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LINZ/ Landestheater Linz: Jeroen Verbruggen . TANZ LINZ mit „Amor und Psyche?“

01.02.2026 | Ballett/Performance

LINZ/ Landestheater Linz: Jeroen Verbruggen . TANZ LINZ mit „Amor und Psyche?“

Er mischt Götterwelt, antike Polis und Jetztzeit, zieht damit in ein imaginäres Museum und lässt ein Schulmädchen die Welt der Liebe entdecken und erfahren. Mit Standing Ovations bedankte sich das Premieren-Publikum im (fast) ausverkauften Musiktheater Linz bei der Kompanie TANZ LINZ, dem Choreografen Jeroen Verbruggen, dem Bruckner Orchester Linz, seinen Solisten und dem Dirigenten Ingmar Beck.

Der Mythos von Amor und Psyche hat seit seiner Niederschrift in den „Metamorphosen“ des römischen Schriftstellers und Philosophen Apuleius im 2. Jahrhundert Heerscharen von Künstlern praktisch aller Gewerke inspiriert. Der mit seinen 43 Jahren noch recht junge und international schon gefragte belgische Choreograf Jeroen Verbruggen, sein Werdegang als Tänzer führte ihn unter anderem über ein zehnjähriges Engagement bei Les Ballets de Monte Carlo, schuf parallel seit Anfang der ersten Dekade dieses Jahrhunderts und seit 2014 als ausschließlicher Choreograf bereits an die 50 Stücke für Kompanien weltweit.

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 Jeroen Verbruggen . TANZ LINZ: „Amor & Psyche?“ (c) Philip Brunnader

Seine Leidenschaft für klassische, historische und mythologische Stoffe, die er auf ihre Bedeutung für die Jetztzeit hin untersucht, ließ ihn sich „Amor und Psyche“ zuwenden. Das im Mai 2022 am Nationaltheater Mannheim uraufgeführte Stück zeigt TANZ LINZ nun in einer überarbeiteten Fassung. Den Kern seines Sujets aber, die Welten der Götter und der Menschen zu verschränken und eine Frau auf ihrem Weg der Selbstfindung hin zu Selbstliebe zu beobachten, bleibt. Womit der Mythos mehr Inspiration als Vorlage ist.

Seine Dramaturgie steuert Jeroen Verbruggen mit der Musikauswahl. Orchesterwerke von Lukas Foss, Ralph Vaughan Williams, Jimmy Lopez, der auch Techno für eine große Band im Graben komponierte, bis zu Charles Ives, sogar ein eingespielter griechischer Schlager, erst lippensynchron von der auf männlichen Händen schwebenden Psyche, dann, nach Abbruch der Einspielung, vom Ensemble live zu Ende gesungen (einer der humorigen Momente), führen inhaltlich und energetisch durch das in acht Kapiteln strukturierte Stück. Das Bruckner Orchester Linz unter der Leitung von Ingmar Beck meistert die stilistischen Herausforderungen souverän.

Verbruggen schuf mit einem gefrorenem Dschungel hinter einem runden Teich mit Insel in dessen Zentrum ein vieldeutiges, variables Bühnenbild. Auf der rückwärtigen Leinwand erscheinen ein sechsstrahliger Stern, zuweilen darunter ein Kreis. Auch dort begegnen sich das Göttliche und das Erdenrund. Ebenfalls das Lichtdesign ist vom Choreografen selbst. Es zeichnet Atmosphären und Räume, Innenwelten und Offenbares auf die Bühne.

 

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Jeroen Verbruggen . TANZ LINZ: „Amor & Psyche?“ (c) Philip Brunnader

Das in der Zeit seit 2021, als Roma Janus ihre Intendanz antrat, durch deren kluge, auf künstlerisches Wachstum ausgerichtete Auswahl von Choreografen und Choreografien gereifte Ensemble von TANZ LINZ brilliert ein weiteres Mal als tänzerisch und darstellerisch herausragende Kompanie. Einzelne herauszustellen machen nur ihre Rollen erforderlich. Mit der Besetzung von Elena Sofia Bisci als die lernende Psyche und Elisa Lodolini als die Gereifte, trotzdem Fragile bewies der Choreograf große Sensibilität für die Künstlerpersönlichkeiten mit ihren individuellen Ausdrucksmöglichkeiten und für die Erfordernisse der jeweiligen Rollen.

Amor, den sie einerseits und über weite Strecken mehr oder weniger alle verkörpern, wird von Matteo Cogliandro getanzt, den langen Pfeil als Insignie seiner Macht als Erwecker der Liebe mit sich führend. Das Ensemble, obwohl persönlichkeits- und geschlechts-indifferent in häufig ab- und angelegte, grau melierte Oberbekleidung (Kostüme: Emmanuel Maria) gewandet, agiert auch in rein weiblich oder männlich besetzten Szenen.

Die Schulmädchenuniform, in der Elena Sofia Bisci ihre Abenteuer durchlebt, steht sicherlich für mehr als nur das naive, unbedarfte Mädchen auf der Schulbank des Lebens. Ihre vom erwachenden Eros unterwanderte Unschuld bildet eine Gegenpol zur lärmenden Virilität des einen und der vielen Amors. Das Archaische, tief in das Unbewusste Eingegrabene inkarniert um Psyche herum.

Wenn wir dort auf der Bühne ein Museum sehen, wie der Choreograf es installieren wollte, dann sehen wir eine Ausstellung unserer aus dem Dunkel drängenden Triebe, Begierden, Leidenschaften und Affekte, durchsetzt mit Aggression und Gewalt. Der Illusion, das letztere beherrschbar seien, gibt Verbruggen sich nicht hin. Wohl aber empfiehlt er mit dieser Arbeit lebbare Alternativen.

