Linz: „HEUTE NACHT FRÄULEIN“ – Uraufführung im Musiktheater des Landestheaters Linz, Black Box, 25. 04.2026
Operette in sieben Bildern von Walter Kaufmann

Saalsituation mit Einführung von Anna Maria Jurisch. Foto: Petra und Helmut Huber
Der 1907 in Karlsbad geborene Dirigent, Komponist und Musikologe Walter Kaufmann gehört zu jenen, deren Karriere durch die Nationalsozialisten zwar gestört, aber nicht zerstört wurde. Denn seine Arbeit in Deutschland und der Tschechoslowakei (diverse Opern- und Operettenhäuser, UFA-Studios, Rundfunk) wurde ab 1933 politisch unsicher bis unmöglich; so wandte er sich seinem Interesse an asiatischer Musik zu, ging 1934 nach Indien und wurde dort bald Musikredakteur von All India Radio. Die von ihm komponierte Senderkennung wurde übrigens 1970 von Carla Bley und Michael Mantler für ihr Free-Jazz opus magnum „Escalator over the Hill“ verwendet. Mit einigen Freunden aus UFA-Zeiten, die sich ebenfalls vor den Nazis in die britische Kronkolonie gerettet hatten, stand er an der Wiege der heute als „Bollywood“ bekannten indischen Filmindustrie. Später führte ihn sein Weg nach Kanada und in die USA an verschiedene Orchesterleiterstellen und Universitäten; er starb 1984 in Bloomington, Indiana.
Unter seinen 16 auf Walter Kaufmann (composer) – Wikipedia gelisteten Musiktheaterwerken findet sich das „Fräulein“ nicht – diese 1937 verfaßte Operette wurde zu Lebzeiten des Komponisten nicht aufgeführt und existiert nur als Klavierfassung, in der sie heute gespielt wird (Eunjung Lee, brillant am Klavier und im Dirigat). Diese Produktion des Opernstudios wurde wie meist von dessen Leiter Gregor Horres inszeniert, Bühne und Kostüme Bianca Sarah Stummer, Choreografie Ilja van den Bosch, Dramaturgie Anna Maria Jurisch. Die unendlich wandelbare Black Box präsentiert sich diesmal mit zwei Haupt- und zwei Nebenbühnen; das Publikum sitzt dazwischen auf einem in Schachbrettmuster „gefliesten“ Boden an Kaffeehaustischen – einige der Aufführungen werden mit einer Speisenfolge, die in den Pausen angeboten wird, garniert sein!

Ensemble. Foto: Reinhard Winkler
Die Handlung lt. Landestheater-blog: „Dorothy arbeitet in einem Hutladen, lebt mit ihrer Schwester in ziemlich prekären Verhältnissen, schlägt sich tagtäglich mit einem ganz netten, aber etwas anhänglichen Kollegen herum. Aber: Dorothy lässt sich nicht unterkriegen und als ihr Job sie eines Tages mit einer Lieferung Hüte ins Schloss führt, trifft sie einen Fremden, der sie sofort interessiert. Als dieser Grenadier sie ins Café einlädt, ist Dorothy ziemlich hin und weg (und das nicht nur von Wein und Kuchen), aber das geht nur so lange gut, wie der Soldat sein Geheimnis bewahren kann.“ So weit, so simpel, klassisch operettenhaft.
Aaaaaber was hat Walter Kaufmann aus dieser Handlung gemacht? Sein Text bewegt sich auf der Höhe der damaligen Genremeister wie Fritz Löhner-Beda, aber hat auch einige Wendungen dabei, die man eher bei Georg Kreisler vermuten würde. Die Musik ist ausgesprochen eingängig, bei vielen Nummern spürt man den Ohrwurm knabbern – dabei alles höchst originell, weit weg von Platitüde und Vorhersehbarkeit. Sehr viele Tanzrhythmen wurden verarbeitet: Walzer, Charleston, Fox, Ragtime, Menuett (bei Hofe, natürlich), Csardas, und besonders der meist humorvoll eingesetzter Tango – als highlight ein (auch getanztes) nicht ganz nüchternes Duett von Bariton und Baß mit Geschichten von der Tant‘ Eulalie. Aber auch wehmütig (nicht sentimental, aber melancholisch-resignativ) kann der argentinische Tanz daherkommen: „der Liebe Zauberball ist ein Kristall“, wie Adjutant Bardassi und die Frau Oberhoflakai feststellen. Aber am Schluß wird’s (zum Dom Perignon) natürlich genregemäß heiter: „Man stell sich vor, wie fade, ein Liebespaar und Limonade“
Kaufmann hatte schon einen Operettenerfolg („Die weiße Göttin“, UA 1935 Karlsbad); leider ist dieses Werk bis auf Bruchstücke verschollen, wovon einige heute eingebaut wurden. Das „Fräulein“ wurde nicht fertiggestellt bzw. orchestriert, weil „Vorspiel und Zwischenaktsmusik werden erst geschrieben, wenn ein Vertrag unterschrieben ist.“, wie es in einer Notiz des Verfassers heißt. 1937/38 waren zudem kaum mehr Aufführungsmöglichkeiten für eine deutschsprachige Operette eines „jüdischen“ Komponisten zu finden.

