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LINZ / Musiktheater: LIEDER FÜR EINE NEUE WELT

04.06.2021 | Operette/Musical
lieder neue welt

Das Ensemble. Foto: Landestheater Linz / Reinhard Winkler

LINZ:  Musiktheater Großer Saal: LIEDER FÜR EINE NEUE WELT

2. Aufführung in dieser Inszenierung

2. Juni 2021

Von Manfred A. Schmid

Songs for a New World, Jason Robert Browns erste Arbeit für die Bühne, 1995 an einem kleinen Theater in New York uraufgeführt, ist – aufgrund der Besetzung mit ursprünglich nur einer Handvoll Sängerinnen und Sänger und durch seine dramaturgischen Struktur, die ohne enge physische Interaktion auskommt – geradezu ideal für die Programmgestaltung in Zeiten von Covid. Kein Wunder also, dass dieses Musical, das eher einem szenisch angelegten Liederzyklus ähnelt denn einem üblichen Musical, im vergangenen Herbst u.a. nicht nur in Dortmund, sondern – unter der Ägide von Andrew Lloyd Webber – auch im Palladium in London herausgebracht worden ist. Die bewährte und höchst erfolgreiche Musical-Abteilung des Linzer Landestheaters hat nun mit ihrer deutsch gesungenen Version von Lieder für eine neue Welt (Übersetzung Wolfgang Adenberg) die wieder anlaufende Serie von Aufführungen vor Publikum am 19. Mai mit diesem Werk eröffnet.

Das Stück besteht aus einer Reihe von Nummern, die thematisch lose miteinander verknüpft sind. Jedes der sechzehn Lieder erzählt eine eigene Geschichte, ist also gewissermaßen eine Art Minidrama bzw. Minimusical für sich. Im Mittelpunkt stehen Personen, die an einem Wendepunkt angekommen sind: Wie geht es weiter? Geht es überhaupt weiter? Wohin geht es? Wie entscheide ich mich? Kann ich mich überhaupt entscheiden? Will ich mich denn entscheiden? Und vor allem: Wie steht es um meine Freiheit?

Das Publikum wird auf eine Zeitreise mitgenommen. Den räumlichen Hintergrund bildet der jeweilige Aufenthaltsort der handelnden Person(en), was aber keinerlei Aufwand bedeutet. Ein stattliches Baugerüst, das als Brücke fungiert, und ein oder zwei Plattformen genügen. In der Einleitung – „Die neue Welt“ werden durch die aktuelle Pandemie verursachte Herausforderungen in aller Welt angerissen. Die Personen treten in Schutzkleidung auf, in Videos ist zu sehen, wie in manchen Ländern mit den damit verbundenen Bedrohungen umgegangen wird, bis die Menschen  – auf der Flucht vor den Verhältnissen – auf ein Schiff drängen. Im Lied „Auf dem Deck eines spanischen Segelschiffs, 1492“ geht es aber – trotz der ominösen Jahreszahl – weniger um die historischen Auswanderer, z.T. Juden, die das Land verlassen mussten und sich mit Columbus auf dem Weg in die Neue Welt begeben, weil sie sich weigerten, ihrem Glauben abzuschwören. Simon Eichberger, von dem auch Choreographie, Bühnen und Illustrationen (raffinierte One-Liner-Zeichnungen) stammen, bringt in seiner Inszenierung stattdessen Filmsequenzen mit Flüchtlingen, vor allem kleine Kinder, die in Booten an Europas Außengrenzen ankommen und dort von Rettern in Empfang genommen werden. Wie es für die weitergehen soll, weitergehen wird, bleibt natürlich offen.

Alle Personen in den insgesamt 16 Liedern werden mit unerwarteten Herausforderungen konfrontiert und bewegen sich mehrheitlich in gegenwärtigen Dimensionen. So erkennt einer, dass gerade die Personen, die er liebt, ihn am meisten daran hindern, seinen eigenen Weg zu gehen. Ein junges Mädchen wird unerwartet schwanger, hofft aber, dass das Baby die Welt für sie retten werde. In weiteren Liedern geht um Gefängnisaufenthalt, Versöhnung und Trennung. Manche genießen ihr Vordringen in eine neue Welt, andere scheuen davor bang zurück. Der eine verlässt sich auf den Glauben, der andere hat ihn schon gänzlich aufgegeben. Eine junger Mann aus desolaten Verhältnissen – „von uns zehn sind schon sechs tot und drei im Gefängnis“ – ist fest davon überzeugt, ein Fußballstar zu werden (im Original natürlich ein Baseballstar). Es gibt auch hochdramatische, ans Pathetische rührende Episoden aus der US-amerikanischen Geschichte: Eine Frau bangt um ihren im Bürgerkrieg kämpfenden Mann und näht – zusammen mit anderen Frauen – an einer Art Quilt, der sich schließlich als US-Flagge (star spangled banner) entpuppt, mit dem dann der Sarg eines heimgebrachten GIs bedeckt wird. Ein Soldat – ob es der Mann der Frau ist? – hat zuvor bekannt, als Engel in den Himmel aufzusteigen. In „Nur ein Schritt“ droht eine Frau damit, sich von ihrem Apartment im 57. Stock in die Tiefe zu stürzen. Ob sie tatsächlich springen wird oder das Ganze nur inszeniert, um die Aufmerksamkeit ihres Mannes oder der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen?

Jede Nummer erhält eine eigene musikalische Gestalt und wird von einer fünfköpfigen Band unter der Leitung des Linzer Musicalchefs Tom Bitterlich, der selbst am Klavier ist, begleitet. Die Musik von Jason Robert Brown erweist sich als eine expressive, stark rhythmisierende Mischung aus Pop, Jazz und Gospel und Dance Floor. Musikalisch etwas aus dem zeitgenössischen Rahmen der effektvoll gemixten Gegenwartsklänge und Rhythmen fällt die originelle Geschichte der Mrs. Claus, die sich darüber beklagt, von ihrem Gatten, Santa Claus, der sich mehr mit seinen Rentieren beschäftigt und in Warenhäusern abhängt, permanent vernachlässigt zu werden. Das Lied „Surabaya Santa“ ist eine putzmuntere Parodie, man könnte es allerdings auch als Hommage auffassen, auf Kurt Weills Song „Surabaya Johnny“ aus dem Jahr 1929. Daniela Dett hat einen genussvoll und stark akklamierten Auftritt, aber auch die übrigen Mitglieder des hervorragend aufeinander eingespielten Musicalensembles des Landetheaters Linz – Christian Fröhlich, Judith Jandl, Hanna Kastner, Karsten Kenzel, Gernot Romic, Lukas Sandmann, Celina des Santos, Nina Weiß und Konstantin Zander – gestalten ihre Parts mit Bravour.

Lieder für eine neue Welt – Songs for a New World – heißt nicht unbedingt Lieder für eine bessere Welt. Der mit dem Tony Award ausgezeichnete Komponist und Librettist Jason Robert Brown, von Beginn seiner Karriere an von Stephen Sondheim gefördert und inzwischen eine Größe im New Yorker Musical-Business, nimmt keinerlei Wertungen vor.  Linz aber festigt mit dieser aktuellen, zum Nach- und Weiterdenken anregenden Produktion seinen Ruf als eine der drei führenden Musicalbühnen Österreichs

 

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