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LINZ(Brucknerhaus/Großer Saal: „#EINS Rhapsody in Blue“ – Konzert unter Wayne Marshall, an der Solovioline Maria Ioudenitch

31.10.2026 | Konzert/Liederabende

Linz: „#EINS Rhapsody in Blue“ – Konzert im Brucknerhaus Linz, Großer Saal, 30. 10.2026

Konzert mit dem Bruckner Orchester Linz unter Wayne Marshall, an der Solovioline Maria Ioudenitch

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Franz Joseph Labmayr, Sarah Bruderhofer, daniel Hochreiter auf der ronten Cpuch. Fot: Petra und Helmut Huber

Auch in dieser Saison gibt es 45 Minuten vor Konzertbeginn die Rote Couch:  Der künstlerische Direktor des BOL Daniel Hochreiter spricht diesmal mit dem (bei der „Rhapsody“ besonders exponierten) Klarinettisten Franz Joseph Labmayr und der Kontrabaß-Stimmführerin Sarah Bruderhofer. Die (sehr motivierende) Arbeit mit dem heutigen Gastdirigenten wurde besprochen, ferner die Entstehung von George Gershwins „Rhapsody in Blue“ als förmliche Erpressung durch den Tanzmusik-Großunternehmer und -Innovator, Paul Whiteman. Schlußendlich führte diese zu einem in wenigen Wochen geschriebenen, epochemachenden Werk und unvergänglichem Ruhm des Komponisten weit über sein ursprüngliches Operetten/Musical-Metier hinaus. Von Herrn Labmayr erfuhren wir die quasi aus einem Scherz geborene Entstehung des berühmten Eröffnungsglissandos. Und außerdem hörten wir, daß der britische Gast des Abends nicht alleine Dirigent, sondern auch Orgelvirtuose von Graden ist – der sich sehr darüber freute, als ihn Mag. Hochreiter während des einwöchigen Probenaufenthaltes in Linz nach St. Florian brachte, wo er auf der Bruckner-Orgel spielen konnte.

Der Abend wurde mit Maurice Ravels Ma mère l’oye eröffnet. Ursprünglich für Klavier zu vier Händen, hier als Ballett-Suite (Marnat 60) von 1912. Ravel ließ sich durch Märchen aus der gleichnamigen Sammlung Charles Perraults wie La belle au bois dormant (später bei den Grimms Dornröschen) und aus anderen Quelle (Jeanne-Marie Leprince de Beaumont – La belle et la bête, Gräfin von Aulnoys Märchensammlung) inspirieren. Die Suite hat 11 Teile, davon ein Vorspiel und drei Zwischenspiele.

Schon vom ersten Ton an stellt sich eine berückende Atmosphäre ein – schwebend, elegant, bei aller Präzision doch warm und verbindlich: auch wenn 68 Damen und Herren am Musizieren sind, eben eine wahre Märchenstunde, die mit dem 6. Hauptstück, dem „Feengarten“/„Le jardin féerique“ einen feinziselierten und phantasieanregenden Schluß findet. Lautstarker Applaus.

Etwas spröder, aber keineswegs weniger kunstfertig der nächste Programmpunkt: auch wenn Leonard Bernstein mit 25 Jahren plötzlichen und anhaltenden Ruhm als Dirigent fand, war er und sah er sich doch lange hauptsächlich als Komponist. 1954 schrieb er eine Serenade, die er anhand Platos „Sympósion“ entwarf, für Violine, Streicher und Perkussion – Holzbläser (vorschriftsmäßig mit den Hörnern) verlassen die Bühne; es verbleiben die 50 Streicher, Harfe und das satte Schlagwerk, zwischen dessen Positionen die Musiker oftmals wechseln, man hat fast den Eindruck eines „Reise nach Rom“-Spieles.

