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LINZ/Musiktheater des Landestheaters: „WONDERFUL TOWN“ Musical in zwei Akten von Joseph Fields und Jerome Chodorov. Premiere

22.03.2026 | Operette/Musical/Show

Linz: „WONDERFUL TOWN“ – Premiere im Musiktheater des Landestheaters Linz, Großer Saal, 21. 03.2026

Musical in zwei Akten von Joseph Fields und Jerome Chodorov (Buch – nach deren und Ruth McKenneys Theaterstück „My Sister Eileen“), Betty Comden und Adolph Green (Gesangstexte) sowie Leonard Bernstein (Musik); Deutsch von Roman Hinze; mit deutschen und englischen Übertiteln

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Ensemble. Foto: Herwig Prammer

Nach „On the Town“ von 1944 war „Wonderful Town“ das zweite Musical von Bernstein, beide Male mit Comden & Green, beide Male über New York, beide Male anhand einer Gruppe von Besuchern der Stadt. Nur waren es nun statt Matrosen, die Landurlaub von ihrem Kriegsschiff hatten, eine Gruppe von Touristen, die sich das auch schon 1935 seltsamen Vögeln Heimat bietende Greenwich Village ansehen wollen. Zwei Schwestern, Ruth und Eileen aus Ohio, bleiben in der Stadt, und ihren weiteren Spuren folgen wir. Ein Schiff, wenn auch diesmal brasilianisch, spielt ebenso eine wichtige Rolle.

Broadway-Premiere war am 25. Februar 1953 und die deutschsprachige Erstaufführung am 9. November 1956 an der Wiener Volksoper in der Übersetzung von Marcel Prawy. 2016 war das Werk das erste Musical, das an der Staatsoperette Dresden, einem ehemaligen Kraftwerk, aufgeführt wurde, als Inszenierung des Linzer Musicalspartenchefs Matthias Davids mit der auch heute verwendeten Übersetzung. Dramaturgie: Arne Beeker.

Die heutige Inszenierung besorgte Felix Seiler. Er setzt auf große Show, von der das Werk einiges bietet, vor allem zum Schluß des ersten Teils, und in großen Teilen des 2. Aktes. Durchdacht auch die Personenführung. Aber die vielen Episoden des 1. Aktes, jede für sich durchaus sorgfältig und oft mit toller Choreographie (Danny Costello) gearbeitet, stehen irgendwie nebeneinander, sind nicht wirklich zu einem Handlungsbogen verwoben. Auch werden einige Komplexitäten in den Beziehungen (oder Nicht-Beziehungen) nicht hinlänglich klar szenisch aufgefächert. Abgesehen von den erwähnten großen Shownummern gelingen durchaus auch die Szenen, in denen die vielfältigen Möglichkeiten, in New York schriftstellerisch zu scheitern, beschrieben werden und wie die charmante Eileen die (durchwegs irischstämmige) Polizei zur Begeisterung bringt. Auch finden sich zwei kurze, sehr amüsante literarische Parodien (auf Ernest Hemingway und Jack Kerouac), motiviert durch die überambitionierte Autorin Ruth.

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Sarah Schütz und Ensemble. Foto: Herwig Prammer

Die Bühne (Hartmut Schörghofer) verweist immer wieder auf das New York der 1930er (und die in TV-Fassung auf youtube abrufbare Aufführung von 1953), beginnend mit dem Abendvorhang, der immer wieder aufwendige Umbauten im Hintergrund ermöglicht. Eingerahmt ist sie von einem Stück Metallkonstruktion, das an die einst hoch geführte U-Bahn im Meat Packing District, gleich neben dem „Village“, erinnert – die Kulisse für die legendäre Autojagd in „French Connection“. Michael Grundner erweckt das Szenario mit seinem Lichtdesign zu buntem Leben.

