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LINZ/ „Spinnerei“ im Kultur Park Traun: CASANOVA – Musical in zwei Akten von Friedrich Ch. Zauner, Musik von Andreas Neubauer. Uraufführung

14.02.2026 | Operette/Musical/Show

Linz: „CASANOVA“ – Uraufführung in der „Spinnerei“ im Kultur.Park.Traun, 13. 02.2026

Musical in zwei Akten von Friedrich Ch. Zauner, Musik von Andreas Neubauer

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Die „Spinnerei“. Foto: Petra und Helmut Huber

Der 1936 geborene Innviertler Schriftsteller, dessen Stücke weltweit gespielt wurden, und der als Romanautor keine Scheu vor der großen Form hatte („Das Ende der Ewigkeit“ – Tetralogie), interessierte sich auch für eine historische Figur, die sich ihre eigene Überlebensgröße erschaffen hatte: Giacomo Girolamo Casanova (1725 – 1798). Dessen Bekanntheit und Bedeutung resultierte nicht nur aus Charisma und einer guten Portion Unverschämtheit, sondern basierte auf umfassender Bildung und Intelligenz – und auch auf dem damals kursierenden Mythos vom freien (männlichen) Geist. Zauner hatte einen Entwurf für ein Musical über den Venezianer geschrieben und suchte einen Tonsetzer dafür. Dieser sollte in der zum Titelhelden zeitgenössischen Musik ebenso zu Hause sein wie in modernen Idiomen.

Einer der Angesprochenen war der 1959 in Linz geborene Pianist/Organist/Keyboarder, Komponist und Arrangeur Andreas Neubauer. Er wurde zu einem hearing nach Zauners Wohnort Rainbach bei Schärding eingeladen, wo man sich über Grießnockerlsuppe und Fleischlaberln künstlerisch einig wurde, was sich in Zauners Aussage: „ich glaub, mit Dir könnt das was werden!“ manifestierte.

Nur, das war vor COVID. Und obwohl Neubauer in der erzwungenen Ruhezeit rasche Kompositionsfortschritte machte, mußte eine Aufführung, auch wegen unvermeidlicher Textkürzungen, immer weiter hinausgeschoben werden. Schließlich verstarb Zauner im November 2022. Immerhin konnte er noch die fertige Partitur in Augenschein nehmen.

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Venedig-Souvenier. Foto: Petra und Helmut Huber

Die Handlung: Auf dem Weg zur letzten beruflichen Station, dem Schloß Dux in Böhmen, als Bibliothekar des Grafen Waldstein, macht Casanova Übernachtungshalt in einem kleinen Ort im Obderennsischen namens Traun. Sein Name ist ihm schon weit vorausgeeilt, und so zieht er Sehnsucht, Bewunderung und Neid auf sich. In deren Fokus gerät aber vorerst sein Sekretär und Diener, der für seinen Herrn gehalten wird und nach Aufklärung des Irrtums die wütende Enttäuschung der Irrenden kassiert. Der erste Akt schließt mit der Ratlosigkeit des Sekretärs „Was hat er, das ich nicht habe?“. Im zweiten Akt möchte Casanova eine Braut knapp vor ihrer Hochzeit verführen, was ähnlich schief geht wie die Avancen der Trauner Wirtin Katharina gegenüber dem irrtümlichen Giacomo im ersten Akt. Die Sache endet in einer zünftigen Schlägerei, bei der der Titelheld seiner Perücke (und damit seines Ansehens) verlustig geht. Seinem Sekretär diktiert er eine imagetaugliche Version der Geschehnisse für seine Memoiren, bevor man sich in Richtung Prag auf den Weg macht; begleitet von nicht nur freundlichen Abschiedsworten der Traunerinnen und Trauner und ein paar Gedanken über die „großen Verführer“, einschließlich einer großen Katharina als Verführerin.

Nun traf Casanova zur Zeit der Entstehung des „Don Giovanni“ DaPonte und Mozart; allerdings ist nachzulesen, daß Casanovas Anregungen dann doch nicht Eingang in die Oper fanden. Umgekehrt allerdings finden sich einige (wenn auch teils parodistische) Reflexe von Mozarts KV 527 in der Casanova-Konstruktion: deutliche Parallelen im Verhältnis Leporello/Sekretär zu Giovanni/Casanova, und auch Zerlina ist (samt Masetto) erkennbar. Daß Casanova Frauen oft als Marionetten oder Puppen in seinen Händen betrachtet, demonstriert eine Schwester der Offenbach/Hoffmann’schen Olympia. Aber das sind bei weitem nicht alle Witze… Handfester, aber nicht weniger lustig, wird es, wenn vom nächtlichen Treiben der Mäusefänger auf den Dächern berichtet wird: Gadsenporno?! Nein, nur der Verweis aufs Allzumenschliche. Das Buch ist im übrigen so strukturiert, daß der Handlungsort je nach Aufführungsort ausgetauscht werden kann – Casanova war schließlich so gut wie überall!