Peter Pany, Agata Schindler. Foto: Petra und Helmut Huber
Peter Pany (Verlag Doblinger) hat sich, angeregt von der jahrzehntelangen Arbeit für Kaufmann durch die Dresdner Musikwissenschafterin Agata Schindler, auf die Suche nach dessen Werken gemacht. Einiges (v. a. Orchestrales, Symphonisches) ist inzwischen veröffentlicht und auch schon auf CD erhältlich. Die heute erstmals zu hörende Operette war ein Fund im Universitätsarchiv von Bloomington. Herr Pany hat sich ans Linzer Landestheater gewandt, um dieses, wie sich heute herausstellte, Goldstück aufführen zu lassen; er fand hier die Juweliere, die ihm mit einer temporeichen, gagsprühenden und bis ins letzte mimische Detail ausdrucksstarken Regie sowie einer aufwendigen, ebenso mit großem Humor gewürzten Kostümausstattung eine großartige Fassung gaben. Zudem ist die originelle Raumidee voll aufgegangen bzw. perfekt genutzt worden, inklusive der auch zwischen den Publikumstischen (scheinbar) unbekümmert ablaufenden, recht aufwendigen Choreographie, an der sich auch Sängerinnen und Sänger gekonnt und elegant beteiligten.

Alexandre Bianque, Georgia Cooper. Foto: Reinhard Winkler
Der „Grenadier“ ist der Tenor Alexandre Bianque: komödiantisch erstklassig, leider in der Höhe etwas gepresst, insgesamt eine liebenswerte Darstellung. Adjutant Bardassi ist Hun Jeong mit gut entwickeltem Baß und humorvoller, auch tänzerischer, Gestaltung. Frau Oberhoflakai ist der vorzügliche Sopran Antonia Beteag, die zudem die vielen Facetten dieser Figur, von der arroganten Bißgurn bis zur Verliebten, ausdrucksstark in den Raum stellt und auch noch einen köstlich komischen Oberkellner Löffler spricht.

Georgia Cooper und Tanzakademie. Foto: Reinhard Winkler
Das titelgebende, recht goscherte, Fräulein Dorothy Miller wird von Georgia Cooper mit einer genregemäß soubrettenhaft geführten, dabei glanzvollen und kräftigen Sopranstimme gesungen und mit tollem Einsatz, bis ins kleinste mimische Detail, gespielt. Ihre Schwester Judith (Dora Blatniczki) wurde anscheinend mit der jungen Nina Hagen im Hinterkopf entworfen, und steht Dorothy in Spiel und Gesang (hier: besonders wohltönender Mezzo) nicht nach. Geschäftsführer Cyprian ist der Bariton Xinhang Zhou, der nicht nur großartig singt und Tango tanzt, sondern auch – er muß als Schüchterner ja die Kommunikation mit dem weiblichen Geschlecht üben! – auf seinem Weg durch das Parkett mit vielen Besucherinnen flirtet, auch mit der Unterzeichneten.

Xinhang Zhou, Dora Blatniczki. Foto: Reinhard Winkler
Erzähler („vom Band“): Klaus Müller-Beck
In kleinen Rollen bewähren sich Emilia Eder, Selina Edwards und Johanna Krenn. Dazu kommt noch die vergnügt und geschäftig, aber präzise wirbelnde Truppe der OÖ Tanzakademie (Atiana Barisic, Helena Doppler-Pacheva, Philomena Hohenwallner, Luisa Kircher, Marlene Lonsing, Nora Mair, Malick Ngane und Natalie Schmid).
Viel Szenenapplaus und Heiterkeit, große Begeisterung („entzückend!“ aus vielen Mündern) am Schluß, natürlich auch für das leading team und die Entdecker.

Schlussapplaus mit Regisseur. Foto: Petra und Helmut Huber
Petra und Helmut Huber