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Jeroen Verbruggen . TANZ LINZ: „Amor & Psyche?“ (c) Philip Brunnader

Der eine Amor mit dem Pfeil wird seiner Exklusivität beraubt. Mit Wasserpistolen schießt die Armee von Amors um sich auf der Suche nach Trost spendender, die fehlende Selbstliebe kompensierender Fremdliebe. Ein paar Männer richten sich schließlich selbst. Ob das auch ein Verweis auf Donald Trumps toxischen Narzissmus oder wenigsten auf fehlgeleitete Männlichkeit ist?

Nur knapp entgeht das Stück mit seinen vieldeutigen Bildern genderspezifischen Klischees. Wenn die Frauen in den wenigen sprachlich unterstützten Passagen zum Beispiel die Instabilität der Liebe beklagen, werden Aufmerksamkeit und stetes Ringen um sie in einem historisch wie aktuell gesellschaftlich, politisch und ideologisch patriarchal geprägten Umfeld als Handlungsmaximen des Einzelnen formuliert. Die damit jedoch auch postulierten geschlechtsspezifischen Differenzen in den Konzepten für die Behandlung von intrapersonellen Konflikten und deren Außenwirkung führt Verbruggen auf die selbe Ursache zurück: den Mangel an Selbstliebe.

Psyche startet als Schulmädchen, beinahe einfältig, aber neugierig und offen. Nach dem Durchleben von allerlei lehrreichen Wirren, den mythologischen Prüfungen also, tanzt die am Ende zur selbstbewussten Frau Gereifte ein Duett mit Amor, beide treten als Schatten vor die rückwärtige Vereinigung von Göttlichem und Irdischem, das sich einschreiben darf in die Ballett-Literatur. Zeitgenössisch in der Bewegungssprache, ungemein gefühlvoll und fragil, durchsetzt mit Dissonanzen in der musikalischen und tänzerischen Ausgestaltung dieser so jungen, intensiven Beziehung, und gerade damit tief berührend. Und der Frage nachgehend, ob wir lieben und wie wir lieben (wollen).

 

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Jeroen Verbruggen . TANZ LINZ: „Amor & Psyche?“ (c) Philip Brunnader

Dem Wollen, das der Choreograf als einen Kernaspekt seiner Arbeit herausstellt, kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, verlangt es doch, um überhaupt wollen zu können, einen Reifegrad an Selbst-Kenntnis und -Akzeptanz, die vom durchschnittlichen Mitteleuropäer nicht einmal als Ziel seiner Entwicklung erkannt werden. Hier also setzt diese Choreografie an. Hier führt sie in das bewusste, zielgerichtete Gestalten der Liebe. Hier wird Wachstum in einer, in jeder Beziehung zum Kern eben dieser.

Und Wachstum erfordert und verursacht Reibung, Konflikt und Auseinandersetzung. Vor allem immer wieder mit sich selbst. Das Streben nach ewiger Harmonie provoziert Stagnation. So also darf jene gestörte finale Intimität (auch) gesehen werden. Mit dem Erlangen der Unsterblichkeit und der Aufnahme in den Olymp, der Heimstätte der Götter also, wird (der) Psyche (griechisch für die Seele) ewiges Leben geschenkt. Wir sollten das berücksichtigen bei der Bearbeitung der Themen unserer jetzigen individuellen Existenz.

Das Selbstverständnis der Geschlechter, ihre sich unterscheidenden Wahrnehmungen und Erfahrungen mit und in der Liebe werden auch unter Zuhilfenahme textlicher Interventionen eindrucksvoll beschrieben. Der Kern des Stückes allerdings zielt in die Evolution einer, der weiblichen Seele. Die finale, nicht friktionsfreie Vereinigung von Amor und Psyche, die also von Eros und Seele als These und Antithese, erfährt in der Geburt ihrer Tochter Hedone ihre Synthese. Als wäre es nicht schon kompliziert genug, schenken sie Lust und Genuss Leben und erschaffen damit die irdische Trinität im Himmel des Menschseins.

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Jeroen Verbruggen . TANZ LINZ: „Amor & Psyche?“ (c) Philip Brunnader

Die „Unbeantwortete Frage“ als letztes Kapitel und Musikstück ist jedenfalls auch die, vor die die gemeinsame Tochter mit ihrer Geburt in diese Welt gestellt wird. Wie jeder neu Hinzugekommene muss jeder und jede in ewig sich wandelnden Kontexten immer wieder neu erkunden, was Liebe ist und wie sie gelebt werden kann, soll, und für die Bewussten: muss.

Die Liebe als die heilende Kraft in dieser Welt und für sie erkennt Verbruggen als wurzelnd im Kleinsten, aber Mächtigsten: in uns selbst. Somit wird „Amor & Psyche?“ zu einem Statement für die größte, schönste und schwerste Aufgabe, vor die wir mit unserer Existenz gestellt werden: für den nie endenden Weg zu uns selbst, für den Weg in die Erinnerung an das, als was wir geboren wurden: als universelle, neugierige, offene Seelen ohne (Vor-) Urteil, Bewertung und Ablehnung. Weder uns selbst noch dem Fremden, Anderen gegenüber.

Keuchend baden sie am Ende im Meer der Möglichkeiten. 70 Minuten voller vieldeutiger Bilder. Ein tänzerischer, musikalischer und optischer Hochgenuss, poetisch, profund und nachwirkend. Wunderbar!

Jeroen Verbruggen . TANZ LINZ mit „Amor und Psyche?“ am 31.01.2026 im Landestheater Linz.
Weitere 10 Vorstellungen bis 26.06.2026.

Rando Hannemann

 

 

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