Linz: „(Roald Dahl’s) MATILDA“ – Premiere im Musiktheater des Landestheaters Linz, Großer Saal, 11. 09.2026
Musical in zwei Akten nach dem Roman von Roald Dahl mit einem Buch von Dennis Kelly, Musik und Gesangstexten von Tim Minchin; Deutsch von Sabine Ruflair
In deutscher Sprache mit Übertiteln
In Kooperation mit dem Oberösterreichischen Landesmusikschulwerk

Valerie Kloiber- Foto: Barbara Palffy
Zusammen mit dem 11 Jahre jüngeren Henry Slesar besetzte der 1916 in Wales geborene Dahl, Sohn norwegischer Eltern, in den 60er- und 70er-Jahren das Segment der schwarzhumorigen (Kriminal-)Geschichte mit höchst überraschendem Ausgang. (Nicht nur) Weinliebhaber werden bei Dahls Kurzgeschichte „Taste“ winseln – wegen der bösen Satire wie wegen des überraschenden und für den Schurken maßlos peinlichen Schlusses.
Beide Autoren waren auch als Drehbuchschreiber aktiv, beide arbeiteten u. a. Alfred Hitchcock zu, Ideen Dahls griff sogar noch Quentin Tarantino auf. Aber Dahl war noch dazu Kinderbuchautor, und zwar einer der erfolgreichsten des 20. Jahrhunderts. Gelesen oder eine der beiden Kinoadaptationen von „Charlie and the Chocolate Factory“ gesehen hat fast jeder und jede, ebenso „The Witches“ u. a. mit Anjelica Houston und Rowan Atkinson. Auch „James und der Riesenpfirsich“ oder „Der fantastische Mr. Fox“ waren in allen Buchhandlungen bei uns zu finden.
1988 erschien „Matilda“. Darin geht es um ein Mädchen, das sich aus einer in Konventionen, Dummheit, Gaunerei und Repression gefangenen Familien- und Schulwelt mit Mut und Entschiedenheit, gestützt auf eifriges Lesen von Büchern, freistrampelt. Nach einer Verfilmung durch Danny deVito (1996) wurde ein Musical daraus gemacht, das von der Royal Shakespeare Company in Stratford uraufgeführt wurde und seit 2011 durchgehend in London läuft. Das Stück ist, und das sehr plakativ, an Klischees und Situationen orientiert, die im Entstehungsjahr des Buches sicher viel mehr Relevanz hatten als heute; und daß „lineares“ TV als großer Ablenker von Bildung und als fragwürdiger Wissensvermittler längst von smartphone, Tik-Tok und facebook abgelöst ist, findet auch kaum Niederschlag. Angestaubtheit läßt sich so nicht vermeiden. Allerdings wird das teils durch die überzeugenden schauspielerischen Leistungen kompensiert, namentlich die geradezu verblüffend perfekten Rollengestaltungen der ca. 6- bis 10-jährigen Kinder!
Die Musik ist eine gut genießbare Mischung aus Rock, Pop und Swing, dargebracht vom 11-köpfigen ad-hoc-Ensemble „Die Röchler“, vom keyboard aus geleitet von Raban Brunner, der auch die Koordination mit der Bühne perfekt im Griff hat. Der Name der band leitet sich von einem Bestrafungsinstrument der bösartigen Schuldirektorin ab, das anscheinend verwandt zur berüchtigten „Eisernen Jungfrau“ ist, allenfalls weniger tödlich als jene.

Valerie Kloiber, Patrizia Unger. Foto: Barbara Palffy
Melissa King, die in Linz schon viele erstklassige Inszenierungen und Choreographien präsentiert hat, hat auch diesmal ein dichtes, spannendes Bühnengeschehen zusammengestellt, mit einzelnen schrillen Elementen (das ebenso verblödete wie vielseitig skrupellose Ehepaar Wurmwald! die brutal-bösartige Schuldirektorin Knüppelkuh!!), die durchaus der aus anderen Werken vertrauten Gedankenwelt Roald Dahls entsprechen. Wobei letzterer Rollenname fast wörtlich aus dem originalen „trunchbull“ (Prügelstier) übersetzt ist, aber im Sprachfluß doch etwas holpert. Vielleicht hätte das Dramaturg Arne Beeker noch glätten können – aber natürlich auch eine Frage der Urheberrechte, ob er gedurft hätte…

