Glanzvoller Auftakt der Opernsaison 2025/26 im Musiktheater Linz
Die Premiere von Giacomo Puccinis „Turandot“ ein einzigartiges Ereignis

Elena Batoukova-Kerl (Turandot) Christian Drescher (Altoum). Foto: Reinhard Winkler
Puccini selbst hätte seine helle Freude daran gehabt, zu welcher Pracht sein „Schmerzenskind“ gediehen ist. Seine „Turandot“ erlebte im Musiktheater Linz eine Aufführung, die in den letzten Jahrzehnten ihresgleichen suchte. Man denke an die erst vor zwei Jahren an der Staatsoper Wien gezeigte Umsetzung, bei der auch ein Jonas Kaufmann als Calaf keinen aufregenden Eindruck hinterlassen konnte. Die sicherste Garantie einer unvergessenen Begegnung mit „Turandot“ ist allemal die Beachtung vieler Ansprüche für diese Oper, die noch dazu ungewöhnlich in mehrerlei Hinsicht sind. Das Märchenspiel als Comedia dell‘ arte von Carlo Gozzi, die kein Geringerer als Friedrich Schiller bearbeitete, und Puccini zwei Jahre vor seinem tragischen Tod 1924 unvollendet hinterlassen hat. Die Musik ergänzte Luciano Berio nach Skizzen des Komponisten. Die Uraufführung des komplettierten Werkes fand 1926 an der Mailänder Scala statt. Wie bekannt, unterbrach im dritten Akt an der Stelle von Lius Suizid der Dirigent die Vorstellung, eine Ehrerbietung, an die man sich später nicht gehalten hatte. Dies war nicht die erste Auseinandersetzung mit dem Torso aus Berios Hand, dessen Interesse des Neutöners nicht neu war und als eine konzertante Aufführung in Puccinis Heimat der Bühnenversion 2002 zuvorkam.
Diese zur Gewohnheit gewordene Fassung wurde auch in Linz gewählt. Welch ein Glücksfall, ein Haupttreffer der erfolgreichen Regisseurin, der aus Sarajevo zu uns geflüchteten und in Tirol als Theaterdirektorin tätigen Jasmina Hadziahmetovic. Sie ging mit Feingefühl und Verständnis für das orientalische Sujet und Pekings sagenhafte Vergangenheit ohne experimentelle Einfälle an ihre Regiearbeit heran. Keine Versetzung in die Gegenwart, wozu die heute femizide Zeit verführbar wäre, keine politischen Anspielungen, die in der ursprünglichen Handlung der Oper auch nicht fehlen. Die Prinzessin rächt sich ja mit ihrer Hartherzigkeit für die Vergewaltigung einer Ahnin, indem sie ihren Freiern drei Rätsel aufgibt, um sie nach Lösung als Gattin zu bekommen. Bei Versagen fallen die Köpfe, die zum Schrecken verteilt auf dem Bühnenboden von dem Unheil künden, vom Schnürlboden Henkerseile baumeln und die Opfer der „Principessa“ in der Versenkung verschwinden lassen. Die Bühne von Paul Zoller mit den verschiebbaren Stahlwänden braucht keine aufwändigen Kulissen, und das in einer oft verwendeten Üppigkeit in einer Ausstattungsoper. Der bleiche Mond an der Decke (eine Salome-Erinnerung?) steht für die Finsternis. Das furchtsame Volk trägt gottergeben die Unikostüme von Mechthild Feuerstein, wobei alle und alles von größter Glaubhaftigkeit geprägt und überzeugt ist von der psychisch treffend entworfenen Situation der Mitwirkenden. Die Bedeutung der in Massen auftretenden Chöre, den Hauschor verstärkend durch einen Extrachor und den Kinderchor des Landestheaters Linz, unterstrich Elena Pierini durch ihre gewissenhafte Arbeit. Die einzelnen sich einander unterscheidenden Charakterzeichnungen bewiesen übrigens durchwegs die Qualität der Regie. Aber was wären alle diese Positiva für das Ergebnis einer sensationell gelungenen „Turandot“-Darbietung, die musikalisch im Staatsformat gelungen ist. Weil eine ideale Besetzung der Rollen möglich und die Bewährung internationaler Stars gegeben war. Die Titelheldin Elena Batoukova-Kerl war schon vor 25 Jahren in Linz und feierte ihr Comeback nach einer inzwischen erlangten Weltkarriere mit ihrer vom Mezzo aufwärts strahlenden Stimmkraft für eine dramatische Sopranistin mit spürbarer Anhänglichkeit an das Publikum aus früheren Zeiten. Als adäquater Calaf stand ihr der unbekannte Prinz Carlos Cardoso zur Seite, dessen Tenor ein gewaltiges Ausdrucksvermögen und auch schauspielerische Präsenz mitbrachte. Nicht allein in seiner berühmten Arie „Nessun dorma“, mit der sein Name gefunden werden sollte. Als Günstling der Prinzessin, weil er als Einziger alle Rätsel löste, musste er dennoch um Turandots Liebe, geblendet durch ihre Schönheit, kämpfen. Dies, damit die happy-end-Oper ihre Finalwirkung behält. Beeindruckend Calafs Spiel zur Trauer der Sklavin Liu, die Erica Eloff, seit fünf Jahren Ensemblemitglied in Linz, wieder durch ihr unverwechselbares Timbre und ihre stimmlichen Fähigkeiten brillieren ließ. Dafür schätzen wir sie so sehr. Als Timur zählt Dominik Nekel mit seinem warmen Bass längst zu unseren Lieblingssängern. Besonderer Hinwendung erfreuen sich die drei skurrilen handlungstreibenden Minister Ping (Alexander York), Pang (Jonathan Hartzendorf) und Pong (Victor Campos Leal).
Klangliche Sterne und musikalische Farbigkeit leuchteten vom Dirigentenpult. Dort führte in alter Bekanntheit mit dem Bruckner Orchester Enrico Calesso mit so viel Herzblut und emotionaler Hingabe, dass Spannung, Neugierde und Staunen über Puccinis Werk auch für passionierte Opernkenner unvergesslich bleiben werden. Wie arm wäre Linz ohne das einst unter so viel Zweifeln entstandene Musiktheater ! Wer hätte an ein solches Wachsen seiner Größe geglaubt ? Turandots Liebe
Georgina Szeless
Kulturjournalistin

