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LINZ/ Musiktheater des Landestheaters: METAMORPHOSEN – LE SACRE DU PRINTEMPS“ . Zweiteiliger Tanzabend von Mei Hong Lin. Premiere

27.10.2019 | Ballett/Tanz


Shang-Jen Yuan (Metamorphosen)- Foto: Sakher Almonem/Landestheater

Linz: „METAMORPHOSEN – LE SACRE DU PRINTEMPS“ – Premiere am Musiktheater des Landestheaters, Großer Saal, 26. 10.2019

Zweiteiliger Tanzabend von Mei Hong Lin

Musik von Richard Strauss und Igor Fjodorowitsch Strawinsky

 In weniger als zwei Monaten Abstand erschütterten im Frühjahr 1913 zwei heute geradezu mythisch gewordene Skandale die europäische Musikwelt: das Wiener „Watschenkonzert“ vom 31. März im Musikvereinssaal und die tumultöse Premiere von Sergej Diaghilevs Ballets Russes im nagelneuen Pariser Théâtre des Champs-Élysées am 29. Mai. Diese brachte ein neues Stück eines jungen russischen Komponisten namens Stravinsky in der alles andere als klassischen Choreographie von Vaslav Nijinsky zur Uraufführung. Waren des Komponisten erste beiden Werke für die Compagnie, „L’Oiseau de Feu“ 1910 und „Pétrouchka“ 1911, mit ihrem eher impressionistischen Duktus große Erfolge, so ging die schroffe und emotionell brodelnde Partitur des „Frühlingsopfers“ zusammen mit der Choreographie, die heute als Beginn der Tanzmoderne betrachtet wird, dem Pariser Publikum über die Hutschnur. Mit der tänzerischen Gestaltung war übrigens auch der Komponist gar nicht einverstanden…

Ähnlich hatte das Publikum der Aufführung des Wiener Konzertvereines unter Leitung von Arnold Schönberg im März empfunden, als Werke von Webern, Berg, Zemlinsky und dem Dirigenten auf dem Programm standen. Zum letzten Programmpunkt, Mahlers Kindertotenliedern, kam man bekanntlich wegen wüster Szenen im Saal gar nicht mehr, während Pierre Monteux die Pariser Aufführung trotz aller Probleme durchbrachte.

Richard Strauss gehörte einer ganz anderen Musikergeneration als die Erwähnten an, und doch kann man musikalische Parallelen ziehen, wenn man Schönbergs „Verklärte Nacht“ mit den „Metamorphosen“ des gebürtigen Münchners vergleicht. Doch während Schönbergs op. 4, 1902 uraufgeführt, an einer Liebesnacht orientierte, wenn auch impressionistisch distanzierte Programmmusik ist, war Strauss‘ Spätwerk vom April 1945 vom Weltabschied und der Trauer über die Verwüstungen, die der Krieg an den wichtigsten Stationen seiner Karriere angerichtet hatte, geprägt – sein erster Arbeitstitel war „Trauer über München“.

Mei Hong Lin hat sich über Jahre Gedanken zu einer eigenen Interpretation der vorzeitlichen Szenerie Strawinskys gemacht, die, bald populär geworden, 1940 bei Walt Disney und Leopold Stokowski sogar Dinosaurier zum Leben erweckte. Die Leiterin von Tanz.Linz hat sich entschieden, zur Vervollständigung des Abends auf einschließlich Pause 1½ Stunden dem „Frühlingsopfer“ die Strauss’schen Metamorphosen voranzustellen und eine locker verbundene Geschichte für diese beiden Werke zu entwickeln: Es geht um den deutschen Einmarsch in Frankreich und eine nicht erfüllbare Liebe zwischen einer Französin und einem deutschen Offizier, im „Sacre“ um den Überlebenden eines KZ, der in einer psychiatrischen Anstalt vergebens versucht, seine Seelenwunden zu heilen. Dramaturgie: Thorsten Teubl.

Inszenierung und Choreografie (Assistenz: Christina Uta) sind von Frau Lin so anschaulich, verständlich und im Einklang mit dem inneren Gehalt der Musik gestaltet worden, daß sich auch ohne Lektüre der Inhaltsangaben im Programmheft die Bedeutung erklärt. Der bedrückende Beginn der „Metamorphosen“ beschreibt die Angst der Franzosen vor dem deutschen Einmarsch, mit der Aufhellung der musikalischen Motive entwickelt sich die schwierige Liebesgeschichte, und schließlich muß diese Liebe, auch mit den zunehmenden Aktivitäten der Résistance, ersterben. Nach der Pause finden wir uns unter den Insaßen einer Psychiatrie wieder – bizarre Folgen ungeahnter Schicksale blicken uns an, verkörpert auch durch die Holzbläser der Einleitung. Vorerst am Rande eine Jugendliche, als „Wolfskind“ aufgewachsen.  Ein neuer Patient erscheint, Adam; er hat ein Konzentrationslager überlebt, seine Familie dort aber verloren. Die Erlebnisse lassen ihn nicht los – gerade auch nicht, als er sich in eine Krankenschwester verliebt, auf zwei Ebenen bedrückend-einleuchtend parallel dargestellt. Dieser Adam kann schließlich zwar das verwahrloste Kind in die Menschheit zurückholen, zerbricht aber doch an seinen früheren Erlebnissen.

