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LINZ/ Landestheater: ELEKTRA. 4. Aufführung der Neuinszenierung

Miina-Liisa Värelä: Ein Naturereignis in der Titelrolle

07.02.2019 | Oper

Bildergebnis für Linz  elektra
Klytämnestra mit der verhassten Tochter – Katherine Lerner und Miina-Liisa Värelä. Foto: Reinhard Winkler/ Landestheater

LINZ /Landestheater „ELEKTRA“ von Richard Strauss

Miina-Liisa Värelä: Ein Naturereignis in der Titelrolle

6.2. 2019 – 4. Aufführung der Neuinszenierung

Karl Masek

Premiere war am 19. Jänner. Und es ist nun die 4. Aufführung dieser Inszenierung von Michael Schulz. Von zwei Lesarten ist im Programmheft ausführlich die Rede: Von der Mythologie und von der  Textfassung des Hugo von Hofmannsthal, welche die Vorgeschichte mit dem Mord an Agamemnon ausspart, aber Elektra das grausige Geschehen vor ihrem geistigen Auge wieder und wieder erleben lässt.  Dass Orest das Orakel von Delphi befragt, welches ihm zur Rachetat an Klytämnestra und dem neuen Mann an ihrer Seite, Aegisth, rät,  kommt in der Oper ebenfalls nicht vor. Schließlich beglaubigt der Blick in das Libretto, dass Elektra nach vollbrachter Rache (Sie bringt Aegisth  in dieser Inszenierung eigenhändig um) nicht tot zusammenbricht. In der Mythologie stirbt Elektra nicht im Tumult des Opernschlusses. Sie vermählt sich mit Pylades, ihrem Cousin. Hofmannsthal schreibt jedenfalls „Sie tut noch einige Schritte des angespanntesten Triumphes und stürzt zusammen“ und schließlich: …Elektra liegt starr…“. Das Lebensziel (die Rache) ist erfüllt. Aber offenkundig bemerkt Elektra schlagartig die Leere ihres weiteren Daseins. Allein, „auf sich selbst zurück geworfen“ – wie schon ganz am Anfang, unmittelbar vor dem „Agamemnon“-Monolog. Was kommt nach der Rache? Das bleibt in der Lesart Michael Schulz‘ offen …

Michael Schulz und sein Bühnenausstatter Dirk Becker haben sich offenkundig besonders genau in die Hofmannsthal’sche Vorlage eingelesen, die von  Sigmund Freud (sowohl die Traumdeutung als auch die Studien zur Hysterie) beeinflusst wurde. Richard Strauss, dem Liebhaber antiker Stoffe, war wiederum die Bühnenwirksamkeit eines Stoffes wichtiger als die Tiefenpsychologie..

 In der Linzer Neuinszenierung bekommen wir es mit 3 Seelenräumen, aus dem Blickwinkel der „Elektra“ zu tun. Also nicht ein innerer Hof, begrenzt von der Rückseite des Palastes von Mykene…“, sondern: Ein Kinderzimmer, Regale vollgefüllt mit Spielzeug, mit Plüschtieren (Elektra wird im Moment, wo sie Orest erkennt, einen Plüschlöwen an sich drücken – und schließlich heißt es im Text: „…Nein, du sollst mich nicht umarmen! Tritt weg, ich schäme mich vor dir…“); ein Garten, in dem Chrysothemis von ihren Sehnsüchten von einem „Weiberschicksal“ singt; und schlussendlich der „Raum der Klytämnestra“. Ihre große Szene, der grelle Auftritt einer „Society-Queen“ samt ihrem durchgeknallen Hofstaat, der zentrale Dialog mit der Bühnentochter: Da zeigt sich, was Schulz theaterhandwerklich (Personenführung!) drauf hat.  Die Drehbühne leistet gute Dienste.

Anderseits ist man von ewiggleichen Bühnenbildlösungen und Kostümen (Renée Listerdal), die alles kunterbunt in „andere Zeiten“ verlegen, längst übersättigt. Von spießbürgerlich-biederer Tristesse (man beachte nur, in welch unsägliches 60er-Jahre-Outfit Chrysothemis gesteckt wird!) ist das. Und auch der Pseudo-Hippie-Look der „Gefühlsterroristin“  Elektra reißt einen nicht vom Hocker. Man sehnt sich nach einer neuen wirklich zeitgemäßen Ästhetik für einen großen Musiktheater-Stoff. Mit kreativer, unverwechselbarer und stilbildender „Rhetorik“! Tapetenmuster, wie ich sie in meiner ersten Studentenwohnung hatte, oder ein Sofa aus dem Winterschlussverkauf gehören definitiv nicht dazu!

