Linz: „DON PASQUALE“ – Premiere im Musiktheater des Landestheaters Linz, Großer Saal, 30. 05.2026
Komische Oper in drei Akten von Gaetano Donizetti / Giovanni Ruffini / Angelo Anelli, Musik von Gaetano Donizetti

Morgane Heyse, Michael Wagner. Foto: HerwigPrammer
Die im Jänner 1843 in Paris uraufgeführte mehr oder weniger letzte klassische Opera buffa war ein sofortiger Welterfolg – österreichische Erstaufführung in Wien im Mai des selben Jahres, erstmals in den USA 1845. Der Erfolg hält bis heute an – vielleicht, weil das Werk, neben den musikalischen Qualitäten, zwar mit (schon lange, zu lange … bis zu den Löwingern) funktionserprobten comedia-del-arte-Klischees arbeitet, diese aber durch komplexere Personenzeichnung aufwertet. In Linz ist die aktuelle, mit der hiesigen Erstproduktion 1854, die neunte Inszenierung. Dramaturgisch wird sie betreut von Anna Maria Jurisch.
Die Inszenierung von Matthias Rippert, der bislang hauptsächlich komödiantisches Sprechtheater geleitet hat (nur einmal schon 2024 in Graz J. B. Lullys „Le bourgeois gentilhomme“), greift in mehrfacher Weise in das Originalbuch ein: vorrangig er schuf eine Rahmenhandlung. Das macht sich zu Beginn bemerkbar, als während der Ouverture kurz ein am Boden liegender Don Pasquale im Pyjama gezeigt wird; nach kurzer Vorhang-Überblendung wird klar: das ist der Speisesaal eines Altenheimes, denn nun tritt der Chor auf, mit verschiedenen Bewegungseinschränkungen, schiefen Rücken, Krücken, darunter aber auch muntere Greise und Greisinnen, die sich aufs lebhafteste unterhalten – alles sehr musikalisch choreographiert. Die Kostümierung ist heutig und realistisch (stilsicher und einfallsreich auch sonst: Johanna Lakner), und vor allem sehr detailreich hinsichtlich Bewegung und Mimik ausgearbeitet.

Ensemble: Foto: Herwig Prammer)
Nach Ende der Sinfonia singen die Seniorinnen und Senioren dann den Chor, der an sich am Beginn des 3. Aktes steht („Che interminabile andirivieni“) – an richtiger Stelle wird dieser allerdings nochmals zu hören sein. Dann wird der Speisesaal abgeräumt und eine herrschaftliche Wohnzimmerkulisse nach vorne gezogen. Nun erst beginnt die eigentliche Handlung. Erst in der Gartenszene des Finales fährt dieser Salon des Don Pasquale wieder in den Hintergrund, während vorne erneut Altersheimbewohnerinnen und -bewohner als Publikum eines Gastspiels in der Seniorenresidenz an den Tischen sitzen. Wirklich klar wurde uns nicht, was dieser Rahmen an Verständnis der Handlung oder der hintergründigen Motive bringen soll – ist doch die Geschichte absolut zeitlos…

Morgane Heyse, Michael York, Simon Yang, Michael Wagner. Foto: Herwig Prammer
Auch im Personenregister hat der Regisseur umgerührt: immer wieder stehen Sicherheitsleute herum (in der Wohnung?!), zu Beginn des 2. Aktes soll Ernesto anscheinend von zwei düsteren Herren,
Auch im Personenregister hat der Regisseur umgerührt: immer wieder stehen Sicherheitsleute herum (in der Wohnung?!), zu Beginn des 2. Aktes soll Ernesto anscheinend von zwei düsteren Herren, vielleicht aus der Welt des organisierten Verbrechens, ermordet werden (auf Verlangen??). Hm. Im Gefolge dieser Aktionen geistern immer wieder Pistolen (Colt 1911) herum, gelegentlich sogar Maschinenpistolen – dabei gibt das Libretto doch gar nicht soooo Blutiges her?!
Auf der Habenseite der Regie (und der Choreographie – Louis Stiens) stehen aber jedenfalls auch für das Protagonistenquartett eine sehr detailreiche, meist temporeiche Personenführung, engst Hand in Hand mit der musikalischen Interpretation, und eine dazugeschriebene Figur – Haushofmeister, Butler oder Ähnliches, boshaft, Nutznießer von „Sofronias“ Einkaufsrausch, eine gelungen sarkastische Verstärkung und Kommentierung der Handlung (Klaus Müller-Beck, trocken und eindringlich).
Fabian Liszts Bühne stellt einen passenden, bühnentechnisch aufwendigen Rahmen für einen heutigen reicheren älteren Herrn von konservativem Geschmack dar. Wo eine andere Umgebung gefordert ist, wird teils mit einem dunkelgrauen Zwischenvorhang gearbeitet, und die Gartenszene wird mit einer buchsbaumartigen Kugel markiert (nebst im 3. Akt zwerchfellerschütternden grünen Zweigen in den Händen von Malatesta und Pasquale).
Die musikalische Leitung durch Marc Reibel ist makellos: federnd, leichtfüßig, aber natürlich präzise und mit genauer Abstimmung mit der Bühne, auch in den schwindelerregend schnellen chiaccherato-Stellen, namentlich bei Pasquale und Malatesta. Das Bruckner Orchester trägt den Abend in diesem Dirigat mit italienischer Eleganz und Melodienmeisterschaft, was auch auf den Landestheater-Chor (Leitung Elena Pierini) zutrifft.

Michael Wagner, Alexander York. Foto: Herwig Prammer
Don Pasquale ist der komplette Schauspieler, Komödiant und meisterliche Baß in vielen Genres, Michael Wagner, der seine Glanzleistung aus dem „Barbiere“ vor zwei Jahren wiederholt. Doktor Malatesta (Alexander York) ist ihm gleichwertiger Partner eine Stimmlage höher, der ebenso schauspielerisch Großartiges leistet und sich in den Duetten mit Pasquale im 3. Akt nichts an „Plappermäuligkeit“ vergibt. Die Norina von Morgane Heyse ist mitunter ein lustvoll ausgespieltes Biest und jedenfalls eine Frau, die die Fäden samt genauer Kalkulation deren Länge in Händen hält – mit anderen Worten darstellerisch und erst recht stimmlich (druckvoll, strahlend, perlende Koloraturen…) ein wahres Goldstück! Der lyrische Tenor Simon Yang gibt einen höhensicheren Ernesto mit Schmelz, und ist in dieser Komödie so spielfreudig-punktgenau besetzt wie die Vorgenannten. Navid Taheri Derakhsh ist als Notar ebenso ein Vergnügen. Alle befleißigen sich einer exzellenten Diktion und überzeugen auch mit präzisen Ensembles.
Etlicher Szenenapplaus, Begeisterung für das Solistenquartett, Chor, Orchester (namentlich auch Trompeten- und Gitarrensolisten) und Dirigent, etwas weniger ausgeprägte Zustimmung für das Produktionsteam.

Schlussapplaus für das gesamte Team. Foto: Petra und Helmut Huber

Bei der Premierenfeier: Marc Reibel, Matthias Rippert, Louis Stiens, Fabian Liszt, Johanna Lakner, Eva Maria Jurisch. Foto: Petra und Helmut Huber
Petra und Helmut Huber