Der historisch immer sehr genaue Aleš Valášek ist wieder für die Kostüme verantwortlich, wie z. B. bei „Titanic“ oder „Sweeney Todd“. Auch diesmal hat er sich (und die Kostümwerkstatt!) erfolgreich angestrengt: nicht nur die Hauptfiguren sind historisch plausibel gekleidet (Ausnahme: die blauen Reflektorjacken der Touristengruppe), sondern auch die zahlreichen Damen und Herren von Chor (Einstudierung: Elena Pierini) und TANZ LINZ, noch dazu mit zahlreichen, oft schwindelerregend schnellen und umfänglichen Kostümwechseln: an Schauwerten bietet die Inszenierung ohne Frage viel!

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Gernot Romic und Ensemble. Foto: Herwig Prammer

Tom Bitterlich darf sich freuen, wieder einmal ein „symphonisch besetztes“ Musicalorchester (ca. 50 vorwiegend jüngere Mitglieder des Bruckner Orchesters), dirigieren zu dürfen; die Blechsektion ist mit 4 Trompeten und 3 Posaunen für Big-Band-Klang tauglich besetzt, wozu auch die 4 Saxophone beitragen. Es wird geswingt und ge-conga-t, daß einen das Tanzbein juckt, schon in der nicht szenisch bespielten Ouverture. Natürlich hat der Dirigent auch die sonstigen, oft sehr komplexen Rhythmen Bernsteins bestens im Griff, und die Koordination mit der Bühne ist makellos.

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Sarah Schütz, Patrizia Unger. Foto: Herwig Prammer

Ruth Sherwood wurde in der Uraufführung von Rosalind Russell, die über eine ausgeprägt fundierte Alt-Stimme verfügt, dargestellt. Sarah Schütz, die diese Rolle auch 2018 an der Wiener Volksoper (Regie: Matthias Davids) verkörperte, wird diesem Vorbild stimmlich absolut gerecht, und auch ihre tänzerischen und schauspielerischen Fähigkeiten sind beeindruckend. Ihre Schwester Eileen: der bewegliche – stimmlich wie körperlich! – Sopran Patrizia Unger, die in der selben Liga wie Frau Schütz agiert.

Robert Baker, Redakteur des „Manhatter“, ist, elegant und emotionell ehrlich, Max Niemeyer, stimmlich an sich sehr gut; allerdings stößt er bei einigen wenigen, für einen Bariton sehr hoch liegenden, Tönen an seine Grenzen. Sein wenig skrupulöser Konkurrent im Zeitungsgeschäft wie in Herzensdingen, Chick Clark, wird von Karsten Kenzel mit verschmitzt-schäbigem Charme dargeboten.

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Sarah Schütz, David Rodriquez -Yanez. Foto: Herwig Prammer

Hilfreicher Nachbar „The Wreck“ Loomis (und Danny): David Rodriguez-Yanez; der mitfühlende, aber schüchterne Drugstore-Leiter Frank Lippencott sowie Fremdenführer etc.: Gernot Romic. Schäbiger Vermieter und wenig erfolgreicher Maler ist mit Lust am schrägen Auftritt Alfred Rauch.

Jazzklubbesitzer Speedy Valenti, mit seinem silbern glänzenden Zoot Suit wohl nahe an Cab Calloway entworfen: der großartige Sänger und Tänzer Cedric Lee Bradley – ebenso an der WVO 2018 in dieser Rolle zu sehen, und auch bei uns in Linz schon öfter erfolgreicher Gast.

Joel Parnis übernimmt den Polizeibeamten John Lonigan und einige andere Rollen, Loomis‘ Freundin Helen Wade mimt Astrid Nowak mit großem komischen Talent, ihre Mutter ist Lynsey Thurgar. Appopolous‘ Mieterin vor den Sherwood-Schwestern und Berufskollegin von Violetta Valéry (naheliegenderweise) namens Violet: Alexandra-Yoana Alexandrova, stets aufregend gekleidet. In weiteren Rollen: Fabian Koller, Matthew Levick.

Eher höflicher Szenenapplaus, zum Schluß schon etwas kräftigerer Beifall, aber nicht unbedingt von Begeisterungsstärke; andererseits auch keine Mißfallenskundgebung. Der letzte Lacher gehörte dem Dirigenten: zum Schlußapplaus kletterte er über einen „Kanaldeckel“ aus dem Graben nach oben.

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Schlussapplaus. Foto: Petra und Helmut Huber

 

Petra und Helmut Huber

 

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