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LINZ/ Landestheater/Großer Saal: FROM AWAY – DIE VON WOANDERS“ – Premiere im Musiktheater

16.11.2025 | Operette/Musical/Show

Linz: „COME FROM AWAY – DIE VON WOANDERS“ – Premiere im Musiktheater des Landestheaters Linz, Großer Saal, 15. 11.2025

Musical von Irene Sankoff und David Hein, Deutsch von Sabine Ruflair

Österreichische Erstaufführung

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Foto vom 11. September 2001  aus der Lufthansa-Maschine Frankfurt – Washington. Foto: Helmut Huber

Wahrscheinlich ging es nur um wenige Minuten, um die ich (Helmut) an einer „Mitwirkung“ in diesem Musical vorbeigeschrammt bin: Ich war am 11. September 2001 hoch über dem Atlantik auf dem Weg nach Washington, DC, zum US-Schilddrüsenkongreß. In unserer Reisehöhe schien natürlich die Sonne, und der Blick auf die Triebwerke 3 und 4 des Jumbo war prächtig. Daß um 14:46 mitteleuropäischer Sommerzeit, also drei Minuten, bevor das erste Bild geschossen worden war, ein Jet in das World Trade Center gekracht war, wußte an Bord niemand. Eine Stunde später bemerkte ich, daß das Licht auf den Triebwerken gänzlich anders wirkte, konnte mir aber keinen rechten Reim drauf machen. Bald, nachdem ich das zweite Bild gemacht hatte, meldete sich allerdings der Kapitän: „Meine Damen und Herren, Sie werden es wohl schon bemerkt haben, daß wir gewendet haben und auf dem Weg zurück nach Frankfurt sind…

Hätte mein Flug in FRA nur etwas früher abgehoben, wäre sich der Rückflug zum Ausgangspunkt nicht mehr ausgegangen, und wir wären nach Gander umgeleitet worden, wie 38 Flüge mit insgesamt ca. 7.000 Insaßen am Weg in die USA. Und um diese letzteren und die ungefähr gleich vielen Einheimischen im dünn besiedelten Neufundland geht es in diesem Musical, das am 12. März 2017 Broadway-Premiere feierte, das als eine der wenigen shows Corona überlebte und am 2. Oktober 2022, nach 25 previews und 1.669 Aufführungen Dernière hatte. Sieben Tony-Nominierungen, davon die für die beste Regie siegreich, hatte es überdies zu verzeichnen.

Gander wurde überhaupt erst 1936 gegründet, als Wohnort für die Bediensteten des neuen und größten Flughafens der Erde, die Auftankstation für einen künftigen regelmäßigen Transatlantikverkehr. Zunächst spielte er diese Rolle jedoch im Rahmen der Kriegsanstrengung der Westalliierten gegen die Achsenmächte. Die zivile Rolle erfüllte er dann doch noch bis Anfang der 1960er, bevor die reichweitenstärkeren Jets übernahmen und Zwischenlandungen unnötig machten. Aber das große Areal gab es noch 2001, und so wurde Gander an dem Tag, als der Flugverkehr zusammenbrach, zur wichtigen Ausweichstation.

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Yoana Alexandrova, Max Niemeyer. Foto: Reinhard Winkler

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Lukas Sandmann, Max Niemayer, Karsten Kenzel. Foto: Reinhard Winkler

Natürlich passierte das ohne jegliche Vorwarnung oder Vorbereitung – eigentlich war ja schon der Rückbau des Flughafens geplant. Aber die Einwohner dieses Außenpostens schafften es durch Engagement, Improvisationskunst und bedingungslose Gastfreundschaft, die Gestrandeten aufzunehmen und für einige Tage zu versorgen. Daß das eine Fülle von seltsamen, komischen, rührenden, turbulenten und verzweifelten Anekdoten hergibt, leuchtet ein, und genau so eine Sammlung stellt dieses Werk auch dar: rund 35 Rollennamen (wirklich vollständig??) sind auf der webpage des Stückes verzeichnet, und diese sind auf das Ensemble mit Alexandra-Yoana Alexandrova, Astrid Nowak, Patrizia Unger, Sarah Schütz, Lynsey Thurgar, Sanne Mieloo, David Rodriguez-Yanez, Gernot Romic, Lukas Sandmann, Christian Fröhlich, Karsten Kenzel, Max Niemeyer und Fabian Koller verteilt.