Ensemble. Foto: Barbara Palffy
Die Bühne (Stephan Prattes) ist ein auf den ersten Blick düsteres Gebirge aus – überwiegend „schwerer“ – Literatur, aber auch vielfältig wandelbar, wobei auch das Lichtdesign von Michael Grundner eine wichtige Rolle spielt. Dazu kommt die schlaue Idee, mit hochfahrbaren Seitenteilen des nicht voll belegten Orchestergrabens kurz benötigte Schauplätze (die Wohnung der Wurmwalds, die Bibliothek als Sehnsuchtsort der schon im Vorschulalter begeisterten Leseratte und Geschichtenerfinderin Matilda) einzuführen. Auch der sinistre Kommandostand der sinistren Schuldirektorin oder das einzig akzeptable Bildungsinstrument für die Eltern Wurmwald, der Fernseher, bekommen gebührende Präsenz. Judith Peter hat diesen Welten entsprechende Kostüme entworfen, mit aufbrechender Buntheit, wenn alles doch noch zu einem guten Ende kommt.
Die schrille Frau Wurmwald, nur an Kosmetik und Tanz (oder was sie damit vertuschen will) interessiert: Astrid Nowak – frech, temporeich, markerschütternd. Ihr Gatte, höchst unzufrieden damit, daß sein zweites Kind eine Tochter ist, ansonsten aber nur an einem möglichst hohen Ertrag aus seinen betrügerischen Gebrauchtwagengeschäften interessiert, ist David Rodriguez-Yanez; gemessen an seiner sprudelnden Bühnenpräsenz dürfte es wirklich schwer werden, einem Geschäft mit ihm auszukommen. Deren Sohn Michael trotte(l)t, TV-gehirngewaschen und willenlos, seinem Vater nach – Lukas Sandmann haben wir selten so (genau kalkuliert) zurückhaltend gesehen, aber hier ists genau das, was die Rolle braucht. Fabian Koller ist der pfauenhafte, emphatische Turniertanzpartner von Mrs. Wurmwald, der auch anderwärtig im Einsatz ist: das meint nicht nur weitere Ensemblerollen, sondern auch Dienstleistungen auf der Couch der Wurmwalds.

Gernot Romic und Ensemble , Foto: Barbara Palffy
Gernot Romic gibt Agathe Knüppelkuh als böse Karikatur, bei der einem oft das Lachen im Hals steckenbleibt, glänzt aber auch mit beachtlichen sportlichen Fähigkeiten. An der Schule gibt es freilich – zum Mißfallen der Chefin – auch eine empathische Lehrerin, Fräulein Honig; Patrizia Unger verleiht ihr sympathisches Profil. Sie wird von Matildas Fähigkeiten, die sogar ein bisserl in Übersinnliche hineinreichen, am Ende profitieren. Ebenso eine, die Matilda ernst nimmt und ihre Fähigkeiten als Geschichtenerfinderin fördert, ist die Bibliothekarin Frau Schilf, von Sarah Schütz als warmherzige und neugierige ältere Freundin dargestellt.
Das weitere „erwachsene“ Ensemble, teils in mehreren Rollen kompetent und überzeugend: Karsten Kenzel, Anneke Brunekreeft, Christian Fröhlich, Cedric Lee Bradley, Linda Krischke, Max Niemeyer, Philip Ranson, Anja Štruc, Lynsey Thurgar und Samantha Turton (auch Choreografieassistenz).

Sarah Schütz, Valerie Kloiber. Foto: Barbara Palffy
Die meisten Kinderrollen wurden in den Musikschulen des Landes rekrutiert und seit Jänner des Jahres trainiert, in mindestens zweifacher Besetzung. Heute abend waren, durchwegs mit beeindruckenden und als selbstverständlich anmutenden Leistungen in Sprache, Bewegung und Gesang: Bruce (Jonathan Wirleitner), Lavendel (Eva Winkelhofer), Nils (Samuel Sieder), Amanda (Barin Khalil), Eric (Konstantin Sommer), Alice (Muriel Nova), Tommy (Dominik Ehlers) und Hortensia (Luisa Rudinger). Was aber Valerie Kloiber als Titelheldin Matilda an Text und Musik, dazu fast andauernder Bühnenpräsenz über netto 2 ½ Stunden, zu bieten hatte, kann nur mehr an Profis gemessen werden!
Begeisterter Applaus, auch für das Produktionsteam. Und: es wurde ein neues Untertitelsystem installiert!

Premierenfeier. Melissa King (mitte) mit ihren Assistentinnen. Foto: Petra und Helmut Huber

Ensemble bei der Premierenfeier. Foto: Petra und Helmut Huber

Schlussapplaus Ensemble. Foto: Petra und Helmut Huber
Petra und Helmut Huber

