Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

LINZ/ Landestheater: TANZ LINZ brillierte in „Amor & Psyche“? auf der Reise zur Selbstfindung der weiblichen Seele

01.02.2026 | Ballett/Performance

Getanzte Götterwelt auf der Suche nach Fragen der Liebe

TANZ LINZ brillierte in „Amor & Psyche“? auf der Reise zur Selbstfindung der weiblichen Seele am 31.1.2026

verensemble
Foto: Philip Brunader

Einen Megaerfolg erzielte das Musiktheater Linz mit dem Tanzstück „Amor & Psyche“? des illustren Tanzexperten Jeroen Verbruggen, der mit seinem Werk sein Österreich-Debüt absolvierte. Der 43jährige Belgier, der in seiner jungen Karriere heute bereits mit 40 Choreografien aufwarten kann, kam als Choreograf, Regisseur und Dramaturg nach Linz und betreute sein Opus bis ins kleinste Detail mit einer bewundernswerten Perfektion. Seine Berufsanfänge begannen in Marseille, setzten sich für zehn Jahre in Monte Carlo fort und erfuhren lange Zeit eine  Weiterentwicklung an mehreren Bühnen. Seit 1914 ist Verbruggen Spezialist für klassische und zeitgenössische Tanzensembles. Er mochte sich spontan wohlgefühlt haben bei dem Ensemble TANZ LINZ und streute schon bei den Proben Rosen für unsere Tänzer. „Amor & Psyche“? erlebte die Uraufführung 2022 in Mannheim, aber für die Linzer Version fand er es nötig, einige Veränderungen, etwa das Einfügen einer zusätzlichen Szene, vorzunehmen. Die 16köpfige Besetzung erhielt außerdem um zwei Tänzer Zuwachs, die Rolle der Psyche wurde mit zwei Tänzerinnen (Elena Sofia Bisci und Elisa Londolini) besetzt. Man täte sich jedoch schwer, einzelne namentlich zu erwähnen, aus dem Kollektiv ragte niemand an Qualität hervor. Verbruggen traf eine akribische Auswahl aus dem Linzer Ensemble.

Was musste auch alles geleistet und beherrscht werden bei der Behandlung des exklusiven Themas in einem achtszenigen Stück aus der Welt der Antike mit Göttern und Helden. Und warum das Fragezeichen im Titel. Weil die Frage nach Selbstfindung in Sachen Liebe bei allem positiven Finale von Begierde, Glück und Lust ungefragt bleibt und auch nicht verstanden werden will. Welche kluge Parallele zur heutigen Zeit ! Mit der Realität beginnt auch Verbruggens Erzählung. Es gibt nämlich im Stück wohl eine Handlung, aber die wird nicht linear erzählt. Im Zentrum steht eine junge Frau auf Besuch im Museum.( Übrigens ein Louvre-Erlebnis des Autors). Plötzlich überfällt sie das Gefühl, dass die Statuen Geschichten in sich tragen. Und da entdeckt sie sich selbst als Psyche. Als Quelle zur Geschichte diente der spätantike Roman „Metamorphosen“ von Apuleius. Dort wird von der sterblichen Psyche erzählt, deren Schönheit von Venus herausgefordert wird. Die Beziehung von Psyche und Amor (Matteo Congliandro) unterliegt jedoch einem Tabu, dem Verbot einander nicht zu sehen. Psyche bricht das Verbot. Sie scheitert an den Prüfungen über ihre Liebe zu Amor. Bevor ihre Liebe Anerkennung ist, findet sie Aufnahme zu den Unsterblichen und wird zur Halbgöttin erhoben. Die Darsteller werden auch mimisch und gestisch in hohem Maße gefordert. Jeder ihrer halsbrecherischen Bewegungen der Gelenke glänzt von akrobatischer Sicherheit, gelingt als eine genaue Charakterzeichnung. Alle physischen Regungen enthalten genaue Gefühlsmomente. Nach Verbruggen muss der Tanz gefühlt werden. Arbeitet er doch mit Mitteln bewegender Tempi, Musik und Theatralität mit symbolischem Einfluß. Seine Stücke haben den Rang eines Musikalbums.

Und damit sind wir beim wichtigen Teil der Musik des Abends, für die am Bruckner Orchesterpult der Münchner Dirigent Ingmar Beck (Jg. 1987), seit 20/21 in Linz und ab Herbst Chef der Philharmonie Südwestfalen, verantwortlich zeichnet. Für ihn hieß es, einen passenden Mix aus Stilen und Komponisten mit Geschmack und Kenntnis zur Einheit zu binden. Die anspruchsvolle Live-Musik animierte manchmal die Tänzer zum Mitmachen. Musik von Charles Ives und Gabriel Fauré rollten mit ihren klassischen Tönen einen Klangteppich auf, dazu gesellten sich bis zu Jazz und vielen anderen Tonsetzern manche ohrgefällige Untermalungen. Ein besonderer Hit war das vom Tonband eingespielte Lied der griechischen Sängerin Alkistis Protopsalti (71). Beim Instrumentarium haben Flöte, Trompete, Cello und das Klavier auch solistisch gründlich mitzumischen, schließlich hat die Musik hier überhaupt auch eine dramaturgische Rolle zu erfüllen. Die Ausstattung der Tanzbühne ist voller Bedeutungen, Symbolen und von belebender Wirkung. Ein spiegelglatter Bühnenboden, glitzernde Beleuchtungsmittel und das gewaltige Rund einer Sonne tragen dazu bei, das Auge wachsam zu halten. Licht und Kostüme (Emmmanuel Maria) sind symbolisch aufgeladen und wecken Träume über das Leben in einer Götterwelt. Wie es dort zugehen mag, auch das bleibt in dem Stück eine Frage wie die unbeantwortete nach Selbstliebe, Identität, Verletzlichkeit und persönliche Akzeptanz. Kennen Sie dieses Gefühl und finden Sie es bei Ihnen ? Dabei könnte Ihnen dieses geniale „Gesamtkunstwerk“ von Jeroen Verbruggen hilfreich sein. Das begeisterte Publikum ließ sich beifallssteigernd, im Stehen laut applaudierend auf das Experiment eines großen Geheimnisses im Musiktheater ein. Es dauerte leider nicht lange genug. Nicht einmal knappe zwei Stunden.

 Georgina Szeless

Kulturjournalistin

 

 

Diese Seite drucken