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Ensemble. Foto: Reinhard Winkler

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Das Ensemble: Foto: Reinhard Winkler

Das bedingt nicht nur eine wahnsinnige Text-, Schauspiel- und Choreographieaufgabe je Person, sondern auch unglaublich rasche, mitunter offene Umzüge oder Wechsel einzelner Kostümaccessoires. Aber auch die (kleinen, aber schnellen) Umbauten auf offener Bühne obliegen ihnen. Dieses riesige Pensum gelingt den 13 Damen und Herren nicht nur technisch absolut makellos bis ins letzte Detail, inclusive ansatzlosem Persönlichkeitswechsel oft nur für ein, zwei Sätze, sondern sie nehmen in diesem Wirbel an Eindrücken auch noch die Emotionen des Publikums mit. Insgesamt eine einfach atemberaubende Leistung!

Die Musik ist der jeweiligen Situation unterworfen, eingängig, hauptsächlich im Folk-Rock-Genre angesiedelt; Ohrwürmer werden nicht geboten, aber in der Mischung mit dem Dialog (leider mit nicht immer optimal deutlich arbeitender Verstärkung) ergibt sich ein wohlbalanciertes bis turbulentes Drama, das die pausenlosen knapp 2 Stunden des Stückes nie langweilig werden läßt. Regisseur Matthias Davids dosiert die Bausteine psychologisch feinfühlig und kitschfrei, und Kim Duddy unterstützt ihn dabei mit ihrer organischen Choreografie. Dramaturgie: Arne Beeker.

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Der Bühnenaufbau:. Foto: Petra und Helmut Huber

Diesmal hat Andrew D. Edwards, im Gegensatz zu den historischen Welten von „Anastasia“ und „Something Rotten“ oder den bunten „Meistersingern“ für Bayreuth 2025 eine vordergründig ganz einfache, aber in Wirklichkeit für diese Aufführung optimal variable, Bühne gebaut, die den Orchestergraben überspannt und an den Seiten kleine Räume für das so auseinanderdividierte Orchester läßt, das sich diesmal „The Newfound Shreekers“ nennt. Wichtiges und geschickt eingesetztes Element ist eine kleine Aufbau-Drehbühne; die große Theatermechanik ist vom Hintergrund überbaut, der mittels Projektion (Gregor Eisenmann) vor allem die dem Handlungsort nahen Weiten des Ozeans, dank Verspiegelungen fast unendlich, beeindruckend darstellt. Die Kostüme (Adam Nee) sind ein gelungener Kompromiß zwischen Realismus und rasch zu ändernder Akzentsetzung. Die unauffällig-richtigen Akzente setzt auch Michael Grundners variantenreiche Lichtführung, vom Inspizienten Florian Menzl präzise umgesetzt.

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„The Newfound Shreekers“ und ihr Leiter. Foto: Petra und Helmut Huber

Tom Bitterlich leitet vom keyboard im linken „orchestra pit“ aus die Aufführung, beteiligt sich aber auch mitunter mit Akkordeon am Bühnengeschehen.

Das handlungsarme, aber situativ äußerst reiche Stück wird vielleicht nicht unser Lieblingsmusical werden, aber bietet eine überwältigende Ensembleleistung, die alleine schon Grund genug für den Besuch ist. Die Begeisterung des Publikums war groß und einstimmig.

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Schlussapplaus Ensemble. Foto: Petra und Helmut Huber

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Ensemble bei der Premierenfeier. Foto: Petra und Helmut Huber

Petra und Helmut Huber

 

 

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