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Finale. Foto: Petra und Helmut Huber

Kompositorisch hat sich Andreas Neubauer einige Themen naheliegenderweise bei Vivaldi geholt, auch Bach und Händel klingen kurz oder länger („Lascia ch’io pianga“) an, ebenso der aus dem Attergau stammende Johann Beer (1655 – 1700). Aber aus Neubauers eigener Feder kommt trotzdem die wesentliche Linie: es gibt einiges an Freitonalem zu hören, aber auch so richtig saftigen Swing; Bossa Nova, Mambo und Son Cubano in harmonisch modernem Kleid stehen oft im Vordergrund, nebst einmal einem Tango, wie ihn Astor Piazolla nicht schräger und spannender „nuevisieren“ hätte können; das alles wohlgemerkt in nahtloser Verzahnung mit Text und dramatischer Situation – eine großartige, spannende Einheit! Auch die Balladen sind alles andere als platt, sondern immer handlungs- und textentsprechende Kunstwerke aus Emotion und einfallsreicher Komposition, weit weg von Kitsch & Klischee.

Die Aufführung war als „teilszenisch“ angekündigt (Dramaturgie und szenische Einrichtung: Karl Lindner, Choreographie, Regieassistenz und Organisation: Nicole Wegerer-Jeschke, Ton & Licht: Tom Szabo), wurde aber auch handlungsseitig spannend und ereignisreich präsentiert, auch mit vielen optischen gags. Kostümseitig wurde vieles nur – gelungen! – angedeutet, aber die Titelfigur erschien in schönster kompletter Rokoko-Montur. Auch die exzellenten schauspielerischen Individualleistungen der meist jungen Damen und Herren des Hard-Chores TNG (the next generation), Leitung Alexander Koller, trugen zum plastischen und überzeugenden szenischen Eindruck bei.

Die Idee Neubauers, für den Casanova einen Countertenor einzusetzen, ging vollkommen auf: der gebürtige Innsbrucker Bernhard Landauer, europaweit tätig in seinem Fach, lieferte eine restlos überzeugende Darstellung, stimmlich wie schauspielerisch, lyrisch wie dramatisch! Der jüngere Bruder des Komponisten, Thomas Neubauer (Deutsche Staatsoper, Berlin) war sein bassbaritonales Gegenstück, auch mimisch auf gleicher Höhe wie sein „Gebieter“. Katharina mit explosiver Bühnenpräsenz und prachtvoller Soulstimme: Maaike Schuurmans, Wienerin aus den Niederlanden. Als kommentierender, manchmal auch streitender oder soufflierender „Autor“ oder als polnischstämmiger Pfarrer lieferte der Trauner Musikschuldirektor Kurt Köller eine köstliche Leistung ab. Bedrängte Braut wie Aufziehpuppe war die präzise und unglaublich bewegliche Ann Mössner.

Der Komponist, der sich nicht als Dirigent dieser Produktion sieht, saß vor der Bühne am Keyboard (mitunter auch am Akkordeon). Im Bühnenhintergrund aufgereiht spielten: Christian Wirth und Wolfhart Schuster, Violinen; Peter Aigner, Viola; Stephan Punderlitschek, Violoncello, Didi Hollinetz, Kontrabass (mitunter auch e-Bass); Anne-Sophie Kolbeck an der Oboe; der großartige Jazzsolist Charly Schmid an diversen Saxophonen; Gerald Silber beherrschte Barock-, Natur- und Konzerttrompete sowie Flügelhorn; Posaune Philipp Buttinger, e-Bass Luise Neubauer. Überwiegend für den (mitreißenden!!) Rhythmus verantwortlich war Ewald Zach am Schlagzeug, assistiert von Herwig Stieger mit weiteren Perkussionsinstrumenten, vor allem im „Lateinsektor“.

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Schlussapplaus. Alexander Koller, Nicole Wegerer-Jeschke, Bernhard Landauer, Thomas Neubauer, Ann Mössmer, Andreas Neubauer, Maaike Schuurmans. Foto: Petra und Helmut Huber

Jubel und standig ovation für ein in allen Belangen gelungenes neues Werk. Nur (!) noch zweimal wird die Produktion aufgeführt: Sa 14. 2. um 20 Uhr, So 15. 2. um 18 Uhr.

Petra und Helmut Huber

 

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