Linz: „KATJA KABANOVA“ (Káťa Kabanová) – Premiere im Musiktheater des Landestheaters Linz, Großer Saal, 26. 04.2026
Oper in drei Akten von Leoš Janáček, (Libretto und Musik) nach Alexander Ostrowskis Drama Gewitter, in deutscher Sprache mit dt. Untertitelung in der Übersetzung von Max Brod, neu gefaßt vom Regisseur und dem Dramaturgen, Christoph Blitt

Carina Tybjerg-Madsen, Christian Drescher, Clarry Bartha. Foto: Reinhard Winkler
Dies ist immerhin schon die vierte Regiearbeit von Peter Konwitschny für das Linzer Landestheater; eine davon, Schöcks „Penthesilea“ (2018/19), koproduziert mit Bonn, war auf einer Vorbaubühne im Zuschauerraum zu sehen, die anderen bedienten und bedienen sich ausführlich der vorhandenen Drehbühne. Heute vielleicht etwas zu ausführlich – in manchen Szenen ziehen alle vorbereiteten Szenerien an den nahe der Rampe stehenden Hauptpersonen u. U. mehrfach vorbei. Dabei ist der Regisseur und Bühnengestalter (mit Karin Waltenberger) von der an sich naturalistischen Szenerie des Originalbuches abgegangen und hat eine von Kirchenräumen und Friedhöfen geprägte, vorwiegend dunkelgraue Architektur mit wenigen Farb- und Lichtakzenten geschaffen. Der Stil verweist auf die Entstehungszeit der Oper – als Vorbilder könnte man Lyonel Feininger oder die Ausstatter des Films „Das Kabinett des Dr. Caligari“, Reimann/Warm/Röhrig vermuten. Das Resultat fügt sich schlußendlich jedenfalls sehr gut zur dunkelgrau-depressiv-ausweglosen und, gemessen an der Entstehungszeit des Theaterstückes (1859), sehr modernen, veristischen Handlung. Wobei die Kirchensymbolik „westlich“ gehalten ist, um die „mit der Ausrichtung auf die Orthodoxie verbundene Gefahr des Folklorismus“ (Konwitschny beim Sonntagsfoyer der Musiktheaterfreunde am 19. April) zu vermeiden.
Frau Waltenberger ist auch für die Kostüme verantwortlich, welche die Handlung nahe am Heute, aber im Prinzip zeitlos verorten – auch dies ist, mit den sicher nicht zeitgebundenen Geschehnissen, plausibel; schließlich können die in dem Stück maßgeblichen Mechanismen durchaus auch auf der Ebene der „sozialen“ Medien stattfinden. Letztere in die Inszenierung hineinzudrücken: diese Platitüde hat der Regisseur freilich gemieden! Andererseits ist eine Angstvorstellung Katjas recht plausibel eingebaut worden: im dritten Akt, während des ursprünglich titelgebenden Gewitters, gesteht sie den Ehebruch und wähnt sich vor einem Gericht, bestehend aus Dikoj, Kabanicha und Kabanoff, von dem sie sich aber – noch! – befreien kann, daß die Richterperücken fliegen.