Bühne und Kostüme hat Dirk Hofacker Handlungsort und -zeit entsprechend erstellt; in der mittleren Bühne steht eine etwas schäbig gewordene Stahlbetonmauer quasi als zweites Bühnenportal, später markiert dieses auf höherer Ebene das Sanatorium, während im Vordergrund die Geschehnisse im KZ zu sehen sind. Die Stimmungen werden durch das Lichtdesign von Johann Hofbauer perfekt gestützt.

In den „Metamorphosen“ ist Lara Bonnel Almonem die Französin: anfängliche Beunruhigung durch ihre Gefühle, aufgehende Liebe, Resignation, wunderbar dargestellt. Nimrod Poles ist der schwarz uniformierte Besatzer, der von der unerwarteten Liebe auch kalt erwischt wird und ihr erst nach Widerstreit nachgeben kann. Seine brutal auftretenden Kameraden: Filip Löbl, Andrea Schuler, Shang-Jen Yuan. Ein weiteres (rein französisches) Liebespaar: innig Kayla May Corbin und Valerio Iurato. Bürger, teils später Résistence-Kämpfer: Rie Akiyama, Julie Endo, Núria Giménez Villarroya, Mireia González Fernández, Rutsuki Kanazawa, Safira Santana Sacramento, Melissa Panetta, Alessia Rizzi, Valerio Iurato, Vincenzo Rosario Minervini, Pavel Povrazník, Lorenzo Ruta und Pedro Tayette


„Sacre“: Valerio Iurato, Núria Giménez Villarroya. Foto: Sakher Almonem/Landestheater

Die Rollenverteilung in „Le Sacre du Printemps“: der Nachkriegs-Adam Valerio Iurato, emotionell intensiv; sein Selbst als KZ-Gefangener: Vincenzo Rosario Minervini, ebenso stark. Das verwilderte Kind: bedrückend, unheimlich, schließlich strahlend erlöst Núria Giménez Villarroya. Die vergeblich aufopfernd liebende Krankenschwester: Mireia González Fernández.


Núria Giménez Villarroya. Foto: Sakher Almonem/Landestheater

Im KZ ein dämonischer, brutaler Aufseher: Pavel Povrazník; seine pas des deux mit Valerio Iurato gehen unter die Haut. Weitere Wächter: Filip Löbl, Nimrod Poles, Andrea Schuler, Shang-Jen Yuan. Adams im KZ getötete Familie: Rutsuki Kanazawa, Alessia Rizzi; weitere Häftlinge sind Kayla May Corbin, Julie Endo; Ensemble in mehreren Rollen: Rie Akiyama, Lara Bonnel Almonem, Rutsuki Kanazawa, Melissa Panetta, Safira Santana Sacramento, Lorenzo Ruta, Pedro Tayette und einige der Vorgenannten.


Mei Hong Lin, Markus Poschner. Foto: Petra und Helmut Huber

Das Bruckner Orchester tritt zuerst in Streicherbesetzung an, allerdings zum Original verdoppelt, was Seidigkeit und exakter Balance der Klänge aber nicht Abbruch tut: Markus Poschner entlockt den 46 Damen und Herren beseelte, emotional tiefgründige Klänge. In der Pause haben die Orchesterwarte Hochbetrieb: es muß auf GANZ große Besetzung (mehr als 100 Personen im Graben!) erweitert werden. An Präzision (besonders auch betreffend die große Schlagwerkgruppe) und Transparenz ändert dieser Zuwachs rein gar nichts, und Brillanz wie Dynamik sind einfach mitreißend, bei auch idealen tempi.

Gewaltige Begeisterung im Publikum für eine neuerliche Großtat von Tanz.Linz, auch mit in klanglicher Vielfalt überzeugender Orchesterbegleitung.

Petra und Helmut Huber

Noch einige Fotos Premierenfeier und Strawinsky-Grabstätte


Mei Hong Lin, Dirk Hofacker, Christina Uta, Markus Poschner, Thorsten Teubl. Foto: Petra und Helmut Huber


Venezianische Friedhofsinsel San Michele (Grab Strawinsky) © H & P Huber

 

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