Linz: „DAS SPIEL IST AUS“ – Uraufführung im Musiktheater des Landestheaters Linz, Black Box, 13. 06.2026

Tanzstück von Lilit Hakobyan, Preisträgerin der 39. International Choreographic Competition Hannover 2025, nach dem Filmdrehbuch „Les Jeux sont faits“ von Jean-Paul Sartre
Das 1947 von Jean Delannoy verfilmte Werk dreht sich um Ève Charlier und Pierre Dumaine, die unter einer Gewaltherrschaft aus unterschiedlichen Motiven umgebracht werden: Sie wird von ihrem Ehemann André vergiftet, damit sich dieser an Èves Schwester heranmachen kann; Pierre wird von einem Spitzel der Machthaber umgebracht. Von jenseitigen Amts wegen können sie zwar unbemerkt unter den Lebenden weiterwandeln, aber nicht auf Geschehnisse Einfluß nehmen – auch nicht auf beide peinigende Entwicklungen. Doch stellt das Amt fest, daß Ève und Pierre eigentlich füreinander bestimmt gewesen wären, jedoch irrtümlich anderen Lebenswegen zugeordnet wurden. So erhalten sie die Chance, unter gewissen Auflagen doch wieder ins reale Leben zurückkehren zu dürfen. Ein happy end ist aber – bei Sartre wenig überraschend – nicht vorgesehen…
Seit nunmehr 40 Jahren wird in Hannover ein bedeutender Choreographiewettbewerb abgehalten – die neueste Auflage fand just am Premierenabend dieser Produktion statt. Lilit Hakobyan hatte bei der 39. Auflage für Ihre Choreographie „LUCK“ den vom Linzer Landestheater ausgelobten Preis gewonnen und damit einen Vertrag für eine Choreographie (samt Regieverpflichtung). Als Stoff auserkoren wurde das 1943, also unter Deutscher Besatzung, verfaßte Drehbuch des „Proto-Existenzialisten“. Der zuerst angesprochene Verlag verweigerte die Freigabe, jedoch konnte das Landestheater mit Sartres Erben eine Übereinkunft erzielen.

Eve-und-Andre-im-Giftnebel-Andrea-Aguado-Campo-Matteo-Cogliandro. Foto: Tom Mesic
Frau Hakobyan hat ein tänzerisch ungeheuer anspruchsvolles Handlungs-Tanztheater geschaffen, das uns Zuschauer 70 Minuten lang in Atem hielt. Getragen und modelliert wird das Szenario vom mesmerisierenden Sounddesign Samuel van der Veers – aufbauend auf einem hektischen, vorwärtstreibenden house-Rhythmus arbeitet er mit clips von Bachs Cellosonaten bis free jazz, Streichquartettmusik vermutlich von Ligeti, Punk (Iggy Pop), Elektroswing etc.
Die Bühne geht über die volle Breite der „Schwarzen Schachtel“ des Musiktheaters – das dürfte gut 10 Meter ausmachen. Die namensgebende (Nicht-)Farbe gilt auch für alle Aufbauten, wobei ein riesiger Paravent fast eine Hauptrolle spielt – als Projektionsfläche, als Grenze gesellschaftlicher Schichten, immer wieder von den Darstellerinnen und Darstellern verschoben oder gedreht – mitunter beängstigend schnell, als sich die Ereignisse überschlagen. Oft verhindert ein leichter Nebel, sich im Raum zu orientieren und schafft damit eine bewußt verwirrende Perspektive. Falko Herold hat diese beeindruckende Raumlösung entworfen, und zusammen mit der Choreographin auch Licht und Videos erstellt, die einen ähnlich wie die Musik in die Szene hineinziehen. Die Kostüme von Malte Luebben sind zuerst einmal gut geeignet für das aufregende, akrobatische Tanzgeschehen; aber einige Figuren (die Verwalterin des Jenseits und ihre Katze!) erhalten aufwendige Accessoires, auch andere Rollen sind kleidungsmäßig trotz der reduzierten Gestaltung gut differenziert.

-Lorenzo-Ruta-und-Ensemble. Fot: Tom Mesic
Dramaturgisch betreut wird die Produktion von der Spartenchefin Roma Janus, die auch einen sehr interessanten Einführungsvortrag hält und für den lesenswerten Programmfolder verantwortlich ist.
Das Ensemble von TANZ Linz ist wahrhaft atemberaubend unterwegs; über längere Strecken – bis zu Minuten am Stück! – hat man den Eindruck, als beherrschten die Protagonistinnen und Protagonisten Bewegungen, die physikalisch wie physiologisch komplett unmöglich sind; jedoch: sie sind möglich, für diese ebenso athletische wie emotionell intensive Truppe!

Pedro-Tayette-Sofia-Bisci.. Foto: Tom Mesic
Leider nennt die Besetzungsliste keine Rollenzuordnungen; wir haben (auf Umwegen) hoffentlich die richtigen Damen und Herren den wichtigsten Rollen zuordnen können:
Ève ist Andrea Aguado Campo, Lorenzo Ruta Pierre. Die Jenseitsbeamtin (eine wahre Schlüsselrolle!) Sofia Bisci hält sich einen Bürokater, der im Prolog nicht nur aberwitzig verspielt sein, sondern später auch als furchterregender Todesbote fungieren kann: Pedro Tayette hat in der Rolle einen gut 1½ m langen dünnen Zopf; warum er sich bei seinen hochkomplizierten Bewegungen nicht andauernd in diesen verhaspelt, können wir uns absolut nicht erklären! Der Mörder André (Matteo Cogliandro) hat eine etwas kleinere, aber ebenso körperlich extrem anspruchsvolle Rolle.

Ensemble. Foto: Tom Mesic
Ilia Dergousoff, Mischa Alexander Hall, Yu-Teng Huang, Katharina Illnar, Elisa Lodolini, Angelica Mattiazzi, Pavel Povrazník, S. Arthur Sicilia, Nicole Stroh, Hinako Taira und Fleur Wijsman vervollständigen das brillante Ensemble, das keinerlei Wunsch nach Intensität und Engagement offen läßt.
Fast 10 Minuten standing ovation für unglaublich intensives, emotionell packendes Tanztheater, mit der musikalischen und visuellen Gestaltung ein wahres, ein großes Gesamtkunstwerk!

Schlussapplaus Ensemble. Foto: Petra und Helmut Huber

Schlußapplaus Produktionsteam. Mitte: Lilit Hakobyan. Foto: Petra und Helmut Huber
Petra und Helmut Huber