Matjaz Stopinsek, Carina Tyberg- Madsen. Foto: Reinhard Winkler
À propos fliegen: nicht so recht konnten wir etwas mit der Liebesszene Katja/Boris anfangen – sie schwebt als Engel herum und er erscheint als überdimensionaler Lollipop. Flankiert werden sie dabei von Fledermaus Wanja und Nachtfalter Barbara. Zu allem Überfluß macht die Befreiung vom Hebegeschirr auch noch Schwierigkeiten. Also, das hätte sich erd- bzw. bühnengebunden besser lösen lassen. Und wenn’s parodistisch überhöht gemeint war – wir haben schon mehr gelacht.
Unterm Strich kommt aber jedenfalls ein beklemmendes, minutiös psychologisch glaubwürdig arrangiertes Kammerspiel heraus, umgesetzt von vorzüglichen Schauspielerinnen und Schauspielern, die alle auch noch verdammt gut singen können. Gegen Ende kommt auch noch der Landestheater-Chor (Einstudierung: Elena Pierini) hinzu, zuerst mit verhaltener Drohung, in einem Crescendo schließlich mit erschreckender Machtexpression der dörflichen Ordnungsvorstellungen.
Es erhebt sich auch hier, wie bei der „Füchsin“ in der Vorsaison, die Frage, wie die spezifische, sprachadaptierte Kompositionsweise Janáčeks mit der deutschsprachigen Fassung harmoniert. Dazu muß allerdings angemerkt werden, daß sich der Übersetzer bei der „Katja“ enger an den Originaltext gehalten hat als bei der Geschichte aus dem Tierteich, und der Regisseur damals dazu noch die Fabelebene ignorierte: diese Störfaktoren fielen heute weg. Unter diesen Umständen konnte sich das sensible Dirigat von Markus Poschner entfalten – beginnend mit einer düster brütenden, von Wetterleuchten umzuckten Ouverture über Emotionsausbrüche, aber auch zarte Lyrik, bis zum pechschwarzen und brutalen Finale mitreißend, sicher in den komplexen Rhythmuswechseln, manchmal atemberaubend vor Spannung: man glaubt ihm aufs Wort, als er bei der Premierenfeier sagt, Janáček sei sein neuester Lieblingskomponist. Und das Bruckner Orchester setzt seine Gestaltung präzise und klanglich berückend um: da stellen sich die Fragen nach Tschechisch versus Deutsch erst gar nicht.
Dieses anspruchsvolle Stück konnte, mit einer Ausnahme, aus dem Ensemble besetzt werden. Nicht zuletzt sei darauf verwiesen, daß es auch drei herausfordernde Tenorrollen aufweist.

Carina Tybjerg-Madsen, Matjaz-Stopinsek. Foto: Reinhard Winkler
Der ewig betrunkene, sadistisch-unterdrückerische Savjol Prokofjewitsch Dikoj wird von Michael Wagner mit schauspielerischer Verve und ausdrucksstarkem, vorzüglich fundiertem Baß dargestellt. Sein von ihm abhängiger und lustvoll unterdrückter Neffe Boris Grigorjewitsch, Liebhaber der Titelfigur, ist für Matjaž Stopinšek nach Eléazar und Erik eine weitere in Linz höchst erfolgreich erarbeitete dramatische Rolle, neben seinen (ohnedies auch nicht anspruchslosen) Operettenauftritten.

Michael Wagner. Foto: Reinhard Winkler
„Kabanicha“ Marfa Ignatjewna Kabanowa wird von der früher oft als Katja an ersten Häusern engagierten Clarry Bartha mit intensivem, rückhaltlosem Schauspiel und großer, ausdrucksstarker Stimme präsentiert – toll, daß wir sie als Gast begrüßen und ihre Kunst genießen dürfen! Deren Sohn, der schwächliche Tichon Ivanytsch Kabanoff wird von Christian Drescher sorgfältig und facettenreich porträtiert.

Manuela Leonhartsberger, Carina Tybjerg-Madsen. Foto: Reinhard Winkler
Carina Tybjerg Madsen stellt hingebungsvoll die Katja mit wunderbarer, ausdrucksstarker Stimme, von resignativ über lyrisch bis dramatisch, mit großen Kraftreserven, dar; einfach eine 100-prozentige Rollenabdeckung, besser nicht vorstellbar! Schwägerin Barbara wird von Manuela Leonhartsberger ebenso schauspielerisch wie stimmlich hervorragend gestaltet. Auch Jonathan Hartzendorf fügt sich als Wanja Kudrjasch in das hochklassige Ensemble vorzüglich ein.
Auch die kleinen Rollen sind mit Gregorio Changhyun Yun, Minji Kim, Domen Fajnik und Vajda Raginskytė absolut adäquat besetzt.
Alle Genannten singen sehr textdeutlich und stehen in bester Balance zum Orchester!
Nach rund 100 Minuten pausenloser Aufführung große Begeisterung, namentlich für Frau Tyberg Madsen, Herrn Wagner sowie Frau Bartha sowie die drei Tenöre Stopinšek, Drescher und Hartzendorf. Und auch für Dirigent, Orchester und Produktionsteam ist der Applaus sehr nachdrücklich.

Premierenfeier: Karin Waltenberger, Peter Konwitschny, Carina Tybjerg-Madsen, Matjaz Stopinsek. Foto: Petra und Helmut Huber

Pemierenfeier. Carry Batha, Markus Poschner. Foto Petra und Helmut Huber

Premierenfeier: Ensemble mit egisseur. Foto: Petra und Helmut Huber
Petra und Helmut Huber

