eine Vision des Selbstmordes seiner Mutter, bevor er selbst von den schwarzen Schwänen eingeholt wird. Im Tode umringen ihn wieder die weißen Schwäne und verhelfen ihm und der Aufführung mit der finalen Wendung des Hauptthemas zu Dur zu einem apotheoseartigen Schlußbild. Freilich, manches lässt sich besser verstehen, wenn man im Programmheft den Abriss der Handlung durchliest, aber die Choreographie und deren Ausführende sind klar genug, um den Abend auch rein aus der Darstellung heraus zu begreifen.

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Foto: Tom Mesic

Das Bühnenbild von Dirk Hofacker besteht aus zahlreichen dreieckigen Säulen, deren Oberflächen als Paravent, als Projektionsfläche oder als Spiegel dienen können, und die auch verschoben werden können, um unterschiedliche Räume zu schaffen. Dekorationsstücke gibt es wenige – einige überdimensionale Mohnblumen, einen Tisch, mitunter mit draufgestellter Badewanne. Was aber mittels der Säulen an Bedrohungen, Farbstimmungen und Spiegeleffekten geschaffen wird, ist großartig: neben Effekten wie einer gespiegelten Vervielfältigung der Schwäne, die alleine schon den Raum auflöst, gibt beispielsweise es eine Beleuchtungstechnik, die den Bühnenboden auf die Säulen reflektiert, samt den (in dem Fall zwei) Tänzern als gedoppelte Schattenfiguren (Visuals Valentin Huber).
Die Kostüme von Bjanka Ursulov entsprechen der Zeit der Handlung, also lang, wallend und vielteilig – und doch müssen sie gleichzeitig so gestaltet sein, daß Tänzerinnen und Tänzer volle Bewegungsfreiheit haben: ein höchst schwieriger Spagat, der aber geschafft wurde.

Die Tänzerinnen und Tänzer (Ensemble, im Falle der Kinder Schüler der neuen „oö. Tanzakademie“) agieren ausnahmslos aufregend perfekt, emotionell, akrobatisch, elegant: Mutter Nuria Gimenez Villarroya, Peter als Kind Richard Eggers, Weißer Schwan Wout Geers, Peter Iljitsch Tschaikowsky Valerio Iurato, Alexandra als Kind Paula Kernreiter, Modest als Kind Ilvy Hulan, Alexandra Rie Akiyama, Bruder Modest Pavel Povrazník, Lew Dawydow Damián Cortes Alberti, Neffe Bobyk Ohad Caspi, Nadescha von Meck Anna Štĕrbová, Alexej Apuchtin Jonatan Salgado Romero, Antonia (Mme. Tschaikowsky) Andressa Miyazato, Anton Rubinstein Sakher Almonem, weiters Lara Bonnel Almonem, Ines Fischbach, Stefanie Pechtl, Rutsuki Kanazawa, Chiung-Yao Chiu, Shang-Jen Yuan, Yu-Teng Huang; einige der vorgenannten Solotänzer übernehmen auch weitere Ensemblerollen. Der einzige Wunsch, der offen bleibt, ist, wenigstens bei den kleinen Schwänen, ein bisschen Spitzentanz… Trotzdem: wenn auch Petipa und Iwanow, Fonteyn und Nurejew abwesend sind – die Umdeutung in Tanztheater gänzlich anderen Inhaltes und Charakters gerät aus einem Guß, und die höchst delikate Verwendung der Musik mit ihrem emotionellen Gehalt auf eine neu geschaffene Handlung (bzw. umgekehrt…) funktioniert perfekt.

Wenn man einen Mitwirkenden – fast ungerechterweise – hervorheben soll, dann muss man Valerio Iurato nennen, der in der Hauptrolle fast die ganzen knapp 90 Minuten netto-Aufführungsdauer auf der Bühne ist, und dabei eigentlich nur in den vorletzten Minuten, als ihn die schwarzen Schwäne überwältigt haben, „tot“ und bewegungslos sein darf. Und auch Frau Miyazato mit ihrer aufregenden Darstellung der vergeblichen Ehefrau des Komponisten fällt unter den vielen tollen Leistungen noch besonders auf.

Ingo Ingensand läßt das Bruckner Orchester perfekt aufspielen – von zartest gewebten lyrischen kleinen Ensembles bis zu prachtvoll aufrauschenden Tutti, auch letztere fein durchhörbar. Die Musik ist wohl so ziemlich die bekannteste Orchesterliteratur, kommt aber gänzlich frisch, spannend und bewegend aus dem Orchestergraben. Unter den vielen tollen Einzelleistungen seien die virtuosen Violinsoli von Konzertmeister Tomasz Liebig hervorgehoben.
Begeisterter Applaus für die Ausführenden, wenn auch einige Buhs für das Produktionsteam zu hören sind.

H & P Huber

 

 

 

 

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