Inwiefern diese Musik mit der Erotik zu tun hat, mit Diotima oder mit den Kugelmenschen? Da klingelte nichts bei uns. Was aber Bernstein 1954 sicher geschafft hat: ein Werk zu schreiben, das an Orchester und Solovioline unglaubliche Anforderungen stellt, und rein von seiner Struktur her extrem spannend und vielgestaltig ist. Solistisch brilliert Frau Ioudenitch, die in Russland geboren und in den USA aufgewachsen ist und ausgebildet wurde, mit atemberaubender Präzision auch bei den schwierigsten Passagen. Also, Bernstein war da sehr mutig und/oder hatte einen (auch sich selbst gegenüber) extrem anspruchsvollen violinistischen Berater… Jedenfalls: im 17. Jahrhundert, als die Amati-Geige der Solistin gebaut wurde, kannte man solch fordernde Literatur noch nicht.

Der enthusiastische Applaus wird mit einem erneut verblüffend anspruchsvollen Werk bedankt: Fritz Kreislers „Recitativo und Scherzo-Caprice: presto e brillante“ op. 6, die, ganz anders als seine bekannten süßen Viennoiserien, sehr „modern“ geschrieben sind und damit auch sehr gut charakterlich an Bernsteins Serenade anschließen. Und die Solistin unterstreicht damit noch einmal gründlich, weshalb sie so gut wie alle Violinbewerbe der letzten Jahre gewonnen hat.

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Schlussapplaus „Serenade“. Petra und Helmut Huber

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In der Pause wird ein deckelloser Flügel in die Mitte des Podiums gebracht, und die Bestuhlung für 78 Orchestermitglieder gestellt – also dreimal so viel, wie Paul Whiteman zur Uraufführung der Rhapsody 1924 in der Aeolian Hall in der 42. Straße Manhattans, beim entzückenden Bryant Park, auf die Bühne brachte: es wird die Fassung für Symphonieorchester von Ferde Grofé verwendet, entstanden 1942, 5 Jahre nach Gershwins Tod. Wayne Marshall dirigiert vom Klavier aus, spielt das notierte Solo und schiebt Improvisationen ein.

Der Einstieg mit der Soloklarinette gelingt vorzüglich, und dann setzt das Orchester ein – zweifelsohne im passenden Idiom, verglichen etwa mit der zweiten, elektrischen Plattenaufnahme Whitemans mit Gershwin von 1927. Das aber ist zwar vielen im BOL auch von Diensten bei klassischen Musicals vertraut, nichtsdestoweniger hat der Dirigent erfolgreich einiges nachgeschärft und fürs gesamte Orchester koordiniert: alle swingen!! Das Publikum läßt sich gerne anstecken.

Dann die Soli: Marshall verwendet Themen aus Orchester- wie Klavierpart. Zuerst baut er seine Improvisation stilistisch zwischen Ellis Larkins und Oscar Peterson auf; beim zweiten Einstieg läßt er die linke Hand bisweilen „hatschen“, in der Art von Erroll Garner. Über seine fantasiereichen und unterhaltsamen Soloeinstiege vergißt er aber niemals, das Orchester in Rhythmus und Spannung zu halten.

Nochmals Begeisterung – und Wayne Marshall beantwortet diese mit einem Ständchen für das 1966 „getaufte“ Bruckner Orchester: über „Happy Birthday to You“ von Mildred J. Hill improvisiert er an der Orgel mit Verve, Vergnügen und dynamischer Wucht. Einfach toll!

Und noch einmal Leonard Bernstein: Fancy Free, Ballett-Suite von 1944 – daraus wurde bald das Musical „On the Town“, 1949 (mit Frank Sinatra und Gene Kelly) auch verfilmt. Noch einmal glänzen Orchester und Dirigent mit Spannung, komplexen Rhythmen, fast körperlich fühlbarem Großstadtgetriebe, Präzision und tänzerischer Lebendigkeit und machen das Material, das noch nicht so populär geschrieben ist wie das des Musicals, zu einem bunten und fantasievollen Vergnügen.

Erneut tosender Applaus, fast 10 Minuten. Die Wiederholung des Konzerts im Wiener Musikverein findet heute, 31. Oktober, um 15:30 Uhr statt und zum Nachhören muß man am 10. November um 19:30 Uhr Ö1 aufdrehen – oder die ORF-Mediathek über www.oe1.orf.at bemühen.

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Schlussapplaus „Rhapsody“, Foto: Petra und Helmut Huber

 

Petra und Helmut Huber

 

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