Wenden wir uns also dem musikalischen Teil zu. Der war nämlich fabelhaft! Hier gilt es, von einem sängerischen Naturereignis zu berichten. Miina-Liisa Värelä heißt die 36-jährige, aus Finnland stammende Sopranistin, der einzige Gast in einer tollen Ensembleaufführung. Schon ihre Färbersfrau in der „Frau ohne Schatten“ aus dem Vorjahr hat begeisterte Reaktionen in „Opern-Linz“ hervorgerufen. Gleiches gilt nun für die Atridentochter. Eine Elektra von stählerner Kraft, edlem Metall.  Von einer pastosen Mittellage ausgehend, schraubt sie sich mühelos und völlig ohne Schärfen bis zum hohen C des Agamemnon-Monologs. Urgesund klingt diese Stimme, technisch fundiert. Schwebetöne im pianissimo („Die Götter! Bist doch selber eine Göttin…“, beim Dialog mit Klytämnestra, „… sie redet wie ein Arzt…“). Mit wilden, bravourösen Steigerungen macht sie die fanatische „Gefühlsterroristin“ glaubhaft – und spielt diese erdrückende Persönlichkeit entfesselt.

Brigitte Geller (sie ließ sich sicherheitshalber wegen einer Erkältung ansagen, von einer Indisposition war nichts zu bemerken!) ist die Bühnenschwester Chrysothemis. Große, eindringliche  Bandbreite des Ausdrucks zeigt sie in dieser eher undankbaren Rolle, wenn sie zu larmoyantem Jammern neigt, dauernd an Türen lauscht und dann berichtet, was sie alles gehört hat.

Katherine Lerner als Klytämnestra ist eine nobel phrasierende, perfekt gestylte, attraktive Society-Queen (warum ausgerechnet ihr Kostüm unschuldig-weiß ist, wissen die Götter oder Renée Listerdal!), noch ziemlich jung und physisch gesund wirkend, aber  ein wüstes Gefild, wenn es um ihre psychische Befindlichkeit geht. Wenn sie sich mit Elektra „matcht“, ist man verblüfft, dass die beiden Stimmen ganz ähnlich gefärbt werden. Dieselben Gene, dasselbe Geblüt!


Das Rachewerk ist vollbracht – Miina-Liisa Värelä. Foto: Reinhard Winkler/ Landestheater Linz

 

Aus dem hervorragenden Ensemble des Linzer Landestheaters (Kompliment & Pauschallob!) ragen der stimmstarke und  wortdeutliche Aegisth des Matthäus Schmidlechner und die Fünfte Magd der Theresa Grabner heraus. Michael Wagner steigert sich als Orest nach allzu verhaltenem Beginn bei „…Ich muss hier warten …“ zum auch bass-baritonal entschlossenen Racheengel. Die Rolle des Pflegers (Philipp Krajnc) wird zum Ende actionmäßig extrem „aufgewertet“, wenn er den gesamten Hofstaat, die Mägde,… mit Pistole bewaffnet, hinmetzelt.

Die Besprechung darf nicht schließen, ohne das großartige Bruckner Orchester Linz und den Chefdirigenten Markus Poschner ausgiebig zu würdigen. Poschner ist ein souveräner musikalischer Leiter der Marke „Gewusst-wie“. Bei Richard Strauss, bei Richard Wagner und natürlich, wichtig für Linz, bei Anton Bruckner, liegen seine besonderen Stärken – freilich ist das Repertoire dieses Könners am Pult noch weit umfangreicher!

Er fächert die Klangrhetorik des Richard Strauss perfekt auf, man hört Nebenstimmen, die sonst oft untergehen. Die Bandbreite reicht von großer Zartheit (ich bin geneigt, mich selbst zu korrigieren: Elektra ist über weite Strecken kein lautes Stück!) bis hin zu Steigerungen von brutaler Wildheit und schneidend greller Gangart. Poschner ist eine starke Persönlichkeit am Pult, weiß seinen künstlerischen Willen überzeugend darzulegen, und das Orchester setzt dieses Wollen perfekt disponiert, klangmächtig, begeisternd um.

Große Publikumszustimmung. Ovationen vor allem für Miina-Liisa Verälä, den Dirigenten und das Orchester.

Karl Masek

 

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